Der Standard : 2018-12-07

BUCHER : 49 : A5

BUCHER

Bücher Album A 4 Freitag, 7. Dezember 2018 24 Jahre mit dem Taxi nachts durch Paris Ausgesuchte Außenseiter und schräge Nachtvögel: „Nächtliche Wege“sind ein hochpoetisches Defilee unterschiedlichster Gestalten. Gaito Gasdanows einschlägigen Etablissements, diese auf ihre Art Verliebten ...“ Indes, stets obsiegt die Empathie mit den Hilflosesten der Traumtänzer und Herumtreiber, seien es versoffene Clochards, traurige Huren, verquere Halbweltdamen oder von der Revolution vertriebene Russen wie der Erzähler selbst. Es sind Menschen mit vom Schicksal geschärftem Profil, deren Eigensinn und Hartnäckigkeit der Autor behutsam nachspürt: „Die Verwandlungen, die Menschen unter dem Einfluss veränderter Lebensumstände durchmachten, waren so stupend, dass ich es anfangs einfach nicht glauben wollte. Ich hatte den Eindruck, in einem gigantischen Labor zu leben, wo mit menschlichen Daseinsformen experimentiert wurde, wo das Schicksal voller Häme Schönheiten in Greisinnen, Reiche in Arme, ehrenhafte Menschen in berufsmäßige Bettler verwandelte – und das mit erstaunlicher, unglaublicher Perfektion.“ Die Tiefgründigkeit von Gasdanows Einschätzungen menschlicher Schicksale berührt umso mehr, als sie spürbar einer inneren Trostlosigkeit des Exilanten abgetrotzt ist. Seine eigene Verzweiflung und existenzielle Unbehaustheit vermag der melancholische Beobachter nicht zu verbergen, und das fügt seiner Perspektive eine zartfühlende Strenge und philosophische Nachdenklichkeit bei. Auf einen einzigen vollauf zufriedenen Menschen trifft der Erzähler bei seinen nächtlichen Streifzügen: Es ist ein Kellner in einem Nachtcafé, der von vielen mitleidig belächelt wird, weil er nichts als seine Arbeit braucht, um glücklich zu sein. Nicht von ungefähr hat man Gasdanow in die Nähe des französischen Existenzialismus gerückt. Er sei von Camus beeinflusst, heißt es. Doch mindestens so viel von der Frische seines Augenscheins, von der zupackenden Art der Beobachtung dürfte er der Anregung durch Célines damals wie ein Meteor in der literarischen Szene erschienenen Roman verdanken. Und Julien Green mit seinen sanften Schreckensbildern gehörte seinerzeit gleichfalls zu den vielbeachteten Matadoren der Pariser Literaturszene. Oliver vom Hove W er in der Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts als russischer Emigrant nachts in Paris Taxi fuhr, ist von der Verzauberung der Welt gründlich verschont geblieben. Unter Dieben, Huren, Zuhältern, haltlosen Trinkern wuchsen Abscheu und Trübsinn. Dazu kam die Verzweiflung des Exils, die Aussichtslosigkeit einer Rückkehr. Ein solcher Nachtfahrer durch die Pariser Unterwelt war der Exilrusse Gaito Gasdanow. Als Sohn ossetischer Eltern 1903 in St. Petersburg geboren, trat er 16-jährig in die Weiße Armee ein und strandete 1923 auf der Flucht vor den Bolschewisten über Umwegen in Paris. Dort schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, unter anderem als Lastenpacker und Lokomotivenwäscher. Später entschied er sich fürs nächtliche Taxifahren, um tagsüber an der Sorbonne studieren zu können. Letztlich chauffierte Gasdanow insgesamt 24 Jahre lang nachts durch Paris. Begabte Taxifahrer wissen ihr Geschäft als Schule der Menschenkenntnis zu nützen. Mit jeder Fuhre erweitern sie ihren Wissensstand. Das macht sie freilich noch nicht zum Dichter. Ein solcher aber war Gasdanow: Er speicherte seine nachhaltigsten Erlebnisse und skurrilsten Szenen, um sie seiner subtilen, hochpoetischen Sprachkraft