Der Standard : 2018-12-07

AUTOMOBIL : 84 : M4

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webstandard M204 | | FR./FR./SA./SA./SO.,SO.,7./7./8./8./9.9.DEZEMBERDEZEMBER20182018 DER STANDARD WOCHENENDE Im Kino der Zukunft Luxuriös, 4D und kein Projektor: Neue Technologien und höherer Komfort sollen Menschen trotz Netflix und Flatscreens ins Kino holen. Eine Revolution mit inhaltlichen Vorbehalten. Zsolt Wilhelm Komplett von schwarzem Stoff umgeben, lenkt im Kinosaal der Zukunft nichts mehr vom Lichtspiel vor einem ab. Der Blick zurück offenbart jedoch die größte Neuerung seit Jahren: Anstelle eines Projektors erweckt ein riesiger Bildschirm die Filmwelt zum Leben. I m Kinosaal der Zukunft strahlt kein Projektor mehr. Und anstelle der Leinwand erstreckt sich über die gesamte Front ein gigantischer Bildschirm, der Filme schärfer und kontrastreicher darstellt, als man es bisher kannte. Dort, wo einst Partikel reflektiert werden mussten, um das Bild sichtbar zu machen, leuchten nun Millionen einzelne Dioden, die es erlauben, Filme in 2D und 3D genauso darzustellen wie mit hohen Bildraten – für superflüssige Verfolgungsjagden und Kameraflüge. Rund um einen herum ist alles in tiefes Schwarz gehüllt, das ungewollte Reflexionen verschlingt. Keine roten Samtsitze, keine gemusterten Wände mehr. Dafür ertönt aus jeder Richtung ein Geräusch. Fliegen Vögel aus dem Bild heraus, lässt sich ihre Position mit dem Gehör genau eruieren. Nicht nur vorn, links und rechts und hinten. Überall, mit gespenstischer Präzision. Zieht im Film ein Gewitter auf, lässt Donner den Saal erbeben. Wind streift das Gesicht, Wassertropfen benetzen die Haut. Man meint, jeden Moment geduscht zu werden. Erleichtert, dass der Sturm mit der nächsten Szene wieder vorbeizieht, neigt man die Rückenlehne zurück und fährt per Knopfdruck die Beinstütze aus. ort Wienerberg 4,5 Millionen Euro kosteten. Der vom koreanischen Multi Samsung produzierte OnyxLED-Screen, der weltweit aktuell erst in zwei Dutzend Kinos eingesetzt wird, für sich kostete schon 750.000 Euro. Ein RGB-Laser-System, wie es bei den modernsten Leinwänden zum Einsatz kommt, ist mit 350.000 Euro gelistet. Das positionsgesteuerte Dolby-AtomsSoundsystem kostet 180.000 Euro – das Sechsfache einer gewöhnlichen Kino-Surroundanlage. Laut Papousek verfolgt man damit eine Strategie, die international gefahren wird. Anstatt zu hoffen, über niedrigere Preise und steigende Besucherzahlen mehr Umsatz generieren zu können, schrumpft die Anzahl an Sitzplätzen, die Sessel werden größer und die Tickets teurer. Denn bei relativ konstanten zwei Kinobesuchen pro Jahr suchen Österreicher nicht die ständige Rundumbeschallung, sondern besondere Erlebnisse, die in den eigenen vier Wänden nicht reproduzierbar sind. So sei jedenfalls zu erklären, weshalb die fünf Euro teureren Luxusplätze in den neuen Sälen stets zuerst ausgebucht sind. teten Innenräumen genutzt werden und eignen sich so genauso für Vorträge und Konferenzen. Veränderung, die bereits auch an immer mehr heimischen Spielstätten zu spüren ist. nobetreibern wiederum weniger Kopfzerbrechen, als man es anfangs vermutete. Zwar haben Netflix und Co das Rennen um die Massen längst gewonnen, der Statistik nach gehen Papousek zufolge aber ausgerechnet die Vielstreamer überproportional oft ins Kino. Das Gemeinschaftserlebnis und die private Beschallung könnten gut koexistieren. Der große Umbruch Nationale Eigenheiten Angefangen hat alles in den 1990ern, erklären Christian Langhammer und Christof Papousek, Geschäftsführer bzw. Finanzchef des Kinobetreibers Cineplexx. Damals folgte man dem Trend weg von kleinen Standorten hin zu großen Zentren. Um die Jahrtausendwende machte der Industrie die rasche Verbreitung des digitalen Films und von immer größeren Fernsehern sowie günstigen Heimkinosystemen zu schaffen. Es musste künftig mehr geboten werden, um Menschen ins Kino zu bringen. Nach der Generationsablöse vom Stereo- zum Surroundsound, vom analogen zum digitalen Film und neuen und neu entdeckten Spielarten wie 3D stehen nun mit hochauflösenden Laserprojektoren, gigantischen LED-Screens, positionsgesteuertem Sound und 4D-Erlebnissen abermals Technologiesprünge an. Gleichzeitig wird man mit Komfort gelockt, mehr fürs Ticket auszugeben. Mehrere Sitzklassen vom Stoffsessel bis hin zum elektronisch verstellbaren Luxussitz im akustischen Sweetspot