Dank­bar­keit, Är­ger und schlech­tes Ge­wis­sen

Der Standard - - AGEDA -

Ich ha­be die Pflege mei­ner Oma über­nom­men, als mei­ne Ma­ma selbst schwer krank wur­de. Sie hat­te sich bis da­hin um die Zu­sam­men­ar­beit mit den Heim­hel­fe­rin­nen ge­küm­mert. Als ich die Ver­ant­wor­tung über­nom­men ha­be, ha­be ich als Erstes das En­ga­ge­ment der Heim­hel­fe­rin­nen aus­ge­wei­tet, die da­für nö­ti­ge Pfle­ge­stu­fe hat­te mei­ne Oma glück­li­cher­wei­se. Ich war froh, dass die­se Men­schen den Haus­halt mei­ner Oma so weit in Schuss ge­hal­ten ha­ben, dass ich da­von ent­las­tet war.

Doch es gab auch Mo­men­te ganz an­de­rer Art. Wenn um acht Uhr früh et­wa das Te­le­fon läu­te­te und mir die Heim­hil­fe er­klär­te, dass der Strom bei der Oma weg ist, und ich sol­le doch jetzt her­kom­men, die Si­che­rung wie­der rein­ge­ben. Da­mals dach­te ich mir, das kann doch nicht wahr sein. Ich selbst ste­he hier, fer­tig an­ge­zo­gen, muss ins Bü­ro und auf dem Weg mei­ne Toch­ter in den Kin­der­gar­ten brin­gen. Zu mei­ner Oma brau­che ich öf­fent­lich ei­ne St­un­de – wie soll das jetzt al­les ge­hen? Durchatmen. Ich bat die Heim­hel­fe­rin, die Si­che­rung doch bit­te sel­ber wie­der zu ak­ti­vie­ren, was sie dann auch ge­tan hat. Aber die Er­war­tung, dass ich bei solch all­täg­li­chen Din­gen an­rü­cken soll, hat mich über­for­dert. Letzt­lich lies mich das aber auch mit ei­nem schlech­ten Ge­wis­sen zu­rück.

Oft ha­be ich mich in die­ser Zeit auch ge­är­gert. Denn die Be­ant­wor­tung von Fra­gen dau­ert. Beim Fonds So­zia­les Wi­en et­wa kann man nicht ein­fach an­ru­fen und sich er­kun­di­gen, son­dern im­mer nur sein An­lie­gen de­po­nie­ren und auf ei­nen Rück­ruf war­ten. Das dau­ert oft Ta­ge und nervt. Aber der Rück­ruf kommt – dar­auf kann man sich wie­der­um ver­las­sen. Für mich hieß das aber, im­mer ei­nen Teil der Un­ter­la­gen bei mir zu ha­ben, um dann al­le Da­ten für die Fra­ge pa­rat zu ha­ben.

Man kann nicht ab­schal­ten, wenn man pflegt. Es gibt im­mer et­was, um das man sich küm­mern muss. Sei es un­mit­tel­bar für die Oma oder da­mit ih­re Ver­sor­gungs­struk­tur läuft. Der Kos­ten­auf­wand da­bei ist enorm. Oft ha­be ich mich ge­fragt, war­um die Oma laut Rech­nung Mo­nat für Mo­nat ei­nen „Be­suchs­dienst“be­zahlt. Denn dass je­mand „nur“für Be­su­che und zum Plau­dern zu ihr ge­kom­men ist, war nicht der Fall. Und die Heim­hil­fen wa­ren auch in­ner­halb von ein paar Mi­nu­ten wie­der weg. Sie schaf­fen auch nur das Nö­tigs­te.

Den­noch bin ich sehr dank­bar für ih­ren Ein­satz. Oh­ne sie wä­re es nicht mög­lich ge­we­sen, den Wunsch mei­ner Oma zu er­fül­len. Sie woll­te in ih­rer Woh­nung blei­ben, so­lan­ge es nur ir­gend­wie ging. Ge­mein­sam ist das ge­lun­gen. Bet­ti­na Pfluger

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