auszuliefern. So entsteht vor den Augen des Lesers ein faszinierendes Defilee unterschiedlichster Gestalten, Alle Mauern die e Von Ungarn über Aserbaidschan und von Indien bis Sü ü Neuerscheinungen analysieren Grenzbefestigungen rund um M nicht abfinden wollen. Und nichts Positives daran erkennen, sondern nur Apokalyptisches daraus abzuleiten in der Lage sind. Wie ist aber nun faktisch das Leben an der US-mexikanischen Grenze? Darüber hat Francisco Cantú ein nicht übermäßig umfangreiches, aber brillantes Buch geschrieben. Vier Jahre lang, von 2008 bis 2012, war er, zweisprachig, da familiär auch in Mexiko verwurzelt, nach dem Studium der Internationalen Beziehungen in Washington D.C. bei der US Border Patrol an der texanischmexikanischen Grenze angestellt. Dann ging er wieder an die Universität zurück, an jene von Arizona in Tucson, wo er Creative Writing inskribierte. Aserbaidschan und den in Karabach buchstäblich eingemauerten Bewohnerinnen und Bewohnern, mit Gated Communitys – auch dies sind ja trennende Mauern – in Brasilien, mit Mauern in Tunesien, im Libanon und Australien. Besonders interessant: Die klimatechnisch innovativen Flutmauern in den Niederlanden gelten inzwischen weltweit als nachgefragtes Know-how. Insgesamt ist dieser verständlich geschriebene Band lehrreich, erhellend, nicht selten augenöffnend über die Vergeblichkeit, die Verblendung und den antidemokratischen Starrsinn demokratisch gewählter Amtsinhaber. Ähnlich ist Tim Marshalls Buch. Auch der englische TV-Reporter reiste um die Welt, nahm Mauern und Grenzzäune in Augenschein. In China und Indien. In Europa, in Afrika, im Nahen Osten, in Israel und in den USA. Leicht lesen sich seine Berichte, kundig und eindringlich seine Schilderungen. Die längste Grenzbefestigung, lernt man, verläuft zwischen Indien und Pakistan. Die so gern politisch behauptete Stabilität, zieht der oft nobel urteilende Brite ein Fazit, garantiert aber kein einziges Abschottungsbauwerk. Viele sind nur Blendwerk. Instabiler hingegen muten Marshalls Exkurse in die Psychologie an. Wenn er über die „Mauer in den Köpfen“schreibt, ist er nicht so überzeugend wie als Augenzeuge. Die Hoffnung, dass jemals etwas aus Trumps Mauer an der Südgrenze zu Mexiko werden wird, demontiert Marshall rasch mit einer Fülle an pragmatischen Einwänden. Er zeigt nüchtern auf, dass es sich dabei um kaum etwas anderes denn ein letztes Gefecht weißer alter Männer und ihrer althergebrachten fiktiven Mythen und selbstberauschender nationaler Mythologien handelt, die sich mit dem demografischen Wandel Alexander Kluy auern haben immer schon getrennt. Arm von Reich. Innen von außen. Eigenes von Fremdem und Angsterzeugendem. Mächtige von Ohnmächtigen. Privilegierte von Nichtprivilegierten. „Uns“von den „Barbaren“. Zwischen den Sätzen „Reißen Sie diese Mauer ab, Mr. Gorbatschow“und „Wir werden eine Mauer bauen, eine wunderschöne und fantastische Mauer“, von Reagan und Trump liegt eine Generation. Doch in diesen 30 Jahren wurden, rechnet der 1971 geborene, deutsche Reporter Marc Engelhardt in vor, weltweit 60 neue Grenzzäune errichtet. Auf 41.000 Kilometer summieren sich heute weltweit Grenzmauern. Und es dürften mehr werden. Der Auslandskorrespondent, erst von Nairobi aus in Kenia tätig, inzwischen von Genf aus, war fünf Jahre lang Vorsitzender des Korrespondentennetzwerks und hat nun mit mehr als zwei Dutzend anderer Weltreporterinnen und Kollegen einen Sammelband über die Ära der Mauern geschrieben. Wer eine architektonische, in der Regel hochmilitarisierte