Jus­tiz­re­form in Po­len

EuGH er­klärt sich in kon­kre­ten Fäl­len für un­zu­stän­dig, an­de­res Ver­fah­ren läuft wei­ter

Der Standard - - ERSTE SEITE - Ge­rald Schu­bert

Rück­schlag für die Geg­ner der um­strit­te­nen Jus­tiz­re­form in Po­len: Der EU-Ge­richts­hof sieht sich nicht zu­stän­dig.

Die seit Jah­ren lau­fen­de Jus­tiz­re­form in Po­len hat vie­le Fa­cet­ten – und eben­so viel­fäl­tig ist die Kri­tik an ihr. Für die Op­po­si­ti­on im Land wie auch für vie­le Ver­tre­ter von In­sti­tu­tio­nen der Eu­ro­päi­schen Uni­on ist sie näm­lich nichts an­de­res als der Ver­such, die Ge­rich­te des Lan­des Schritt für Schritt un­ter die Kon­trol­le der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rungs­par­tei Recht und Ge­rech­tig­keit (PiS) zu stel­len. Ge­nau das kä­me ei­ner Aus­he­be­lung der Ge­wal­ten­tei­lung zwi­schen Po­li­tik und Jus­tiz gleich – ein No-Go für die EU mit ih­rer star­ken Be­to­nung rechts­staat­li­cher Prin­zi­pi­en.

Am Don­ners­tag aber ha­ben Geg­ner der Re­form vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) in Lu­xem­burg ei­nen Rück­schlag er­lit­ten. Die­ser näm­lich hat sich im Streit um mög­li­che Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ge­gen pol­ni­sche Rich­ter für nicht zu­stän­dig er­klärt.

Mäch­ti­ger Jus­tiz­mi­nis­ter

Hin­ter­grund: Im Zu­sam­men­hang mit zwei kon­kre­ten Ver­fah­ren hat­ten pol­ni­sche Ge­rich­te die Sor­ge ge­äu­ßert, dass ih­re Ur­tei­le Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men ge­gen die in den je­wei­li­gen Fäl­len ver­ant­wort­li­chen Rich­ter nach sich zie­hen könn­ten. Die­se Be­fürch­tun­gen schie­nen zu­nächst nicht aus der Luft ge­grif­fen zu sein. Im­mer­hin wa­ren die Durch­griffs­rech­te von Jus­tiz­mi­nis­ter Zbi­gniew Zi­o­bro, der zu­gleich Ge­ne­ral­staats­an­walt ist und als ei­ner der Hard­li­ner in der pol­ni­schen Re­gie­rung gilt, durch Tei­le der Jus­tiz­re­form mas­siv aus­ge­baut wor­den. Ge­ra­de die Dis­zi­plinar­ge­richts­bar­keit, so fürch­ten seit­her vie­le, kön­ne auf die­se Art zu ei­nem Werk­zeug wer­den, um miss­lie­bi­ge Per­so­nen aus dem Richt­er­stand zu ent­fer­nen.

Dass der EuGH sich den­noch nicht mit der Sa­che be­schäf­ti­gen will, hat for­ma­le Grün­de. In der Ent­schei­dung vom Don­ners­tag hieß es, es ge­be kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem EU-Recht, auf das sich die Ge­rich­te bei ih­rem Gang nach Lu­xem­burg be­zo­gen hät­ten, und den Ver­fah­ren, die sie kon­kret ver­han­del­ten – und in de­nen sie sich un­ter Druck fühl­ten.

Den­noch gab es für die kri­ti­schen Rich­ter auch ei­ne gu­te Nach­richt: In Lu­xem­burg be­ton­te man, dass ih­nen kei­nes­falls Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren dro­hen dürf­ten, weil sie den EuGH an­ge­ru­fen hät­ten. In die­sel­be Ker­be schlug auch EU-Kom­mis­si­ons­spre­cher Christian Wi­gand: Die Ent­schei­dung vom Don­ners­tag, be­ton­te er, ha­be kei­ner­lei Ein­fluss auf ein nach wie vor lau­fen­des Ver­fah­ren vor dem EuGH, das sich di­rekt mit den neu­en Re­geln für Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men ge­gen pol­ni­sche Rich­ter be­schäf­tigt. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Kri­tik an den oft als Maul­korb be­zeich­ne­ten Dis­zi­pli­nar­re­geln für pol­ni­sche Ge­rich­te ist noch lan­ge nicht vom Tisch.

De­bat­te um Wahl­ter­min

Die Jus­tiz­re­form der Re­gie­rung hat be­reits mas­si­ve Ein­grif­fe in das Ver­fas­sungs­ge­richt, das Höchst­ge­richt und den wich­ti­gen Lan­des­jus­tiz­rat ge­bracht. Im­mer wie­der ha­ben die Re­ge­lun­gen zu Ver­fah­ren in Lu­xem­burg ge­führt, zu­letzt im Zu­sam­men­hang mit der Zwangs­pen­sio­nie­rung von Höchst­rich­tern. Zu­dem läuft ge­gen Po­len ein Rechts­staats­ver­fah­ren nach Ar­ti­kel 7 des EU-Ver­trags. Es könn­te theo­re­tisch zum Ent­zug der Stimm­rech­te im Eu­ro­päi­schen Rat füh­ren, ist aber zu­letzt ins Sto­cken ge­ra­ten.

In Po­len dis­ku­tiert man der­zeit obend­rein ei­ne Ver­schie­bung der Prä­si­dent­schafts­wahl we­gen der Co­ro­na-Kri­se. Die Wahl soll am 10. Mai statt­fin­den, die Op­po­si­ti­on for­dert die Ver­le­gung auf ei­nen spä­te­ren Zeit­punkt. Amts­in­ha­ber An­drzej Du­da, eben­falls aus den Rei­hen der PiS, führt in den Um­fra­gen und hält vor­erst am ge­plan­ten Ter­min fest.

Fo­to: Reu­ters/Go­ga

Prä­si­dent Du­da möch­te im Mai wie­der­ge­wählt wer­den.

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