Der Standard

Odu gruselige

Es ist hunderte Jahre alt, vielfach überliefer­t, zigfach geprägt: Wenn der Krampus kommt, fühlt man sich schuldig. Selbst heute, wo der Verlust der „Minecraft“Items für Kinder fast die schrecklic­here Vorstellun­g ist.

- SACHTE TRAUMATISI­ERT: Heidi List

Die alte Volksschul­e in Tirol, am 5. Dezember 1978, etwa halb zehn Uhr am Vormittag. Ich bin acht Jahre alt und sitze in der Schulbank. Die Hände der Kinder sind vor der Brust verschränk­t, die Rücken sind gerade. Es ist still. Kein Laut ist zu hören. Die Lehrerin geht von Bank zu Bank und lässt sich die Fingernäge­l zeigen. Meist nickt sie zufrieden. Doch manchmal schaut sie streng. Dann sagt sie: „Schäm’ dich.“Oder: „Gerade heute.“Ich schiele auf meine Fingerkupp­en. Könnten durchgehen als sauber.

Wenn da nicht noch das andere wäre. Denn heute, so hat die Lehrerin gesagt, kommt der Krampus. Und auch wenn sie es nicht will, wirklich nicht, aber wenn heute irgendetwa­s nicht in Ordnung ist, dann muss er halt strafen. Dann gibt’s was mit der Rute. „Oder“, und nun schaut sie wirklich traurig, „wenn ihr übers Jahr was besonders Schlimmes angestellt habt, dann muss er euch mitnehmen. In seiner Butten.“

Mir ist kalt, und ich fühle mich unwohl. Denn just heute habe ich etwas ganz Arges angestellt. Mit dem Schilling von meiner Mutter, mit dem ich mir beim Bäcker ein Salzstange­rl hätte kaufen sollen, bin ich in die Esso-Tankstelle hineingega­ngen und habe mir stattdesse­n vier Packungen AhoiBrause gekauft. Dreimal Waldmeiste­r, einmal Himbeer. Das hätte ich nicht dürfen. Ich habe das noch nie gemacht, ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ausgerechn­et heute! Und der Krampus weiß das jetzt wohl, das mit meinem Schwindel. Ob meine Untat reicht, dass er mich haut? Wie oft streicht er drüber, mit der Rute? Schauen die anderen Kinder zu? Und wird wer lachen? Wird die Lehrerin traurig sein, dass mir das passiert, aber sie kann einfach nicht helfen? Wird er über den Rücken streichen oder über die Hände? Gar ins Gesicht? Und wenn ich dann verletzt bin im Gesicht, dann muss

ich auch zu Hause erzählen, wieso ich bestraft werden musste. Und dann wird man dort böse sein auf mich. Und der Nikolaus, der kommt ja morgen, der wird wohl auch sagen, dass ich nichts kriegen soll, keinen Apfel, keine Nüsse und keine Schokolade. Vielleicht gibt mir meine Schwester was ab. Aber ach, das darf sie bestimmt nicht. Ich spüre ein Brennen in den Augen. Und Zorn über meine Blödheit. Aber ich werde nicht weinen, sicher nicht, selbst wenn ich mitgehen muss, mit dem Krampus. Ob er mit mir spricht, wenn wir wohin gehen? Wird er mich berühren dabei? Ist er vielleicht heiß, und ich verbrenne mich an ihm? Wohin wird er gehen mit mir? Sind dort andere Verbrecher? Mörder gar? Schlägt er mich, während wir gehen?

Wir hören Schritte aus dem Gang. Und ein Rasseln. Jemand kommt vom ersten Stock herunter. Schritte und Rasseln. Dann macht es laut PRATACK! Eine Kette wird gegen unsere Klassentür geschleude­rt. Sie muss dick sein, schwer. Ob er auch mit ihr straft? PRATACK! PRATACK! Die Kinder erstarren. Die Lehrerin schaut ausdrucksl­os. Ich spüre meine Kiefer.

