Der Standard : 2018-12-07

REPORTAGE : 47 : A3

REPORTAGE

Reportage Album A 3 Freitag, 7. Dezember 2018 Rettung aus langer Not schmerzhafter Details. Eine Betroffenheitswelle wurde erzeugt – aber die allein machte keinen Heller locker. Gewiss, es geht um Bewusstmachung, um Anerkennung, die „Restitution von Würde“, aber eine materielle Restitution folgte ihr nicht. Der Optimismus der letzten Jahre ist verflogen. Die Bearbeitung ihrer Geschichte hat die ehemaligen Heimkinder aufgerieben: Öffentlichkeitsarbeit, Behördenirrwege, mangelnde Akteneinsicht, taube Ohren, fragwürdige Gutachten, eingestellte Ermittlungen, geplatzte Hoffnungen, Almosen statt Entschädigung. Ja, auch Neid und Zwietracht gab es. Denn wie sollten gerade sie, als Verbrechensopfer, geschlossen auftreten, mit all ihren unterschiedlichen Lebensläufen, Heimen, Tätern, Leiden? „Wir werden immer weniger“, sagt Heidi. „Die meisten von uns haben sig und kontrollfrei ungeeigneten Instanzen und Personen anvertraute. Daraus ist der mittlerweile 49-jährigen Heidi und somit ihren Nachkommen ein immenser Schaden erwachsen, der jeden Tag wächst. Kein Verantwortlicher will dafür aufkommen. Falltür auf, Kind hinein, Falltür zu. Bis auf weiteres geschlossen. taube Ohren, sei es bei Stadt, Bezirk, Land oder Bund, den höchstverantwortlichen Trägerinstanzen. So ruht beispielsweise Heidis Antrag auf Ersatz des langen Verdienstentgangs seit Jahren beim Bundessozialamt. In ihrer Pensionsberechnung fehlen viele Jahre der Ausbildung und des Einkommens. Trotz nachgeholter Abschlüsse konnte sie den Niedriglohnsektor nicht verlassen. Aufgeben will sie die Forderung dennoch nicht. Kirche, Orden, Stadt, Bezirk, Land und Bund schanzen einander die Verantwortung zu, doch keiner will sie haben. Es ist ein Apparat von kafkaesker Dimension. Heidi sieht sich in einem Kampf gegen Windmühlen, den sie nicht einmal in Form einer Zivilklage führen könne, denn wovon sollte sie sich einen Rechtsanwalt leisten? Und welcher Armada von Anwälten respondenz verfügt sie nicht. Ausgehende Briefe wurden diktiert, eingehende zensuriert, beigelegtes Geld wurde von den Nonnen generell „konfisziert“, sprich gestohlen. Auch die Unterhaltszahlungen, die für Heidi und die anderen Heimkinder von Eltern, Land und Bund geleistet wurden, kassierte der Orden. Eine Buchhaltung ist nicht überliefert. Alles ist weg. Die acht Jahre ihrer „Zwangs-Heimarbeit“fehlen in Heidis Pensionskonto. Dennoch sind diese Jahre nicht auszulöschen. „Es ist nicht so, als wäre man aus einer Narkose aufgewacht.“Die gesundheitlichen und psychischen Folgen haben sich ihr nachhaltig und unwiderruflich eingebrannt, sei es in Form von Lähmungen, Fehl- und Totgeburten, gebrochener Finger, fehlender Zähne und schwerer anderer körperlicher Schäden sowie Am Fuße des Gebäudekomplexes, den ich mit Heidi durchquert habe, ist eine Lourdes-Grotte in den Felsen gemauert. Davor steht eine Gedenkpyramide für Dr. Dollfuß, gewidmet von einem Neuen Österreich. Über dem Ausgang der Madonnenkapelle prangt die Inschrift „O Maria, Mutter mein, ich lade dich zum Sterben ein“. Die elf Schwestern, die ihr Erdendasein damit verbrachten, hier hunderte „schwierige Mädchen“in Schach zu halten, waren durchwegs Frauen aus einfachsten Verhältnissen ohne jede Ausbildung. Ihre Ehe mit Jesus genügte. Was sie taten, taten sie für ihn, beseelt von Angst, Wut, Verachtung und Frömmigkeit. Gottesfurcht, so sagten sie den Mädchen in guten Momenten und deuteten dabei hinauf zur Kaiser-Max-Grotte, Gottesfurcht bringt Rettung und erlöst uns von unserer irdischen Qual. Gottesfurcht und Dankbarkeit. Du musst dankbar sein, Mädchen, dass wir für dich sorgen und eine anständige Frau aus dir machen. Damit du nicht so eine wie deine Mutter wirst. Mach es wie unser Kaiser da droben und bete um deine Rettung. Heidis Gebete blieben acht Jahre lang ungehört, bis eine Bekannte ihrer Mutter die Sechzehnjährige zu sich nahm. Heidi weiß nicht, wie lange sie sonst in Martinsbühel hätte bleiben müssen. Manche waren ewig dort, Aschenputtel auf Lebenszeit, sagt sie. Nie wird sie den Moment