„Die Deut­schen wis­sen nicht, was spei­ben ist“

In Wolf­gang Murn­ber­gers neu­em ORF-Land­kri­mi er­mit­telt To­bi­as Mo­ret­ti im Wie­ner Rot­licht­mi­lieu. Der Re­gis­seur spricht über rau­en Ton, Dia­lek­te und dar­über, war­um er sich Un­ter­ti­tel für Deutsch­land wünscht.

Der Standard - - KOMMUNIKATION - Oli­ver Mark

NINTERVIEW:

ach Da­vid Schal­kos Hö­hen­stra­ße in­sze­niert Wolf­gang Murn­ber­ger mit Ach­ter­bahn (Dreh­buch: Ru­pert Hen­ning) den zwei­ten Wie­ner ORF-Land­kri­mi. To­bi­as Mo­ret­ti soll im Rot­licht­mi­lieu auf­räu­men, er selbst ist aber al­les an­de­re als auf­ge­räumt. „Sau­stall nichts da­ge­gen“, wür­de wahr­schein­lich Wolf Haas da­zu schrei­ben, des­sen Bren­ner-Kri­mis brach­te Murn­ber­ger auf die Lein­wand. Zu se­hen ist Ach­ter­bahn am Mitt­woch, 12. De­zem­ber, um 20.15 Uhr in ORF 1.

In Ih­rem Film herrscht ein rau­er Ton. Braucht es die­se ras­sis­ti­sche Spra­che wie „Scho­ko­brüs­te“, um das Rot­licht­mi­lieu glaub­wür­dig zei­gen zu kön­nen? Murn­ber­ger: Ich fin­de su­per, dass man au­then­tisch sein darf, auch wenn es po­li­tisch nicht kor­rekt ist. Sonst müss­te man al­les ni­vel­lie­ren. Schwie­rig wird es, wenn der Er­mitt­ler dau­ernd ras­sis­tisch ist, aber wenn der Striz­zi ras­sis­tisch ist, ist das au­then­tisch. Ich kann die Gau­ner nicht po­li­tisch kor­rekt ma­chen. Dann wä­ren sie vi­el­leicht gar kei­ne Gau­ner mehr (lacht). Ich muss ei­nen Mör­der ei­nen Mord be­ge­hen las­sen, auch wenn das ver­bo­ten ist. Ge­nau­so muss ich ei­nem Gau­ner sei­ne Spra­che las­sen.

Auf­fäl­lig ist auch die­se Ti­tel­geil­heit, dau­ernd ist von Ma­gis­ter oder In­ge­nieur die Re­de. Ty­pisch ös­ter­rei­chisch? Murn­ber­ger: Das ist die Spra­che in dem Mi­lieu. Al­le ha­ben Spitz­na­men. Die Ge­schich­te ba­siert auf ei­ner wah­ren Be­ge­ben­heit aus den 90er-Jah­ren. Es gab ei­nen Po­li­zei­prä­si­den­ten, der Ver­bin­dun­gen zum Rot­licht­mi­lieu hat­te. Vor ei­ner Raz­zia hat er im Puff an­ge­ru­fen, um zu war­nen. Da ha­ben al­le so ge­hei­ßen: der Lan­ge, der Kur­ze, der In­ge­nieur.

Der Ti­ro­ler To­bi­as Mo­ret­ti spielt ei­nen Wie­ner Kom­mis­sar. Hat er ei­nen Sprach­kurs ge­macht? Murn­ber­ger: Er ver­sucht im­mer, sich an­zu­pas­sen. Er hat ge­fragt: Wie lan­ge bin ich jetzt schon in Wi­en? Ich ha­be ge­sagt, 15 Jah­re. Das heißt, man kann das Ti­ro­le­ri­sche schon mer­ken, ich tue mir aber schwer, die er­fun­de­nen Dia­lek­te zu glau­ben. Für mich ist es schwie­rig, wenn ein Schau­spie­ler, der so durch sei­nen Dia­lekt ge­prägt ist, ein Wie­ner et­wa, in ei­nem Kri­mi plötz­lich vor­arl­ber­ge­risch re­den soll. Es hat mir aber sehr viel Spaß ge­macht, wie­der mit dem To­bi­as zu dre­hen. Das war der drit­te ge­mein­sa­me Film. Er bringt so wahn­sin­nig viel Ener­gie mit, gibt im­mer hun­dert Pro­zent. Er ist ein Perfektionist und ein Ar­beits­tier.

