„Ich ge­he mit ei­ner Trä­ne“

Chris­toph Chor­herr zieht sich mit En­de des Jah­res aus der Po­li­tik zu­rück und wird Bio­bä­cker. Trotz der Unesco-Kri­tik am He­u­markt-Pro­jekt geht der grü­ne Ge­mein­de­rat da­von aus, dass Wien sei­nen Sta­tus als Welt­kul­tur­er­be­stät­te be­hält.

Der Standard - - CHRONIK - IN­TER­VIEW: Wo­jciech Cza­ja CHRIS­TOPH CHOR­HERR (57) ist seit 1997 Ge­mein­de­rat der Grü­nen in Wien.

STAN­DARD: Ha­ben Sie ein Lieb­lings­brot?

Chor­herr: Ein dunk­les Rog­gen­brot, frisch aus dem Ofen, mit ei­nem Hauch But­ter. Der Ge­schmack und der Ge­ruch ero­ti­sie­ren mich.

STAN­DARD: Sie wol­len sich mit En­de des Jah­res aus der Po­li­tik zu­rück­zie­hen und ei­ne Bä­cke­rei er­öff­nen. War­um ge­ra­de Bä­cker?

Chor­herr: Ei­nes mei­ner Ur­glücks­ge­füh­le war im­mer schon das Vor­bei­ge­hen an ei­ner Bä­cke­rei. Bä­cker zu wer­den war für mich ei­nes von 298 Pro­jek­ten, von de­nen man träumt und bei de­nen man sich si­cher ist, dass dar­aus erst im nächs­ten Le­ben et­was wird.

STAN­DARD: Schon bei Ih­ren s2­ar­chSchul­pro­jek­ten in Süd­afri­ka ha­ben Sie ver­sucht, den Bio­bä­cker Hel­mut Grag­ger nach Jo­han­nes­burg zu lo­cken und mit ihm ei­ne Ko­ope­ra­ti­on vor Ort zu star­ten. Der Ver­ein hat Ih­nen zu­letzt aber we­nig Glück ge­bracht.

Chor­herr: Durch die Vor­wür­fe, die letz­tes Jahr auf­ge­taucht sind, war es schwie­rig, das Pro­jekt vor­an­zu­trei­ben und die Schu­len in Zon­ki­ziz­we so­wie in Mz­am­ba an der Wild Co­ast wei­ter­zu­bau­en. Doch dank der vie­len Un­ter­stüt­zer war es mög­lich, wei­ter­zu­ma­chen. Die Bau­pha­se ist nun wei­test­ge­hend ab­ge­schlos­sen.

STAN­DARD: Für die Er­rich­tung der Schu­len ha­ben Sie Spen­den von It­huba Ca­pi­tal an­ge­nom­men. Das Un­ter­neh­men ge­hör­te bis 2009 dem In­ves­tor Micha­el To­j­ner, der wie­der­um das Pro­jekt He­u­markt Neu ent­wi­ckelt. Das hat Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe aufs Ta­pet ge­bracht.

Chor­herr: Mein En­ga­ge­ment für Süd­afri­ka hat 1996 be­gon­nen. Das war 14 Jah­re, be­vor wir in die Stadt­re­gie­rung ge­kom­men sind. Ich ha­be mich im­mer schon als un­ter­neh­me­ri­schen Po­li­ti­ker ge­se­hen – mit dem Ziel, gu­te Din­ge in die Welt zu brin­gen. Wer viel tut, geht Ri­si­ko ein.

STAN­DARD: Zu viel Ri­si­ko?

Chor­herr: Es hät­te ei­ne Mög­lich­keit ge­ge­ben, das Ri­si­ko nicht ein­zu­ge­hen und mich die­sen Vor­wür­fen nicht aus­zu­set­zen – wenn ich die­se Schu­len nicht ge­baut und 600 Kin­dern nicht die Mög­lich­keit ge­bo­ten hät­te, zu ler­nen. Wenn ich das nicht ge­macht hät­te, wür­de ich kei­ne Schwie­rig­kei­ten ha­ben. Ich weiß, dass mei­ne Tä­tig­keit als Man­da­tar nicht ei­nen Hauch von ir­gend­wel­chen Spen­den­gel­dern be­ein­flusst war. Es gibt kei­nen ein­zi­gen Fall, wo sich die­ser Ver­dacht be­stä­tigt hät­te. Es gibt nur bös­ar­ti­ge Un­ter­stel­lun­gen.

STAN­DARD: Die Me­lan­ge aus Pro­jekt­ent­wick­ler und Po­li­ti­ker hat ei­nen Schat­ten auf Ih­re Kar­rie­re ge­wor­fen. Ist das mit ein Grund für Ih­ren Rück­zug?

Chor­herr: Nein, denn ich ha­be mir im­mer schon vor­ge­nom­men, dann zu ge­hen, wenn der Ab­schied noch schwer­fällt und wenn die Freu­de an die­sem Be­ruf ge­gen­über der Nicht­freu­de über­wiegt. Wie­wohl ich ge­ste­hen muss, dass es ei­ne gro­ße Über­win­dung ist, so ei­ne Ent­schei­dung zu fäl­len. Ich ge­he mit ei­ner Trä­ne.

STAN­DARD: Hat das He­u­mark­tPro­jekt den Wie­ner Grü­nen Scha­den zu­ge­fügt?

Chor­herr: Ich den­ke, wir ha­ben mehr be­wirkt, als es ei­ner 12,5Pro­zent-Par­tei ent­spricht. Im Herbst 2020 wer­den wir se­hen, wie die Be­völ­ke­rung die­se zehn Jah­re Re­gie­rungs­be­tei­li­gung be­ur­tei­len wird.