Grenzbefestigung errichtet, der – und das ist ja die Volte dabei – mauert sich selbst ein. Der will zur Festung werden, ob nun in rassischer und rassistischer Hinsicht, in ideologisch exaltierter oder religiös motivierter. Letzteres gilt noch heute in Nordirland. In Belfast trennen Mauern noch immer die protestantischen von den katholischen Bezirken. Aber die 27 in der Regel zehn- bis höchstens zwanzigseitigen Beiträge in befassen sich nicht nur mit den bekannten Hotspots, sondern auch mit Neuseeland, mit Transnistrien, Armenien und Reise ans Ende der Nacht Ausgeschlossen Foto: Verlag Carl Hanser Illegale Grenzübertritte von denen einige markante Habitués mit ihren Schicksalen und Sottisen im Verlauf der erzählerischen Episoden immer wieder auftreten, auseinandergehen und wie zufällig wiederkehren. Es ist ein außergewöhnliches Lesevergnügen, in Begleitung eines so klarsichtigen nächtlichen Cicerone die Bekanntschaft dieser ausgesuchten Außenseiter und schrägen Nachtvögel zu machen, zumal der Erzähler sie mit einer gewinnenden Mischung aus soziologischer Neugier und feinsinniger Ironie ins Visier nimmt. Als mobiler Hermes wartet er mit seinem Taxi vor Cafés und VarietéHallen, trinkt sein Glas Milch in Kneipen und Kaschemmen, unterhält sich mit Aussteigern, Vagabunden, nächtlichen Barphilosophen. Die innere Distanz zu dem Erlebten sucht er zuweilen geradezu schroff zu wahren: „Im nächtlichen Paris fühlte ich mich während der Arbeit tagaus, tagein wie ein Nüchterner unter Betrunkenen. Dieses ganze Leben war mir fremd und weckte in mir nichts als Ekel oder Mitleid, all diese Freunde von Nachtbars oder Er schildert dramaturgisch klug, oft spannend in diesem Memoir, diesem Genre des persönlich orientierten erzählerischen Langessays, seine Anfänge im Dienst, die Kollegen, seine Erlebnisse, die illegalen Grenzübertritte, die einzelnen, unterschiedlichen Schicksale. Ihm gelingen faszinierende Vignetten: „In der Station bereitete ich seine Deportationspapiere vor. Nachdem ich seine Fingerabdrücke genommen hatte, fragte er, ob es in der Station Arbeit für ihn gebe. Sie haben nicht verstanden, sagte ich, Sie müssen hier warten, bis der Bus kommt. Der wird Sie ins Hauptquartier bringen und weiter zur Grenze. Bald sind Sie wieder in Mexiko. Ich verstehe, antwortete der Mann, ich will nur wissen, ob es etwas zu tun gibt, solange ich hier warten muss, ob ich mich nützlich machen kann. Ich könnte den Müll rausbringen oder in den Zellen sauber machen. Sie sollen wissen, dass ich arbeiten will, ich bin kein schlechter Mensch. Ich bin kein Drogenschmuggler. Ich habe keine illegalen Sachen vor. Ich will arbeiten. Nächtliche Wege wurde 1941 fertiggestellt, erschien aber erst 1952 in New York in einem russischen Exilverlag. In der feinnervigen Übersetzung von Christiane Körner wird dieses Meisterwerk der Erzählkunst zum ersten Mal auf Deutsch vorgestellt. Es übertrifft die bisher in deutscher Übersetzung erschienenen GasdanowRomane Welt- reporter Das Phantom des Alexander Wolf Ein Abend bei Claire Die Rückkehr des Buddha (2012), (2014) und (2016) durch seine einzigartige Porträtkunst und die Lockerheit der episodischen Phrasierung. Seinen Durchbruch als weltliterarisch bedeutsamer Autor hat Gasdanow nicht mehr erlebt: Er starb 1971 in München, wo er das russische Programm von Radio Liberty geleitet hatte. Gaito Gasdanow, Aus- „Nächtliche Wege“. Übersetzung von Christiane Körner, € 23,70 / 288 S. Verlag Carl Hanser, 2018 geschlossen

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