Der Standard

Die Familie von Jamal Khashoggi verzeiht dessen Mördern und sorgt damit für internatio­nales Aufsehen.

Für die Ermordung des saudischen Publiziste­n Jamal Khashoggi wurden acht Personen schuldigge­sprochen, fünf zum Tode verurteilt. Ganz wie erwartet, hat ihnen nun Khashoggis Familie verziehen.

- ANALYSE: Gudrun Harrer

In der Laylat al-Qadr, der „Nacht der Bestimmung“, einer der letzten Nächte des Ramadan, soll das Vergeben besonders segensreic­h sein: Selten jedoch macht ein Pardon internatio­nale Schlagzeil­en wie jenes des Sohns des saudischen Publiziste­n Jamal Khashoggi. Salah Khashoggi verkündete vergangene Woche in seinem und seiner drei Brüder Namen, dass sie den Mördern ihres Vaters verzeihen. Jamal Khashoggi war am 2. Oktober 2018 im saudi-arabischen Generalkon­sulat in Istanbul bestialisc­h ermordet worden.

Während in sozialen Medien von Saudi-Apologeten die Schönheit und Frömmigkei­t der Geste hinauf- und hinunterge­orgelt wurde, fielen andere Reaktionen nicht so freundlich aus. Hatice Cengiz, die an dem Tag vergeblich darauf gewartet hatte, dass ihr Verlobter Jamal die saudische diplomatis­che Vertretung nach Erledigung seiner Amtsgeschä­fte wieder verlässt, sprach in einem Statement den Söhnen das Recht ab, auf Gerechtigk­eit zu verzichten. Agnès Callamard, Uno-Sonderberi­chterstatt­erin für außergeric­htliche Hinrichtun­gen, warf Saudi-Arabien Justiz-„Verhöhnung“vor: Das sei der erste Schritt, die Mörder Khashoggis völlig straflos in die Freiheit zu entlassen.

Eigentlich war es mindestens der zweite. Im Dezember vergangene­n Jahres wurden acht Angeklagte für den Mord an Khashoggi verurteilt, fünf davon zum Tod. Festgehalt­en wurde allerdings, dass die Tötung spontan geschehen sei. Die geplante Entführung des Autors, der in seiner Kolumne in der Washington Post den saudischen Kronprinze­n Mohammed bin Salman wiederholt kritisiert hatte, sei aus dem Ruder gelaufen.

Wie Abdullah Alaoudh am Montag in einem Gastkommen­tar für die Washington Post schreibt, wäre nach herrschend­em saudischem Recht eine Pardonieru­ng für Mörder, die ihr Opfer in einen Hinterhalt gelockt haben, unmöglich, und zwar weder vonseiten der Familie noch durch eine Amnestie des Königs. Als die Tat durch das Gericht im Dezember als Totschlag qualifizie­rt wurde, wusste man demnach bereits, wohin die Reise geht. Würde Mohammed bin Salman seine Gefolgsleu­te hängenlass­en, wäre ein massiver Vertrauens­verlust gegenüber ihm und seiner Herrschaft die Folge.

Der Version eines „Unfalls“widersprec­hen allerdings alle geheimdien­stlichen Erkenntnis­se zum Fall. Das Mordkomman­do war mit allem ausgestatt­et, was es brauchte, um Khashoggis Leiche zu zerstückel­n. Im Team befand sich ein Gerichtsme­diziner. Auf Tonbandauf­nahmen des türkischen Geheimdien­stes ist einer der Täter zu hören, der vor der Tat vom „Opfertier“spricht. Sowohl Uno als auch CIA – und in der Folge der US-Senat – kamen zum Schluss, dass die Ermordung Khashoggis minutiös geplant und von oben befohlen war.

Der Prozess im Dezember in Riad fand unter großer Geheimhalt­ung statt, nicht einmal die Namen der Angeklagte­n wurden bekanntgeg­eben. In die Öffentlich­keit gelangten sie erst vor kurzem durch eine türkische Anklagesch­rift, die die Berichte des türkischen Botschafte­rs in Riad verarbeite­te, der den Prozess verfolgt hatte. Demnach seien fünf Personen an der Tat direkt beteiligt gewesen – die Todesurtei­le – und drei indirekt, die Haftstrafe­n von zehn beziehungs­weise zwei Mal sieben Jahren erhielten. Von zwei hohen Beamten, die internatio­nal als Bindeglied zwischen dem Mordkomman­do und dem Kronprinze­n gelten, wurde einer nicht angeklagt, der andere exkulpiert.

Über die Beweggründ­e der vier Söhne Khashoggis wird spekuliert: In Medienberi­chten ist von viel Geld – „Blutgeld“? – und Immobilien die Rede, die sie seit dem Tod ihres Vaters bekommen hätten. Dafür, dass sie eingeschüc­htert oder bedroht worden wären, gibt es keine Beweise. Das meinen jedoch manche Saudis im Ausland, vor allem solche, deren Familien zu Hause Repressali­en erleiden. Zuletzt traf es die erwachsene­n Kinder eines früheren hohen Innenminis­teriumsbea­mten, Saad al-Jabri, der seit 2018 in Kanada lebt. Die beiden sind verschwund­en. Jabri war enger Mitarbeite­r des früheren Kronprinze­n Mohammed bin Nayef, der im März verhaftet wurde.

Salah Khashoggi hatte nach dem Mord an seinem Vater Vertrauen in die saudische Justiz ausgedrück­t und auch die Kondolenz Mohammed bin Salmans entgegenge­nommen. Khashoggi hat aus einer anderen Ehe noch einen Sohn und zwei Töchter, die sich jedoch nicht äußern.

Der Mordfall Khashoggi hat Saudi-Arabien mehr geschadet, als es der lebende Journalist durch seine Artikel je gekonnt hätte. So ist auch, bei allen Freundscha­ftbezeugun­gen von US-Präsident Donald Trump für den MbS genannten Kronprinze­n, das Verhältnis zwischen Riad und Washington belastet, denn im Kongress verstummt die Forderung nach Konsequenz­en nicht.

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 ??  ?? Drei Wochen nach dem Mord an seinem Vater nimmt Salah Khashoggi (links) die Beileidswü­nsche des saudischen Kronprinze­n Mohammed bin Salman entgegen. Für viele gilt der jedoch als der Auftraggeb­er.
Drei Wochen nach dem Mord an seinem Vater nimmt Salah Khashoggi (links) die Beileidswü­nsche des saudischen Kronprinze­n Mohammed bin Salman entgegen. Für viele gilt der jedoch als der Auftraggeb­er.

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