Volks­wir­te war­nen vor Be­triebs­sper­ren über April hin­aus

Wi­fo-Chef Ba­delt: „Nicht aus­halt­bar“Hil­fen vor al­lem für ge­schlos­se­ne Be­trie­be

Der Standard - - ERSTE SEITE - No­ra Lau­fer, Andre­as Schnau­der

Wi­en – Wie lan­ge kann die ös­ter­rei­chi­sche Wirt­schaft ei­nen kom­plet­ten Shut­down ver­kraf­ten? Die­se Fra­ge be­schäf­tigt auch die füh­ren­den Öko­no­men im Land. Die Maß­nah­men sind bis zum 13. April ver­län­gert wor­den, Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz deu­tet aber be­reits an, dass auch da­nach die Si­tua­ti­on in Ös­ter­reich eher dem Not- als dem Nor­mal­be­trieb glei­chen wird.

Die bei­den Chefs der Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­te Wi­fo und IHS, Chris­toph Ba­delt und Mar­tin Ko­cher, ha­ben am Don­ners­tag vor ne­ga­ti­ven Fol­gen ge­warnt, soll­ten die Be­triebs­sper­ren viel län­ger als ge­plant be­ste­hen blei­ben. „Es be­steht die drin­gen­de Emp­feh­lung, das Hoch­fah­ren der Wirt­schaft wie­der ernst­haft zu über­le­gen“, sag­te Ba­delt. Es sei na­tür­lich ei­ne Ab­wä­gung zwi­schen Ge­sund­heit und Wirt­schaft.

850.000 Men­schen ar­bei­ten laut Wi­fo-Schät­zung in den ge­schlos­se­nen Sek­to­ren, so Ba­delt. Wenn auch noch Pro­duk­ti­ons­stopps in der In­dus­trie da­zu­kom­men, wä­ren über ei­ne Mil­li­on Ar­beit­neh­mer be­trof­fen. Auf Dau­er kön­ne der Staat das nicht über Kurz­ar­beit ab­fan­gen. Das sei „fi­nanz­po­li­tisch nicht zu schaf­fen“. Wenn es län­ger als April daue­re, „wird es öko­no­mi­sche Kos­ten ge­ben, die nicht aus­halt­bar sind“, so Ba­delt zum STANDARD. Das Wi­fo rech­net mit ei­nem Rück­gang der Wirt­schafts­leis­tung von 2,5 Pro­zent für 2020, so­fern ab Mai die Wirt­schaft wie­der schritt­wei­se hoch­ge­fah­ren wird. Vom 15. bis zum 25. März stieg die Zahl der Ar­beits­lo­sen um 163.200.

Zur Ab­fe­de­rung der Co­ro­naKos­ten hat die Re­gie­rung den Rah­men für das 38 Mil­li­ar­den Eu­ro schwe­re Hilfs­pa­ket vor­ge­stellt. Bis zu 15 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­hen an Be­trie­be, die be­hörd­lich ge­schlos­sen wur­den. Sie er­hal­ten ei­ne Mi­schung aus Kre­dit und Er­satz für Um­satz­aus­fäl­le von bis zu 120 Mil­lio­nen Eu­ro. Klei­ne­re Be­trie­be oder Neue Selbst­stän­di­ge wer­den mit bis zu 6000 Eu­ro oder 2000 Eu­ro im Mo­nat kom­pen­siert, wenn sie un­ter der Kri­se lei­den.

Vi­ze­kanz­ler Wer­ner Kog­ler spricht sich da­für aus, Di­vi­den­den zu be­schrän­ken, wenn Staats­hil­fen ge­währt wer­den sol­len.

Fünf Bil­lio­nen der G20

Die G20-Staa­ten ha­ben in ei­ner Vi­deo­kon­fe­renz ver­ein­bart, fünf Bil­lio­nen Dol­lar (4,5 Bil­lio­nen Eu­ro) zur Ret­tung der Welt­wirt­schaft zu in­ves­tie­ren. In den USA stieg die Zahl der Neu­an­trä­ge auf Ar­beits­lo­sen­hil­fe in der Vor­wo­che auf 3,3 Mil­lio­nen, ein his­to­ri­scher Re­kord­wert. (red)

Ei­ne Wo­che hat es ge­dau­ert, bis das gro­ße Hilfs­pa­ket zur Ab­fe­de­rung der Co­ro­na-Fol­gen für die Be­trie­be ge­schnürt wur­de. Ei­ne Not­fall­un­ter­stüt­zung von 38 Mil­li­ar­den Eu­ro hat­te die Re­gie­rung vor ei­ner Wo­che im Mi­nis­ter­rat be­schlos­sen und da­mit nicht ein­mal ei­ne Ober­gren­ze ge­setzt. „Kos­te es, was es wol­le“, so die Lo­sung von Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP). Ei­ni­ge Ex­per­ten in­vol­vier­ter Mi­nis­te­ri­en hat­ten dann aber sehr wohl vor Au­gen, dass Geld nicht im Über­fluss vor­han­den ist. Vor al­lem aus dem Fi­nanz­res­sort ka­men Mah­nun­gen, dass Mit­nah­me­ef­fek­te oder gar Miss­brauch droh­ten.

