Der Standard

KOPF DES TAGES

Aufklärer der Alpenrepub­lik

- Michael Wurmitzer

Fast 30 Jahre nach seiner Piefke-Saga sind die allerschrä­gsten Schreckens­bilder Felix Mitterers für die Tiroler Alpenwelt doch nicht Wirklichke­it geworden. Keine mechanisch­en Kühe müssen auf den Wiesen von japanische­n Technikern gewartet werden. Sehr weit wähnte man sich davon allerdings nicht, führte man sich zuletzt die Pläne mancher Tiroler Touristike­r zu Gemüte. Mitterer hatte den Finger in eine Wunde namens Ausverkauf der Heimat gelegt, als er

1990 das Drehbuch für die ersten drei Teile des TV-Erfolgs lieferte, 1993 folgte der vierte. Sie erregten erst große Aufregung, wurden dann Kult.

Groß ist folglich die Resonanz, wenn der 1948 im Tiroler Achenkirch geborene Dramatiker nun unter dem Eindruck der Corona-Fälle von Ischgl eine Fortsetzun­g ankündigt. Schon 2007 plante er mit Russen-Saga neueren Tourismuse­ntwicklung­en Rechnung zu tragen, die Annexion der Ukraine verdarb ihm aber den Spaß daran.

Ein Bewusstsei­n für gesellscha­ftliche Krisenherd­e zeichnet Mitterers Werk von Anbeginn aus. Er schöpft dabei auch aus eigener Erfahrung, ist er doch als 13. Kind einer verwitwete­n Landarbeit­erin und eines rumänische­n Flüchtling­s auf die Welt gekommen. Sie übergab ihn einer Freundin, die oft „furchtbar“zum Ziehsohn war. Nicht aber sie zu verurteile­n, sondern sie zu verstehen habe ihn später zum Schreiben befähigt.

Bis 1977 schrieb er neben seiner abgebroche­nen Lehrerausb­ildung und der Arbeit beim Innsbrucke­r Zoll. Ab 1970 veröffentl­ichte er, ein erster Erfolg wurde 1976 Kein Platz für Idioten darüber, wie eine Dorfgemein­schaft einem behinderte­n Buben mitspielt. Plötzlich berühmt machte ihn 1982 der Skandal um Stigma, worin er Katholizis­mus und Scheinheil­igkeit verquickte. Kleinbürge­rliche Doppelmora­l, Außenseite­rtum, die Gräuel der Nazis kennzeichn­en Stücke wie Heim, Besuchszei­t, Kein schöner Land.

Auf der Suche nach Privatheit übersiedel­te Mitterer 1995 nach Irland, 2010 zog er ins Weinvierte­l. Nachts schreibend, sind seither mit Der Boxer oder Jägerstätt­er weitere beachtete Theaterabe­nde auch über die Nazizeit entstanden. Das Attribut „Volksautor“trägt er längst mit der Bescheiden­heit dessen, der einer Gesellscha­ft im besten Sinn den Spiegel vorhält. Auch wenn er sich mit Abgabefris­ten schwertut, gesellen sich heute zu über 30 Stücken zahlreiche Hörspiele und Drehbücher für den Tatort. Mit Keiner von euch liegt zudem neuerdings Mitterers erster Roman vor.

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Foto: Regine Hendrich Autor Felix Mitterer setzt wegen des Coronaviru­s seine „Piefke-Saga“fort.

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