„Des kimmt vo schlimm sei!“

Plötzlich ein lautes, kehliges Lachen: „Huahahahaa­aaa!“Es ruckelt an der Tür. Einige Kinder schreien auf. Ich halte den Atem an. Und noch einmal: „Huaaaahaha­ha! Meck, meck.“Ich stutze. Meck, meck? Das kenne ich. Ich kenne das „Meck, meck“. So lacht der Schulwart. Er ist der Krampus. Der Schulwart spielt den Krampus. Die Schritte, das Rasseln, sie entfernen sich langsam. Die Lehrerin schmunzelt und sagt: „Da haben wir aber heute Glück gehabt.“Zwei Kinder weinen vor Erleichter­ung. Ein Bub darf durch die Reihen gehen und jedem Kind einen kleinen Schokolade­nkrampus geben.

Auf dem Heimweg werfe ich die vier Ahoi-Brausen in einen Mistkübel. Mir ist die Lust darauf vergangen. Es liegt viel Schnee. Wir wohnen auf einer Anhöhe, bei diesen Bedingunge­n dauert der Schulweg schon eine Stunde. Ich mag ihn aber gern, den Weg, da grüßt man hier die Mali, die die guten Kuchen verkauft. Oder dort den Schafe-Wast, der immer zurückbrum­mt. An der Abzweigung, weg von der Hauptstraß­e, stehen Figuren mit Fellkörper­n und Perchtenma­sken auf. Einer wird auf mich aufmerksam und schreit: „Pass nur auf! Pass auf! I salz di ein!“Ich nehme meinen neuen Mut zusammen und schreie zurück: „Das sind ja nur Masken, ihr seid nicht echt!“Sie stürzen auf mich zu. Ich merke, dass sie betrunken sind. Sie werfen mich in den Schnee und drücken mein Gesicht hinein. Es fühlt sich hart an, stechend, eisig. „Des kimmt vo schlimm sei!“, lallt einer. Die Kälte brennt in meinem Gesicht. Ich bekomme keine Luft. Drei-, viermal wird mein Kopf im Schnee hin- und hergezogen, dann lassen sie ab. Gehen weiter. Ich setze mich auf. Blut rinnt an mir herunter. Mein Gesicht brennt wie Feuer. Der Krampus kommt mir wieder in den Sinn. War das die Strafe? Nein, es sind einfach dumme Leute, denke ich. Wie ein Kartenhaus stürzt es dann zusammen, alles, was um mich je an Legendenge­bilden gebaut worden ist. Wenn der Krampus nicht echt ist, die Perchten nicht, dann ist es wohl auch der

Nikolaus nicht. Das Christkind. Maria, Josef, stimmen die Geschichte­n? Wie ist das mit den Engeln? Wenn nichts davon stimmt, darf der Pfarrer uns noch eine Ohrfeige geben, wenn wir beichten gehen? Müssen wir noch beichten? Weil, gibt es ihn, den lieben Gott, der irgendwas verzeihen muss? Ich gehe weiter, hinauf, den kleinen Weg am Brunnen mit dem Eiswasserz­apfen vorbei. Der Schafe-Wast sieht mich und gibt mir ein Taschentuc­h.

Der Glaube ans Paradies und so

Daheim erzähle ich alles. Vom Schulwart. Von den Perchten. Dass wohl nichts stimmt. Ob sie das wissen, dass es nur Geschichte­n sein müssen. Man schickt mich ins Bett. Ich soll drüber schlafen, es war ein langer Tag. Man wird einmal mit dem Pfarrer reden, wegen der Watschen. Und bald kommt das Christkind, und dann ist wieder alles gut. Ich lasse ihnen die Lüge. Ich fühle mich irgendwie groß. Ein bisschen allein. Ich bin acht und weiß: Die Menschen tun komische Dinge, weil sie an bestimmte Geschichte­n glauben. Auch die bei mir daheim.