gibt es etwa im neuen Hauptsaal des Standorts Wienerberg zu wählen. FlagshipLaserprojektion und Dolby Atmos verwöhnen Auge und Ohr. Ein paar Säle weiter wartet der zehn Meter breite und mit neun Millionen Pixeln schärfere und kontrastreichere Onyx-LED-Screen. In Graz wiederum wurde der erste MX4D-Saal Österreichs errichtet, um aktuelle Blockbuster mit magnetisch bewegten Sitzen, Nebel, Regen, Schneeflocken, Wind und Düften greifbar zu machen. Technologien und Renovierungen, die Cineplexx allein am Stand- Während Trends wie die Reduktion der Sitzplätze international zu spüren sind, kann über das Sehverhalten der Konsumenten nicht das Gleiche gesagt werden. In den USA beispielsweise ist das Interesse an 3D-Vorstellungen rückläufig. In Österreicher setzt man hingegen weiterhin sehr gerne Filterbrillen auf, um Superhelden und Animationsfilme räumlich zu sehen. Weiters steigt die heimische Nachfrage nach Filmen mit Originalvertonung. Eigen sind die Österreicher nicht zuletzt bei der Buchung von Tickets. Sind es heimische Besucher etwa gewöhnt, Karten unverbindlich reservieren zu können und bei Nichtbedarf an der Kassa nicht annehmen zu müssen, sei dies in anderen Ländern undenkbar. Das ist mit ein Grund, weshalb erst jedes dritte Kinoticket in Österreich online erworben wird. Das sich ändernde Konsumverhalten und das steigende Interesse an Filmen beschäftigt Kinos und Studios, die sich die Ticketeinnahmen 50:50 teilen, gleichermaßen. Auf die 350 CineplexxSäle in Europa kommen beispielsweise zwölf Programmgestalter, die das Interesse an Vorstellungen analysieren und entsprechend bespielen. Eine logistische Aufgabe, die mit der Digitalisierung des Filmmaterials zwar schneller lösbar wurde, durch die wachsende Anzahl an Produktionen heute jedoch nicht weniger komplex ist als früher. Die Blockbusterproduktion im Akkord führe laut Papousek zu einem Überangebot, wodurch sich die Laufzeiten auf wenige Wochen verkürzen. Die weltweite Revolution der Streamingdienste mache den Ki- Schau, schau: Schoschonen! Bei allen technischen Innovationen bleiben Inhalte aber der entscheidende Faktor – fürs Kleinformat wie fürs Kino. In den USA und in Frankreich etwa gehen Konsumenten aufgrund der starken nationalen Filmszene vielfach öfter ins Kino als in Österreich und Deutschland. Und wenngleich 3D satte 1,8 Millionen Österreicher in holte und künftig RiesenLED-Screens, 4D und irgendwann vielleicht Hologramme ins Kino locken werden, sollte man sich vor Augen halten, welcher Kinofilm in Österreich mit 2,2 Mio. Besuchern bis heute der erfolgreichste ist: Avatar Der Schuh des Manitu. Und selbst die ausgefeilteste Technologie ist kein Erfolgsgarant. Der Produzent James Cameron prognostizierte 2010, dass 3DFilme in vier Jahren Standard sein würden. 2018 sind TV-Hersteller von der 3D-Vermarktung wieder gänzlich abgekommen, und längst nicht jeder Kinofilm wird dreidimensional ausgestrahlt. Noch schneller verhallte der 2014 aufgekommene Hype um Virtual Reality. Damals wurde bereits von einer Ablöse der Großleinwände gesprochen. Doch ob der technischen Unausgereiftheit der Systeme wurde selbst diese so logisch erscheinende Revolution vertagt. Bis dahin locken Kinos mit Größe, Soundgewalt und technischen Spektakeln, die sich daheim nicht realisieren lassen. Konferenz im Kinosaal Gleichzeitig helfen derartige Innovationen, das Kino im Gespräch zu halten, und ermöglichen neue Geschäftsideen, erklärt Papousek. Während Hersteller wie Samsung oder Sony daran arbeiten, die Wirtschaftlichkeit durch längere Betriebszeiten und günstigere Betriebskosten konsequent zu steigern und mit immer größeren LED-Screens langfristig Leinwände und Projektoren zu ersetzen, nutzen Kinobetreiber die Vorzüge der Technologie einstweilen auch für neue Zielgruppen wie Geschäftskunden. Denn aufgrund der hohen Leuchtkraft können die Screens selbst in taghell beleuch- Alle Sinne umfassend Was nach Zukunft klingt, ist vereinzelt schon heute Gegenwart. Kinobetreiber und die Filmindustrie haben in den vergangenen Jahren Technologien für sich entdeckt, die das Erlebnis von der gewohnten audiovisuellen Beschallung zu einer alle Sinne umfassenden Unterhaltungsform transformieren sollen. Ein Wandel, der weltweit Milliardeninvestitionen erfordert und Besucher dazu bringen soll, mehr für den Kinobesuch auszugeben. Eine

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