Neu­es Image für die Pflege

Fast ei­ne Mil­li­on Men­schen in Ös­ter­reich, zu­meist Frau­en, pfle­gen ih­re An­ge­hö­ri­gen. Das ist hart, un­be­zahlt und oft auch un­be­dankt. Die Re­gie­rung plant nun ei­ne Image­kam­pa­gne für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge. Doch das al­lein löst die Pro­ble­me nicht.

Der Standard - - AGEDA - BE­STANDS­AUF­NAH­ME: Theo An­ders

Die Re­gie­rung hat die Pflege zu ei­nem ih­rer wich­tigs­ten Themen aus­er­ko­ren, ihr ei­nen Mas­ter­plan ge­wid­met, letzt­lich aber nichts Kon­kre­tes da­zu vor­ge­legt. Über Ab­sichts­er­klä­run­gen und va­ge An­sa­gen ist die Ko­ali­ti­on auch bei ih­rer Klau­sur nicht hin­aus­ge­kom­men. Es sol­len Stu­di­en er­stellt, En­que­ten ab­ge­hal­ten, Image­kam­pa­gnen lan­ciert, Dia­lo­ge in­iti­iert wer­den. Ent­schei­dun­gen sind kei­ne ge­fal­len.

Die Er­war­tun­gen der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, die im Pfle­ge­be­reich en­ga­giert sind, wur­den am Frei­tag von der Re­gie­rung und der zu­stän­di­gen So­zi­al­mi­nis­te­rin Bea­te Har­tin­ger-Klein (FPÖ) je­den­falls nicht er­füllt. Ob man die Pfle­ge­kos­ten künf­tig über Steu­er­mit­tel oder doch lie­ber ei­ne Pfle­ge­ver­si­che­rung fi­nan­zie­ren will, wur­de bei der Klau­sur in Mau­er­bach eben­so we­nig er­läu­tert wie die Zu­kunft der 24-St­un­den-Be­treu­ung.

Der über­wie­gen­de Teil der Pflege wird in Ös­ter­reich im Rah­men der Fa­mi­lie aus­ge­übt. Das hat auch die Re­gie­rung er­kannt – und will das of­fen­bar nicht än­dern. Im Ge­gen­teil: Mit ei­ner Image­kam­pa­gne sol­len die Leis­tun­gen der pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen ge­wür­digt wer­den.

Ei­ne ak­tu­el­le Stu­die im Auf­trag des So­zi­al­mi­nis­te­ri­ums be­zif­fert die Zahl je­ner Men­schen, die pri­vat „in die Pflege und Be­treu­ung ei­nes an­de­ren Men­schen in­vol­viert sind“, auf 950.000 Personen. Der Auf­wand der in­for­mel­len, al­so der un­be­zahl­ten, nicht pro­fes­sio­nel­len Pfle­ge­ar­beit ist sehr un­gleich zu­las­ten von Frau­en ver­teilt. Drei Vier­tel der pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen sind weib­lich. Ins­be­son­de­re Töch­ter und Part­ne­rin­nen der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen schul­tern die fa­mi­liä­re Sor­ge­ar­beit.

Ab­ge­se­hen von den gen­der­po­li­tisch frag­wür­di­gen Ver­tei­lungs- wir­kun­gen die­ses Mo­dells wird auch durch die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung das fa­mi­liä­re Pfle­ge­po­ten­zi­al in Zu­kunft ge­rin­ger. We­gen der Al­te­rung der Be­völ­ke­rung wird auf der ei­nen Sei­te der Pfle­ge­be­darf stei­gen, auf der an­de­ren Sei­te ha­ben die Pfle­ge­be­dürf­ti­gen we­ni­ger Kin­der, die sich um sie küm­mern kön­nen. Die stei- gen­de Frau­en­er­werbs­quo­te dürf­te eben­falls zu ei­ner Min­de­rung der Ver­füg­bar­keit pfle­gen­der An­ge­hö­ri­ger bei­tra­gen.

Mo­ni­ka Wild, Pfle­ge­ex­per­tin vom Ro­ten Kreuz, macht auf ei­nen wei­te­ren Aspekt auf­merk­sam: „Die räum­li­che Mo­bi­li­tät jun­ger Men­schen steigt, da­her wird es in Zu­kunft nicht mehr so leicht mög­lich sein, pfle­ge­be­dürf­ti­ge An­ge­hö­ri­ge zu be­treu­en, wenn man sei­nen ei­ge­nen Le­bens­mit­tel­punkt ganz wo­an­ders hat.“

Die Pflege da­heim ent­spricht den Wunsch­vor­stel­lun­gen der meis­ten Men­schen, die be­treut wer­den müs­sen. Am En­de des Le­bens die ei­ge­nen vier Wän­de ver­las­sen zu müs­sen ist für vie­le ein Schre­ckens­sze­na­rio. Dem­ent­spre­chend fin­det sich so­wohl im Plan der Re­gie­rung als auch in den Ziel­vor­stel­lun­gen der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ei­ne Prä­fe­renz für die häus­li­che Pflege.

Hilfs­werk und Ro­tes Kreuz plä­die­ren für ei­nen for­cier­ten Aus­bau der mo­bi­len Di­ens­te. Un­ge­klärt ist, wie man de­ren Fi­nan­zie­rung ge­stal­ten wird. Das Pfle­ge­geld wur­de seit Jah­ren nicht hin­rei­chend an die In­fla­ti­on an­ge­passt und ver­liert re­al kon­ti­nu­ier­lich an Wert. Das Pro­gramm der Re­gie­rung sieht zwar ei­ne An­he­bung des Pfle­ge­gelds in den hö­he­ren Stu­fen vor, er­klärt aber nicht, was mit den un­te­ren Stu­fen pas­sie­ren soll. In den un­te­ren Stu­fen fin­den sich al­ler­dings die meis­ten Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, ins­be­son­de­re je­ne, die gut zu Hau­se be­treut wer­den kön­nen, wie bei­spiels­wei­se an De­menz er­krank­te Personen. Für Mo­ni­ka Wild vom Ro­ten Kreuz stellt die An­he­bung des Pfle­ge­gel­des auf den nied­ri­ge­ren Stu­fen da­her ei­ne lo­gi­sche Maß­nah­me dar, wenn man den Aus­bau der mo­bi­len Be­treu­ung leist­bar ge­stal­ten will.

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