Wunsch­be­set­zung? Murn­ber­ger: Er war schon in der Idee da, be­vor klar war, dass es ein Land­kri­mi wird. Wir be­mü­hen uns sonst, die Kri­mis mit Schau­spie­lern aus dem je­wei­li­gen Land zu be­set­zen. Na gut, in der Stei­er­mark er­mit­teln mit Mi­ri­am St­ein und Har­ry Prinz Wie­ner. Wir ha­ben ge­sagt, das ist ein Wie­ner, der nach Graz ver­setzt wur­de (lacht). Weil De­ge­to (ARD-Pro­duk­ti­ons­fir­ma, Anm.) da­bei ist, ver­su­chen wir, im­mer auch ei­nen zug­kräf­ti­gen Deut­schen da­bei zu ha­ben, was nicht im­mer so ein­fach ist.

Neh­men Sie beim Dia­lekt Rück­sicht, dass er auch in Deutsch­land ver­stan­den wird? Murn­ber­ger: Für die Deut­schen ma­chen wir ei­ne leicht syn­chro­ni­sier­te Fas­sung. Mein Wunsch wä­re, dass man es un­ter­ti­telt. Man lässt sie stei­risch re­den und un­ter­ti­telt die paar Sät­ze, die Deut­sche nicht ver­ste­hen. So wie al­le Tür­ken, die im Film tür­kisch re­den, deut­sche Un­ter­ti­tel be­kom­men. Das heißt ja nicht, dass der ge­sam­te Film un­ter­ti­telt wer­den muss. Man weiß ja be­reits beim Dreh­buch, was sie nicht ver­ste­hen.

Zum Bei­spiel? Murn­ber­ger: Beim Bren­ner Ewi­ges Le­ben: „Er hat in die Ab­wasch gschbie­ben“ver­steht in Deutsch­land nie­mand. Die Deut­schen wis­sen nicht, was spei­ben ist, und sie wis­sen nicht, was ei­ne Ab­wasch ist. Ich möch­te aber den Jo­sef Ha­der oder den Ro­land Dü­rin­ger nicht sa­gen las­sen: „Er hat in die Spü­le ge­rei­hert.“So ver­grä­me ich mir das ös­ter­rei­chi­sche Pu­bli­kum. Er könn­te im Film sa­gen: „Er hat in die Ab­wasch gschbie­ben.“Als Un­ter­ti­tel schrei­be ich: „Er hat in die Spü­le ge­rei­hert.“Das ver­ste­hen sie auch in Ham­burg, und ich blei­be au­then­tisch in Ös­ter­reich und Bay­ern. Pro­ble­me ha­ben ja nur die Nord­deut­schen. Ein Gau­ner im Rot­licht­mi­lieu las­se sich nicht po­li­tisch kor­rekt dar­stel­len, sonst ge­he die Glaub­wür­dig­keit der Fi­gur ver­lo­ren, sagt der Re­gis­seur Wolf­gang Murn­ber­ger über die Striz­zis in sei­nem Land­kri­mi.

Beim Wie­ner „Tat­ort“ha­ben Sie auch das Pro­blem? Murn­ber­ger: Ja, es wä­re ei­ne ech­te Er­run­gen­schaft, wenn es so weit kä­me, dass man das ein­fach ein­schal­ten kann. Tech­nisch muss das ge­hen: Wenn man will, ak­ti­viert man die Un­ter­ti­tel. War­um schau­en mei­ne Kin­der so ger­ne Net­flix? Weil sie lie­ber Ori­gi­nal schau­en. Es ren­nen halt die deut­schen Un­ter­ti­tel mit.

Der ras­sis­ti­sche Slang muss nicht ent­schärft wer­den? Murn­ber­ger: Das Fern­se­hen wird im­mer mu­ti­ger. Für 20.15 Uhr fin­de ich un­se­ren Film ver­hält­nis­mä­ßig schmut­zig. Der kok­sen­de Po­li­zist, wäh­rend in Deutsch­land aus­ge­ge­ben wur­de, dass Er­mitt­ler nicht mehr rau­chen dür­fen.

Die­se Ent­wick­lung ge­fällt Ih­nen nicht? Murn­ber­ger: Ich fin­de es ko­misch, wenn das so ri­go­ros ist. Heißt das, dass nie wie­der ein Er­mitt­ler rau­chen darf? Ich ver­ste­he schon den An­satz, dass man nicht Wer­bung da­für ma­chen soll, wenn sich ein coo­ler Typ ei­ne an­raucht, aber mein Gott. Ich glau­be, man muss ler­nen, da­mit um­zu­ge­hen.

WOLF­GANG MURN­BER­GER (58) ist ein ös­ter­rei­chi­scher Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor. Er in­sze­nier­te zahl­rei­che Ki­no- und TV-Fil­me wie die Bren­ner-Kri­mis, „Tat­ort“-Fol­gen, Stei­rer-Land­kri­mis, die „Brü­der“-Tei­le und „Lu­is Tren­ker“. p Lang­fas­sung: derStan­dard.at/Etat

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