Die Ein­zel­fäl­le sind nicht gest­rig

Ein­schlä­gi­ge Vor­komm­nis­se in der FPÖ sind auch ein Pro­blem für die ÖVP

Der Standard - - KOMMENTAR - Pe­tra Stui­ber

Das Ver­hält­nis der FPÖ zu Neo­na­zis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Rechts­ex­tre­mis­mus – ei­gent­lich glaubt Heinz-Chris­ti­an Stra­che, al­les zu die­sen The­men ge­sagt zu ha­ben. Trotz­dem hat sich der Vi­ze­kanz­ler und FPÖ-Chef ei­nem In­ter­view ge­stellt, bei dem es – auch – dar­um ging. Das muss man po­si­tiv an­er­ken­nen. Aus sei­ner Sicht ist al­les klar – und wenn man sich sei­ne gro­ßen öf­fent­li­chen Auf­trit­te an­sieht, kann man das durch­aus ver­ste­hen.

In sei­ner Fe­st­re­de zum 100. Ge­burts­tag der Re­pu­blik be­ton­te der Vi­ze­kanz­ler et­wa die be­son­de­re Ver­ant­wor­tung Ös­ter­reichs si­cher­zu­stel­len, dass sich die Ver­bre­chen der NS-Zeit nie mehr wie­der­ho­len dür­fen. Er mahn­te ein, das Ver­bin­den­de über das Tren­nen­de zu stel­len, und er sag­te, Frei­heit, Un­ab­hän­gig­keit und Frie­den gel­te es nur und aus­schließ­lich mit de­mo­kra­ti­schen Mit­teln si­cher­zu­stel­len. Es war ei­ne star­ke Re­de.

Be­reits auf dem um­strit­te­nen Aka­de­mi­ker­ball En­de Jän­ner hat­te Stra­che im Zu­ge der Lie­der­buch­af­fä­re Udo Land­bau­er, den da­ma­li­gen FPÖ-Spit­zen­kan­di­da­ten für die Land­tags­wahl in Nie­der­ös­ter­reich, ver­ur­teilt. „Es ist un­se­re Pflicht, klar Stel­lung zu be­zie­hen ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus und to­ta­li­tä­res Den­ken“, sag­te er da­mals. Man kann dar­über spe­ku­lie­ren, ob das auf Druck von Se­bas­ti­an Kurz ge­sche­hen ist – im­mer­hin war die tür­kis-blaue Ko­ali­ti­on ge­ra­de erst an­ge­lobt wor­den. Je­den­falls hat Stra­che – aus sei­ner Sicht – seit­her im­mer wie­der klar Stel­lung be­zo­gen. Für ihn lie­gen die „Ein­zel­fäl­le“, in de­nen FPÖ-Funk­tio­nä­re und/oder -Man­da­ta­re und/oder -Mit­ar­bei­ter ein­schlä­gig auf­fäl­lig ge­wor­den sind, in der Ver­gan­gen­heit. em ge­gen­über steht aber die Lis­te der „Ein­zel­fäl­le“, die

seit Re­gie­rungs­ein­tritt der FPÖ und der ers­ten ein­schlä­gi­gen Auf­fäl­lig­keit führt. Sie folgt kei­ner his­to­ri­schen Chro­no­lo­gie. Sie reicht bis in die Ge­gen­wart, wei­ter­hin wer­den auch aus FPÖ-Krei­sen Si­gna­le an das rechts­ex­tre­me La­ger ge­sandt – Si­gna­le, die je­ne ver­ste­hen, die sie ver­ste­hen sol­len. Stra­ches Pro­blem ist nicht, dass sich sei­ne Par­tei nicht von den Gräu­eln der Ver­gan­gen­heit dis­tan­ziert. Sein Pro­blem sind je­ne ein­fluss­rei­chen Krei­se in der FPÖ, die der Her­ren­ras­sen-Ideo­lo­gie noch im­mer an­hän­gen – ob heim­lich oder ganz of­fen. Es sind die­sel­ben Krei­se, die Jörg Hai­der und

DSu­san­ne Riess-Pas­ser los­wer­den woll­ten, nach­dem die FPÖ Ju­ni­or­part­ner in der schwarz-blau­en Re­gie­rung ge­wor­den war. Die da­ma­li­ge FPÖ zer­brach – nicht nur an Hai­ders Hy­bris, auch an die­sen in­ne­ren Wi­der­sprü­chen.

Das na­tio­na­le La­ger hob Stra­che da­mals auf den Schild. Nun tut er sich schwer, die­ses La­ger wie­der ab­zu­schüt­teln. Die Kräf­te, die ihn hal­ten, sind auch je­ne Kräf­te, die an ihm zer­ren. Zu­dem ist Stra­ches ei­ge­ne Hal­tung wi­der­sprüch­lich: Ei­ner­seits ver­ur­teilt er rechts­ex­tre­me Vor­komm­nis­se, an­de­rer­seits ver­tei­digt er im­mer wie­der FPÖ­ler, die da­rin in­vol­viert sind. Da­zu passt, dass die Durch­leuch­tung der Bur­schen­schaf­ten noch im­mer auf sich war­ten lässt.

Nicht nur für die FPÖ ist das ein Pro­blem – auch die ÖVP wird in die Sa­che hin­ein­ge­zo­gen. Bun­des­kanz­ler Kurz schweigt zu­meist zu den Ein­zel­fäl­len der FPÖ. Der Be­griff „Schwei­ge­kanz­ler“, ge­ra­de zum Un­wort des Jah­res ge­kürt, re­sul­tiert aus die­ser neu­tra­len Hal­tung, die ei­ne Staats­ver­trags­par­tei im Grun­de nicht ein­neh­men darf.

Ein wür­di­ger Ab­schluss des Ge­denk­jah­res 2018 wä­re es, wenn sich die FPÖ die­sen dunk­len Sei­ten end­lich stel­len wür­de. Die Zei­chen da­für ste­hen schlecht.

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