Ge­mein­sam aus der Woh­nungs­kri­se

Ei­ne Kon­fe­renz in Wi­en be­schäf­tig­te sich mit leist­ba­rem Woh­nen

Der Standard - - IMMOBILIENSTANDARD -

Wi­en – Im Stadt­zen­trum von Du­blin gin­gen vor we­ni­gen Ta­gen tau­sen­de Men­schen auf die Stra­ße. Vier Jah­re nach­dem der Ob­dach­lo­se Jo­na­than Cor­rie in ei­nem Haus­ein­gang der iri­schen Haupt­stadt ge­stor­ben war, pro­tes­tier­ten die Iren er­neut ge­gen ei­ne Woh­nungs­kri­se, die im­mer mehr Men­schen in die Ob­dach­lo­sig­keit treibt. Auch in an­de­ren eu­ro­päi­schen Städ­ten wird ge­gen stei­gen­de Wohn­prei­se mo­bil­ge­macht: 30.000 Münch­ner ha­ben erst im Sep­tem­ber ge­gen Miet­wu­cher und so­zia­le Aus­gren­zung de­mons­triert. Hier wur­den Mie­ter­stamm­ti­sche ge­grün­det, bei de­nen sich die an­ge­sichts von In­ves­to­ren­in­ter­es­sen mas­siv in Be­dräng­nis kom­men­den Mie­ter zu­neh­mend ver­net­zen. Auch in Stutt­gart setz­ten sich wü­ten­de Mie­ter erst vor we­ni­gen Ta­gen ge­gen ih­ren Ver­mie­ter, ei­nen gro­ßen Woh­nungs­kon­zern, zur Wehr.

„Die Un­ru­hen ha­ben schon be­gon­nen“, ur­teilt Lei­la­ni Farha, UN-Son­der­be­auf­trag­te für das Recht auf Woh­nen. Sie war vor we­ni­gen Ta­gen bei der Kon­fe­renz „Hou­sing for All – Af­for­da­ble Hou­sing in Gro­wing Ci­ties in Eu­ro­pe“ge­mein­sam mit rund 300 Teil­neh­mern aus 36 Län­dern zu Gast. Woh­nen ist für die Ka­na­die­rin „ein Men­schen­recht, kei­ne Wa­re“. Sie kri­ti­sier­te in ih­rer Keyno­te, dass die Ob­dach­lo­sig­keit in fast ganz Eu­ro­pa zu­nimmt, was in vie­len Fäl­len im Zu­sam­men­hang mit den ra­sant stei­gen­den Woh­nungs­prei­sen ste­he.

Die Ju­ris­tin Farha macht für die Preis­ent­wick­lung den Neo­li­be­ra­lis­mus ver­ant­wort­lich. „Noch nie da ge­we­se­ner Reich­tum wird im Wohn­bau ge­parkt“, so Farha. Das er­ge­be viel Pro­fit für ei­ni­ge we­ni­ge. Für den Rest der Be­völ­ke­rung wür­den die Mie­ten stei­gen, die Miet­ver­trä­ge auf­ge­kün­digt, der Woh­nungs­be­stand ver­nach­läs­sigt – und durch Neu­bau­pro­jek­te nur noch das Lu­xus­seg­ment be­dient.

82 Mil­lio­nen Eu­ro­pä­er müs­sen laut Zah­len der Wohn­bau­for­sche­rin Or­na Ro­sen­feld ak­tu­ell mehr als 40 Pro­zent ih­res Haus­halts­ein­kom­mens für das Woh­nen auf­wen­den, weil die Woh­nungs­prei­se und Mie­ten in den Bal­lungs­räu­men so mas­siv ge­stie­gen sind. Das ist zu viel, wa­ren sich die Ex­per­ten ei­nig. Die War­te­lis­ten für so­zia­le Wohn- pro­jek­te sei­en eu­ro­pa­weit so lang wie nie, be­rich­te­te Ro­sen­feld. Acht von 20 der welt­weit teu­ers­ten Städ­te lie­gen in Eu­ro­pa. „Wir müs­sen uns schon fra­gen: Sind das Su­per­stars – oder ist es ei­ne Bla­se?“

Be­son­ders Bar­ce­lo­na kämpft mit ex­plo­die­ren­den Im­mo­bi­li­en­prei­sen. „Es ist ei­ne glo­ba­le Dy­na­mik mit ei­nem lo­ka­len Im­pact“, be­schrieb es Laia Or­tiz, Vi­ze­bür­ger­meis­te­rin der Stadt. Auch Rui Ne­ves Boch­mann Fran­co, stell­ver­tre­ten­der Wohn­bau­stadt­rat von Lis­s­a­bon, be­rich­te­te von „gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen, die durch tou­ris­ti­sche Platt­for­men und glo­ba­le Im­mo­bi­li­en­in­ves­to­ren ver­ur­sacht wer­den“.

Die Wie­ner Stadt­po­li­tik nutz­te die Ge­le­gen­heit, sich bei der Kon­fe­renz als Vor­zei­ge­stadt zu prä­sen­tie­ren. Die Stadt wur­de wie­der­holt von Mer­cer zur Stadt mit der höchs­ten Le­bens­qua­li­tät ge­wählt. Hier le­ben 62 Pro­zent der Be­woh­ner im ge­för­der­ten Wohn­bau bzw. in Ge­mein­de­woh­nun­gen. Und bis 2020 sol­len wei­te­re 14.000 ge­för­der­te Woh­nun­gen auf Schie­ne ge­bracht wer­den. Aber auch Wi­en ste­he vor Her­aus­for­de­run­gen, be­rich­te­te Wohn­bau­stadt­rä­tin Kath­rin Gaal (SPÖ), et­wa durch glo­ba­le In­ves­to­ren, ho­he Grund­stücks- und Bau­kos­ten, die güns­ti­ges Bau­en und Woh­nen im­mer schwie­ri­ger ma­chen.

Maß­nah­men­ka­ta­log prä­sen­tiert

Was bei der Kon­fe­renz klar wur­de: Die Städ­te müs­sen an­ge­sichts die­ser glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen mit­ein­an­der ko­ope­rie­ren – und die Wohn­po­li­tik muss auch auf EU-Ebe­ne künf­tig mehr Be­ach­tung fin­den.

Die zwei­tä­gi­ge Kon­fe­renz in Wi­en bil­de­te den Ab­schluss der EU-Städ­te­part­ner­schaft zum The­ma Woh­nen. In de­ren Rah­men ha­ben sich Fach­leu­te aus Städ­ten, Mit­glied­staa­ten, der EU-Kom­mis­si­on, der EIB, dem In­ter­na­tio­na­len Mie­ter­bund und von Hou­sing Eu­ro­pe in den letz­ten drei Jah­ren mit be­zahl­ba­rem Wohn­raum be­schäf­tigt. Nun wur­de ein Maß­nah­men­ka­ta­log vor­ge­legt. Da­rin ent­hal­ten sind Emp­feh­lun­gen an den EU-Ge­setz­ge­ber, et­wa zur Schaf­fung von mehr In­ves­ti­ti­ons­spiel­räu­men für Städ­te. „Jetzt ist die EU-Ge­setz­ge­bung am Zug“, so der Wie­ner Bür­ger­meis­ter Micha­el Lud­wig (SPÖ). (zof)

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