Der Standard : 2018-12-07

ALBUM : 45 : A1

ALBUM

Freitag, 7. Dezember 2018 Rezension Porträt Vilma Pflaum Interview Abschottungspläne: Neue Bücher befassen sich mit Mauern und Grenzzäunen rund um den Globus. A 4 & 5 Selbstermächtigung: Künstlerin hat ihre Kindheit in der Otto-Muehl-Kommune verbracht. A 7 „Alles nur Fassade?“, fragt sich die deutsche Architekturhistorikerin in ihrem neuen Buch. A 8 Turit Fröbe Falltür auf, Kind rein, Falltür zu Eine Idylle. Doch war da nicht noch etwas? Gab’s da nicht so ein berüchtigtes Heim für schwererziehbare Kinder? Oder war’s auch nur eine Sonderschule? Vor zehn Jahren wurde das Tiroler Kinderheim Martinsbühel geschlossen. Für Heidi F. waren die acht Jahre im Mädchenheim der Benediktinerinnen ein Martyrium, für das bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Sabine Wallinger REPORTAGE: Rettung aus höchster Not von Innsbruck, als Skifahrerin, Langläuferin, Ausflüglerin, Reisende oder Heimkehrende, erst auf der Bundesstraße auf dem Rücksitz im Auto meiner Eltern, später auf der Autobahn im eigenen Auto, bald mit meinen Kindern auf dem Rücksitz. Als ich klein war, wurde mir gesagt, dort seien die „ganz schlimmen Kinder“eingesperrt. In meiner Erinnerung bildete der seltsame Hügel eine Insel im Inn. So eine Art Tiroler Mont-Saint-Michel. Heute bin ich ganz erstaunt, dass das ehemalige Mädchenheim der Benediktinerinnen von 1947 bis 2008 bestand. Geografisch wäre es all die Zeit zugänglich gewesen, doch zur Zeit ihres Bestehens war die Mädchenburg Sperrgebiet. „Klein-Alcatraz“nannten sie ihre Insassinnen. Erstmalig habe ich nun diese nahe, fremde, kalte Insel betreten, von der aus betrachtet alles mir bisher Vertraute schlagartig zur „Außenwelt“wird. Zwar höre ich später an ebenjener Stelle, hoch über dem Martinsbühel, eine Grotte in den senkrechten Felsen schlagen und ein großes Gedenkkreuz anbringen. Auch ein steinernes Denkmal an der Bundesstraße von Innsbruck nach Zirl erinnert an die dramatische Episode samt glücklichem Ausgang. Zur Maximiliansgrotte führt heute ein gesicherter Steig durch die Martinswand, für den der Wanderer weder Kletterausrüstung noch Engel benötigt. Von dort oben lässt man den Blick über Unter- und Oberinntal schweifen, senkt ihn vielleicht kurz auf den Martinsbühel hinab, wo Maximilians Jagdschloss heute noch steht: St. Martinsberg, der Palas einer mittelalterlichen Burganlage, ein mehrstöckiges Gebäude mit dicken Steinmauern und kleinen Fenstern. Seine Kellergewölbe sind in einen Felsen gehauen, der an einer Engstelle zwischen Inn und Martinswand gut dreißig Meter hoch aufragt. Eine Insel in der Au. Vielleicht ist der Block in Urzeiten aus der Martinswand herausgebrochen, was deren Überhang erklären würde. Im Burghof steht eine gotische Kapelle, angeblich die älteste Kirche Nordtirols. Ringsum ein paar neuere Gebäude ohne kunsthistorischen Wert, nach deren Zweck kein Wanderer fragt. Und ein Bauernhof inmitten sanfter Wiesen und Felder, die ostwärts in antiken Steinterrassen zum Inn hinunter abfallen. Eine Idylle. Doch war da nicht noch etwas? Gab’s da nicht so ein berüchtigtes Heim für schwererziehbare Kinder? Oder war’s auch nur eine Sonderschule? Oder beides? Sind die noch in Betrieb? Genaues weiß der Wanderer nicht und genießt lieber die spektakuläre Aussicht. hier noch das gewohnte Verkehrsrauschen von Autobahn und Bundesstraße, Inntal- und Karwendelbahn. Ich sehe den Inn, die Martinswand mit ihrer Grotte, über uns baumeln angeseilte Kletterschüler mit Karabinern und Helm, doch plötzlich scheint mir das alles unendlich weit entfernt. Für die Heimkinder war die Außenwelt unerreichbar, obwohl sie ihnen täglich vor Augen stand. Sie lebten in einer Blase, gespeist aus einer dunklen Matrix mit dem Ziel, den Mädchen das Böse auszutreiben, es aus ihnen herauszubeten, herauszuschinden, herauszuprügeln, herauszuhöhnen. Heidi und ich haben uns zum Lokalaugenschein auf den Martinsbühel begeben, den Schauplatz des Verbrechens. Begangen an ihr und hunderten anderen Mädchen und Frauen aus Tirol und anderen Bundesländern. Für Heidi geht es um acht Jahre ihres Lebens, in Summe geht Wie es die Legende will, hatte sich Kaiser Maximilian I. im Jahre 1484 bei der Gämsenjagd so hoch in die schroffe, ja überhängende Martinswand nahe Innsbruck verstiegen, dass er am Ende weder vor noch zurück wusste. Verzweifelt blickte er auf sein Jagdschloss im Tal unter ihm, von wo ihm ein Pfarrer per Handzeichen die Letzte Ölung erteilte. Eine Schar Untertanen hatte sich dort unten versammelt und sah zu ihrem Kaiser hinauf, seine Gebete sanken auf sie hinab und noch mehr stiegen von unten empor. Nach tagelangem Ausharren hatte sich Maximilian schließlich bereits in den unausweichlichen Tod gefügt, doch da nahte überraschend die Rettung in Gestalt eines einfachen Bauernburschen, der ihm den sicheren Abstieg wies. Als der Kaiser unter dem Jubel der Menge im Tal angelangt war, verschwand der junge Mann im Gedränge. Es musste ein Engel gewesen sein, der den frommen Herrscher für seine Gottesfurcht mit dem Leben belohnt hatte. Aus Dankbarkeit ließ Maximilian wenige Jahre „ Wir haben uns zum Lokalaugenschein auf den Martinsbühel begeben, den Schauplatz des Verbrechens. Begangen an ihr und hunderten anderen Mädchen ... “und Frauen Wo die ganz schlimmen Kinder waren Mit Heidi F., einer ehemaligen Heiminsassin, begebe ich mich in die jüngere Vergangenheit und zugleich in ein Paralleluniversum, abgeschottet von der Außenwelt. Die Galaxie heißt „christliches Fürsorgewesen“und ist ein angestammter Wirtschaftszweig der katholischen Kirche. Ihr Planet Martinsbühel, einst von Außerirdischen bewohnt, ist mittlerweile erloschen. Ich bin in meinem Leben, ohne ihn wahrzunehmen, zahllose Male daran vorbeigefahren, ein paar Kilometer westlich Fortsetzung auf Seite A 2 i

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