vergessen, als sie zum ersten Mal in Freiheit auf der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße stand, voller Angst, im Menschenstrom zu ertrinken oder von einstürzenden Hausmauern erschlagen zu werden. Der Straßenlärm war unerträglich. Sie presste die Hände auf die Ohren, „und trotzdem war es wie ein Rausch“. Nach einer, wie sie sich erinnert, glücklichen Kindheit in Jenbach war Heidi von ihrem achten bis zum sechzehnten Lebensjahr im Mädchenheim Martinsbühel interniert, von 1978 bis 1985, zuvor monatelang auf der berüchtigten „Kinderbeobachtungsstation“der Psychiaterin Nowak-Vogel. Der Grund war der nach damaligen Tiroler Maßstäben „lockere Lebenswandel“ihrer Mutter, auch Alkoholprobleme ihres Stiefvaters. Nach nachbarschaftlichen Denunziationen bewirkten brachiale „Fürsorgemaßnahmen“die Zerschlagung von Heidis Herkunftsfamilie, indem sie und ihre beiden Geschwister deportiert und der Kontakt mit ihrer Mutter unterbunden wurde. Acht Jahre lang hatte sie keine Ahnung, was man mit ihr vorhatte, warum und wie lange. Besuch von der Fürsorge erhielt sie nie. Ihren älteren Bruder fand sie 27 Jahre nach der Trennung wieder. Die Hauptschule schloss sie nachträglich mit 23 Jahren ab, eine Bürolehre mit 32. Im Heim hatte sie trotz ihrer Intelligenz die Sonderschule besucht. Über Kor- Immer noch blühen die Blumen besonders schön Das Benediktinerstift Sankt Peter in Salzburg ist seit 1888 Eigentümer der Liegenschaft Martinsbühel. Die dazugehörige Bauernschaft wird weiterhin bewirtschaftet, die weitläufigen Heimund Schulgebäude sind verwaist. Wie viele Liegenschaften sich ansonsten im Besitz des Benediktinerordens befinden, wie viele Kulturgüter und wie viel liquides Vermögen, lässt sich selbst mit viel Fantasie nicht ermessen. Davor kapituliert jedes Finanzamt. Nur als 2014 vier herrenlose Millionen Euro in einer schwäbischen Klosterkassa auftauchten, kam die Finanzgebarung des Ordens kurz ins Gerede. Das ehemalige Mädchenheim Martinsbühel, nach wie vor in Kirchenbesitz, wird heute im Internet von der Tirol-Werbung, auf touristischen Blogs und sogar vom ORF Tirol als Landschaftsidylle mit historischem Unterbau vermarktet. In solchen Beiträgen lauten schwärmerische Bildunterschriften zum Beispiel „Der Innenhof und das alte Heim mit den liebevoll gepflegten Außenanlagen“. Der aktuelle Betreiber des kircheneigenen Bauernhofs propagiert sich netzwirksam als Künstler. In den einschlägigen Beiträgen darf auch der klagende Hinweis, dass „die Nonnen nicht von Vorwürfen des körperlichen und sexuellen Missbrauchs an ihnen anvertrauten Kindern verschont blieben“, nicht fehlen. Liebliche Zitherklänge begleiten auf diversen Medienkanälen das „100-Jahre-Kaiserschützen-Jubiläum“in der Kapelle Martinsbühel. Prominent wird das mittelalterliche Steingemäuer ins Bild gerückt. Rosen bekränzen den Aufgang zur Lourdes-Grotte. Denn von Mädchenblut getränkt, blühen die Blumen besonders schön. Heute wie damals. Das ehemalige Mädchenheim wird heute im Internet von der Tirol-Werbung als Landschaftsidylle vermarktet. einer posttraumatischen Belastungsstörung. Heute ist Heidi laut Amtsarzt zu 70 Prozent behindert und berufsunfähig. resigniert, viele sind krank, manche verstorben.“Zwar hätten ihnen die mediale Unterstützung und sogar offizielle Betroffenheitsbezeugungen der letzten Jahre durchaus den Rücken gestärkt, dennoch sähen sie sich der alten Zermürbungstaktik ausgesetzt: Man behandelt die Überlebenden des breitangelegtesten Verbrechens der Nachkriegszeit weiterhin als Bittsteller, anstatt sie in ihrer berechtigten Forderung nach Entschädigung wahrzunehmen. Geschweige denn sie zu ermutigen. Doch der Mündelakt „Adelheid F.