5. Dezember, Wien-Währing, in den 2010er-Jahren. Meine Buben sind sieben und zehn Jahre alt. Wir sind unterwegs zu einer Einladung, zu einem Krampuskrä­nzchen. Der Kleine fragt mich, ob dort ein Krampus ist. Ob der was tut. Oder ob das ein Faschingsf­est sei. Ich sage Nein, es ist eine Tradition, von der nurmehr der Name übrig ist. Man sitzt da bei Kuchen und Kinderpuns­ch und beginnt, sich so langsam in den Advent einzuleben. Und freut sich, dass man sich einmal wieder sieht, bei der Gelegenhei­t. „Früher, da hatte der Krampustag etwas Furchterre­gendes.“Ich erzähle ihnen die Geschichte vom Schulwart in Tirol. Und vom Eingesalze­nwerden. Der Große beichtet, dass er auch immer wieder statt einer Jause beim Süßen Eck 20 Deka Doppelnoug­at kauft. „Oje. Was soll ich jetzt machen, mir Hörner wachsen lassen?“, lache ich. Der Kleine ist verunsiche­rt, weil ein Mädchen in seiner Klasse meint, dass er wohl in die Hölle kommt, weil er nicht getauft ist. „Nein, du kommst in den Limbus, das ist eine Zwischenwe­lt“, sagt der Große ungerührt. Ich wundere mich über die ewige Mär, die immer noch kursiert, und kläre schnell auf, dass der Papst erstens vor kurzem erklärt hat, dass jetzt doch freundlich­erweise alle Kinder ins Paradies kommen, die getauften und die ungetaufte­n. Und dass ich noch einmal eindrückli­ch festhalten will, dass es ihnen höchstpers­önlich überlassen ist, all diese Dinge zu glauben oder auch nicht. Der Kleine runzelt nachdenkli­ch die Stirn.

Alle Items weg bei „Minecraft“

Später, bei der der Feier, schauen wir uns den legendären Talk von Christoph Waltz in Jimmy Fallons Late-Night-Show an, wo er den fassungslo­sen Amerikaner­n sehr eindrückli­ch erklärt, wie das mit der dialektisc­hen Sache ist, bei uns in Österreich. Also dem Aufwachsen mit dem Nikolaus und seinen Süßigkeite­n und seinem gruseligen Assistente­n. Wir lachen, als er darauf aufmerksam macht, dass auch Sigmund Freud aus Österreich stammt. Es brandet eine Diskussion über Penisneid und Krampus auf, die ich versuche abzuwürgen, sie erscheint mir nicht kindertaug­lich. Beim Essen fragen wir die Kinder, wovor sie denn so richtig Angst hätten. Oder was das Allerschli­mmste wäre, das ihnen passieren könnte. „Keine Eltern mehr“, sagt ein Mädchen. Es ist ganz still. Ja, das wäre schrecklic­h. „Alle Items weg bei Minecraft“, feixt einer schnell. „Oder, noch schlimmer, mit einer popeligen Pistole in den Endkampf von Fortnite!“„Ein Kinderklau­er!“„Streiten und dann ohne Versöhnen ins Bett“, sagt mein Kleiner. „Zombies!“„Ich fände es echt gruselig, wenn mir auf der Straße ein Verrückter einfach so in den Haaren herumwusel­t.“„In Finnland glauben sie an Elfen“, sagt jemand. Wir sind einer Meinung, dass sie es gut haben, die Finnen. So was Nettes aber auch.

Da rasselt es vor der Tür. Es klopft. Dreimal. „Wer ist da?“, ruft die Gastgeberi­n und schaut schelmisch. Ein Krampus kommt herein, mit grässliche­m Gesicht, allerdings im schwarzen Jogginganz­ug und einem überlangen roten Cape. Sneakers. Mit einem großen Sack und einer schweren Kette. „Na, wart ihr alle schlimm?“, brüllt er. „Jaaaaaa!“, rufen alle. „Na, dann passt’s eh. Wen darf ich hauen?“„So sieht doch kein Krampus aus!“, lacht die Gastgeberi­n.

Die Kinder stürzen hin und nehmen ihm den Sack weg. Der ist voll mit Süßigkeite­n, verschiede­nen Keksdosen und kleinen Fläschchen gelben dickflüssi­gen Inhaltes. „Hier – einmal Eggnog für die Erwachsene­n mit mit und einmal für die Kinder mit ohne“, sagt der Krampus-für-wirklichga­nz-Arme fröhlich. Wir stellen fest, dass hier heute alles durcheinan­der ist, so kulturell. Dann wird es dem Krampus zu heiß. Er hat genug von seiner Aufmachung. Er geht in Richtung Nebenzimme­r, um sich umzuziehen. Ich blicke ihm nach. Er schleift die schwere Kette hinter sich her. Sie rasselt. Schlägt an der Tür an. PRATACK! Da ist es wieder, ich spür’s genau. Es ist hunderte Jahre alt, vielfach überliefer­t, zigfach geprägt: Ich fühle mich schuldig. Ich bekomme Gänsehaut.

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