Am Don­ners­tag wur­de nun der Mix prä­sen­tiert. Klei­ne­re Be­trie­be, Ein­per­so­nen­un­ter­neh­men, Neue Selbst­stän­di­ge und auch Ver­ei­ne wer­den durch den Här­te­fall­fonds ge­stützt. Sie er­hal­ten über drei Mo­na­te bis zu 6000 Eu­ro (sie­he Kas­ten). „Da braucht nix zu­rück­ge­zahlt wer­den“, ver­si­cher­te Vi­ze­kanz­ler Wer­ner Kog­ler (Grü­ne) am Don­ners­tag. Im Ver­gleich zu Deutsch­land ist der Här­te­fonds da­mit den­noch eher ma­ger. Dort er­hal­ten Ein­zel­un­ter­neh­mer und Fir­men mit bis zu fünf Voll­zeit­be­schäf­tig­ten ei­ne Ein­mal­zah­lung von bis zu 9000 Eu­ro für drei Mo­na­te. Be­trie­be mit bis zu zehn Be­schäf­tig­ten be­kom­men ma­xi­mal 15.000 Eu­ro.

Der Ei­ne-Mil­li­ar­de-Eu­ro-Topf ist auch im Ver­gleich zu an­de­ren In­stru­men­ten im Hilfs­pa­ket nicht all­zu prall ge­füllt. Bis zu 15 Mil­li­ar­den Eu­ro ste­hen et­wa je­nen Un­ter­neh­men zur Ver­fü­gung, die be­hörd­lich ge­schlos­sen wur­den. Da­zu ge­hö­ren der ge­sam­te Han­del – au­ßer Dro­ge­ri­en und Le­bens­mit­tel­märk­ten und Apo­the­ken –, die Ho­tel­le­rie und Gas­tro­no­mie so­wie Frei­zeit­be­trie­be wie Fit­ness­klubs oder Rei­se­bü­ros.

Dann wä­re noch ein Ga­ran­tie­vo­lu­men von neun Mil­li­ar­den Eu­ro zu ver­ge­ben, um die Kre­dit­ver­ga­be der Ban­ken ab­zu­si­chern. Von der Aus­tria Wirt­schafts­ser­vice über die Kon­troll­bank bis hin zur Tou­ris­mus­bank ÖHT sind gleich meh­re­re In­sti­tu­tio­nen mit der Ver­ga­be von Haf­tun­gen be­auf­tragt. Das Pro­blem, das sich bis­her zeigt: Ei­ni­ge Geld­in­sti­tu­te ste­hen trotz staat­li­cher Ga­ran­ti­en von 80 Pro­zent bei der Be­reit­stel­lung li­qui­der Mit­tel auf der Brem­se.

Nach ei­ner Wo­che des War­tens auf De­tails sol­len Un­ter­neh­men nun je­den­falls mög­lichst rasch auf die un­ter­schied­li­chen In­stru­men­te zu­grei­fen kön­nen. Klein­un­ter­neh­mer kön­nen dem­nach im Lau­fe der nächs­ten Wo­che mit ers­ten Zah­lun­gen rech­nen, Ga­ran­ti­en bei der För­der­bank aws sol­len nun in­ner­halb von 48 St­un­den ab­ge­wi­ckelt wer­den „Was zählt, ist nicht, was an­ge­kün­digt wird, son­dern was bei den Be­trof­fe­nen an­kommt“, sag­te Kanz­ler Kurz am Don­ners­tag wäh­rend der Prä­sen­ta­ti­on der Maß­nah­men. Um zu se­hen, ob die­se De­vi­se dann letzt­lich auch so un­bü­ro­kra­tisch wie an­ge­kün­digt um­ge­setzt wird, müs­sen Un­ter­neh­mer wohl noch ei­ne wei­te­re Wo­che war­ten.

Tau­sen­de Un­ter­neh­men in Ös­ter­reich ha­ben der­zeit kein Ein­kom­men. Das Co­ro­na-Not­fall­pa­ket soll ih­nen durch die Kri­se hel­fen.

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