“lügt nicht, so bruchstückhaft er der Betroffenen auch vorliegen mag: Die Republik Österreich hat 1977 für das damals achtjährige Kind Obsorge und Vormundschaft übernommen. Damit war es in schlechten Händen. „Vater Staat“hat die Interessen seines Mündels grob verletzt, indem er es fahrläs- sähe sich dieser gegenüber? Wie könnte sie für allfällige Gerichtskosten aufkommen, mit denen sich andere Heimopfer nach erfolglosen Zivilklagen bereits konfrontiert sahen? „Zwischen uns und den Instanzen herrscht keine Waffengleichheit“, sagt sie. Mittlerweile wurden die Schicksale der ehemaligen Tiroler Heimkinder historisch erforscht, kulturell bearbeitet und auch medial einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die vormals „schlimmen Kinder“haben dabei brav kooperiert, führten Besucher durch ihre einstigen Folterstätten, ließen ihre Geschichten und Porträts ins Internet stellen Kampf gegen Windmühlen Die Verantwortlichen, das wären die Republik Österreich, die Tiroler Jugendwohlfahrt, die beteiligten Bezirkshauptmannschaften und Gemeinden, die katholische Kirche und der Benediktiner/innen-Orden. Aber die bleiben un(an)greifbar, bis auf die paar Ausführende, jene Klosterschwestern, die für Gottes Lohn den ihnen Anbefohlenen das Leben zur Höllen machten. Die meisten sind inzwischen verstorben, die übrigen dement, also nicht mehr verhandlungsfähig. Schadenersatzforderungen ehemaliger Heimkinder, die wie Heidi für ihr Leben gezeichnet sind, stoßen auch bei weltlichen Behörden auf Sabine Wallinger, Jahrgang 1957, Studium der Germanistik und Romanistik, arbeitet als Sprachlehrerin, Übersetzerin und Lektorin in Innsbruck. Mitarbeit an der gedächtnispädagogischen Plattform „erinnern.at“. Veröffentlichung von Essays, Reportagen und Kurzgeschichten. (Jetzt reden wir! Ehemalige Heimkinder erzählen, www.heimkinder-reden.at), Foto: privat nahmen an Podiumsdiskussionen und Buchpräsentationen teil, gingen keiner Belastung aus dem Weg, auch nicht der Preisgabe intimer und ALBUM Mag. Mia Eidlhuber (Ressortleitung) E-Mail: [email protected] Türkis-Blau im Freudentaumel: eine Regierung, die hält, was sie verspricht. You ihm 1974 den Protestsong widmete: „Wenn du wirklich hören willst, was wir von dir halten: Nichts hast du geleistet.“ Dazu singen die Jackson Five den quintessenziellen Pop-Refrain („Doo doo wop! Wow wow wow doo doo wop!“), und alles zusammen ist politisch messerscharf und zum Weinen schön. ist das mit Abstand Beste, was von Richard Nixon geblieben ist. Idiotenpolitiker wie Nixon haben wir bei uns zum Glück nicht. Sebastian Kurz und H.-C. Strache haben diese Woche Regierungsbilanz gezogen und meinen: So gut wie mit uns war es noch nie. Und wenn das Kanzler und Vizekanzler unisono meinen, dann muss das stimmen. Wir haben den Bimaz Kickl, den besten Innenminister aller Zeiten, und die Bamazin Kneissl, die beste Außenministerin ever. Hartinger-Klein ist fachlich super, da nimmt man gern in Kauf, dass sie nicht so sexy ausschaut wie Kurz. Von Hofer hört man nur alle Schaltjahre etwas, was prinzipiell gut ist, und was Hubert Fuchs oder Edtstadler den Tag über treiben, weiß kein Schwein, was noch besser ist. Das beste Pferd im Ballhausstall bleibt aber Kickl. Er hält, was er verspricht. Er hat Österreich sicher gemacht. Alle Ausländer sind draußen, und nach Individuen mit erkennbarem Migrationshintergrund (Araber, Neger etc.) können Sie auf den Wiener Straßen lange suchen. Ja, Österreich ist heute so reinweiß, dass es sich die Regierung („Ausländer rein!“) sogar leisten kann, das Abwaschprekariat für die Hotellerie mit afghanischem und pakistanischem Nachwuchs zu bestücken. Kickl wird persönlich darauf schauen, dass keine Muslime darunter sind! Weil: „Dahaam statt Islam“gilt noch! Wo ist eigentlich Stevie Wonder, wenn man ihn braucht? Ein Lobgesang auf Türkis-Blau wäre überfällig. Selbst manche, denen die Familienbeihilfe gekürzt wurde, würden da freudig miteinstimmen: „Doo doo wop! Wow wow wow doo doo wop!“ Haven’t Done Nothin’ In Texas gibt es die Redewendung „Big hat, no cattle“. Die Texaner verwenden sie für jemanden, der mehr verspricht, als er hält. „A große Goschn und nix dahinter“wäre ein volkstümliches hiesiges Äquivalent. In Amerika gab es schon Politiker, die mehr versprachen, als sie hielten, Richard Nixon etwa. Das Soulgenie Stevie Wonder war von Nixons substanzlosem Politblabla so angespeist, dass er DA MUSS MAN DURCH You Haven’t Done Nothin’ Die Krisenkolumne Von Christoph Winder

© PressReader. All rights reserved.