STAN­DARD: Wie wird es mit dem He­u­markt-Pro­jekt und dem Welt­kul­tur­er­be wei­ter­ge­hen?

Chor­herr: Ich ge­he da­von aus, dass das Pro­jekt rea­li­siert wird. Der Flä­chen­wid­mungs­plan ist be­schlos­sen. Ich ken­ne die Dis­kus­si­on mit der Unesco, und ich bin mir si­cher, dass uns das Welt­kul­tur­er­be nicht ab­er­kannt wird – al­lein schon da­durch, dass ein Hoch­haus am Ran­de der In­nen­stadt bei wei­tem nicht das Po­ten­zi­al hat, den Uni­que Va­lue ei­ner so reich­hal­ti­gen Stadt zu be­ein­träch­ti­gen. In ein paar Jah­ren wird man Wien wie­der von der Ro­ten Lis­te neh­men.

STAN­DARD: Seit Jah­ren set­zen Sie sich an­ge­sichts stei­gen­der Be­völ­ke­rungs­zah­len und Im­mo­bi­li­en­prei­se für ei­ne Ver­dich­tung Wi­ens ein. Das hat zu Kon­flik­ten und Bür­ger­initia­ti­ven ge­führt.

Chor­herr: Wenn man Grün­raum schüt­zen will und auf die Re­duk­ti­on von Ver­kehr und CO2 setzt, ist nicht die Su­bur­ba­ni­sie­rung der Weg, den man ge­hen muss, son­dern die kon­ti­nu­ier­li­che Ver­dich­tung der wach­sen­den Stadt. Dann kann es auch ein­mal sein, dass mit­ten in der Stadt ein Baum ent­fernt wird und ei­nem Wohn­haus Platz ma­chen muss.

STAN­DARD: Wien spricht zwar von Wachs­tum, aber kaum von Ver­dich­tung. Hat die Stadt ei­nen In­for­ma­ti­ons­auf­trag ver­ab­säumt?

Chor­herr: Stadt­pla­nung ist nicht Twit­ter. Stadt­pla­nung ist ei­ne ex­trem kom­ple­xe Ma­te­rie, die viel Zeit braucht und die wahn­sin­nig schwer zu kom­mu­ni­zie­ren ist. Vi­el­leicht tut die Stadt hier zu we­nig, um die­se Sach­ver­hal­te und Wech­sel­be­zie­hun­gen der Be­völ­ke­rung nä­her­zu­brin­gen.

STAN­DARD: In ei­ni­gen grün­der­zeit­li­chen Vier­teln in Wien wer­den ge­ra­de Auf­zo­nun­gen vor­ge­nom­men. Auf be­ste­hen­den Ge­bäu­de­par­zel­len wird die Bau­klas­se ver­än­dert und die zu­läs­si­ge Bau­hö­he nach oben kor­ri­giert. Die meis­ten An­rai­ner sind da­ge­gen. Chor­herr: Ich ver­ste­he und re­spek­tie­re, dass es An­rai­ner­in­ter­es­sen gibt, aber das sind eben par­ti­ku­la­re In­ter­es­sen, die nur ei­nen Teil, wenn auch ei­nen re­le­van­ten, des gro­ßen Gan­zen aus­ma­chen.

STAN­DARD: Im No­vem­ber soll die no­vel­lier­te Wie­ner Bau­ord­nung ab­ge­seg­net wer­den. Erst­mals wird dar­in ge­för­der­ter Wohn­bau als ei­ge­ne Wid­mungs­ka­te­go­rie ge­führt. In wel­cher Form sol­len be­reits ge­wid­me­te Grund­stü­cke um­ge­wid­met wer­den?

Chor­herr: Ei­gen­tum an Grund und Bo­den ist kei­ne Be­rech­ti­gung, kol­lek­ti­ve In­ter­es­sen und Be­dürf­nis­se zu igno­rie­ren. Wer al­so in Zu­kunft ein Grund­stück um­wid­men oder ver­dich­ten will, um da­mit den Wert zu stei­gern und si­gni­fi­kant mehr Um­satz zu ge­ne­rie­ren, der wird mit der Stadt ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich aus­han­deln müs­sen. Der In­ter­es­sen­aus­gleich be­inhal­tet, min­des­tens die Hälf­te der zu er­rich­ten­den Woh­nun­gen als ge­för­der­te, für Mie­ter güns­ti­ge Woh­nun­gen aus­zu­füh­ren.

STAN­DARD: Sie ha­ben beim Rück­tritt den Neu­be­ginn der Grü­nen an­ge­spro­chen. Was muss neu wer­den?

Chor­herr: Neu­be­ginn ist Neu­be­ginn. Da­her zie­he ich mich dem­nächst zu­rück. Ich will der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on Platz ma­chen.

STAN­DARD: War­um un­ter­stüt­zen Sie ganz of­fen den grü­nen Ge­mein­de­rat Pe­ter Kraus?

Chor­herr: Pe­ter Kraus ver­kör­pert für mich et­was, was die Po­li­tik jetzt drin­gend braucht. Er ist je­mand, der ver­söhnt und nicht spal­tet, der auf den An­ders­den­ken­den zu­geht, der auch mit je­nen Men­schen Bünd­nis­se schließt, die an­de­rer Mei­nung sind als er.

STAN­DARD: Wie lau­ten die Zu­ta­ten für das per­fek­te Chor­herr­we­ckerl?

Chor­herr: Das, was drin­nen ist, kennt man. Es schmeckt wirk­lich gut. Man weiß, dass man beim Rein­bei­ßen die un­ter­stützt, die die Welt nicht schlech­ter, son­dern ein bissl bes­ser ma­chen.

„ Neu­be­ginn ist Neu­be­ginn. Da­her zie­he ich mich dem­nächst zu­rück. Ich will der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on Platz ma­chen. “

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.