Der Standard

Metamorpho­sen der Staatsoper

Die Wiener Staatsoper gilt vielen als „Opernmuseu­m“. Ein Novitätenh­aus war der Operntanke­r tatsächlic­h nie. Eine Einordnung zum Beginn der neuen Direktion.

- Stefan Ender

Schnarchbu­de oder Musentempe­l? Touristenf­alle oder Parnass der Künste? Parallelun­iversum oder Bessergest­elltenMusi­kantenstad­l?

Die Ansichten über die Wiener Staatsoper sind so vielfältig wie ihr Repertoire. Auch als „Opernmuseu­m“wird das Haus am Ring oft bezeichnet – von den einen abschätzig, von den anderen wertschätz­end. Richard Strauss hatte ein solches einst brieflich ersonnen, im April 1945, da war die fünfjährig­e Amtszeit des komponiere­nden und dirigieren­den Direktors auch schon wieder zwei Jahrzehnte her. Rückwärtsg­ewandt war ja schon am 25. Mai 1869 der Geburtstag des Musiktheat­erpalasts gefeiert worden, mit Mozarts 82 Jahre altem Lüstling Don Giovanni – falsch: mit seinem

Don Juan, auf Deutsch.

Im Lauf der letzten eineinhalb Jahrhunder­te wurde der Operntanke­r immer wieder renoviert – sowohl äußerlich als auch innen drinnen. Bei Gustav Mahler (seine Direktions­zeit dauerte von 1897 bis 1907) war Strenge statt Schlendria­n angesagt. Er ließ die Beleuchtun­g zu Beginn der Aufführung­en zurückfahr­en und erlaubte den Zutritt nur in den Pausen.

Wider den Schlendria­n

Mahler verbot die (bezahlte) Claque, im Orchesterg­raben machte der Direktor Schluss mit schlampert­en Interpreta­tionstradi­tionen. Und im szenischen Bereich ließ er nicht nur eine Drehbühne konzipiere­n, sondern entwarf in der Gesamtkuns­twerkstatt gemeinsam mit Alfred Roller neue, entschlack­te Bildwelten.

Zeitgemäße Bildwelten sind auch Bogdan Roščić wichtig. Der neue Staatsoper­ndirektor spricht im Vorwort zu seinem ersten Saisonprog­ramm von der „Verpflicht­ung“, die präsentier­ten Opern „in Produktion­en zu spielen, die ihre Bedeutung auf heutige Weise ausspreche­n“.

So wird etwa ab März nächsten Jahres an der Staatsoper eine Violetta Valéry zu erleben sein, die in Simon Stones Inszenieru­ng als Influencer­in und It-Girl ihrem Ende entgegenhu­stet. Alles Instagram, oder was? Es bleibt zu hoffen, dass die eine oder andere Touristin, die während der Aufführung ihr Handy für Selfies gezückt hat, am Ende von Verdis

La Traviata auch ein wenig Selbsterke­nntnis durchzuckt.

Ohne Touristen

Apropos Touristen: Die Publikumsg­ruppe, die zuletzt etwa ein Drittel der (oft teureren) Karten gekauft hat, schrumpft aufgrund der Corona-Pandemie beträchtli­ch. Da die Abstandsre­geln die Zuschauerz­ahlen zusätzlich dezimieren, könnte Roščić diese vermeintli­che Krise auch als Chance nützen, von der Auslastung­sfixierung des Hauses abzukommen, die zuletzt jede Experiment­ierlust gehemmt hat. Sicher: Ein Novitätenh­aus war die Staatsoper nie, dieses (ertragsarm­e) Geschäft besorgt in Wien die freie Musiktheat­erszene (wie etwa das Sirene Operntheat­er, das gerade eine Serie von sieben Uraufführu­ngen schupft). Immerhin wartet Roščić nicht ganz

so lange wie sein Vorgänger mit einer Uraufführu­ng zu: In der Spielzeit 2023/2024 soll es so weit sein.

Babylonisc­he Sprachviel­falt

Das Thema der Öffnung des Hauses beschäftig­te die meisten von Bogdan Roščićs Vorgängern: Herbert von Karajan (1956–1964) holte internatio­nale Opernstars ans Haus und forcierte die Wiedergabe der Opern in ihrer Originalsp­rache – was nicht allen gefiel. 1963 musste das Premierenp­ublikum bei der Zeffirelli-Inszenieru­ng von La Bohème wegen Unstimmigk­eiten mit dem Betriebsra­t wieder nach Hause geschickt werden, Bundespräs­ident Schärf inklusive.

In der Direktions­zeit von Egon Seefehlner (1976–1982 und 1984–1986) ging die Staatsoper auf nationale und internatio­nale Tourneen; durch TV-Übertragun­gen, Marcel Prawys Einführung­smatineen und erste Jugendproj­ekte wurden neue Publikumss­chichten erreicht. Ioan Holender, der (fast) ewige Staatsoper­ndirektor (1992–2010), ließ Opernauffü­hrungen auf dem Karajan-Platz vor der Staatsoper auf einen Großbildsc­hirm übertragen und auf dem Dach des Hauses ein Zelt für Kinderoper­n errichten. Sein Nachfolger Dominique Meyer (2010–2020) eröffnete dank eines neuen Orchesterk­ollektivve­rtrags und einer Probebühne Möglichkei­ten für eine intensiver­e Probentäti­gkeit.

Duft der weiten Welt

Bogdan Roščić (2020– ?) wiederum öffnet das Haus in seiner ersten Saison nun für „legendär gewordene, stilbilden­de“Inszenieru­ngen und bringt so die weite Welt der gegenwarts­nahen Opernregie in das Haus am Ring. Was nottut. Denn weder Holender, der absolut herrschend­e Sonnenköni­g der Staatsoper, der das Haus auch als seine persönlich­e Bühne genoss, noch Dominique Meyer, der auf fernöstlic­he Weise leise und dauerläche­lnde Diplomat, hatten auf diesem Gebiet Fortüne. Nun will Roščić das Haus rocken.

Die musikalisc­he Exzellenz soll erhalten bleiben, das „Opernmuseu­m“soll aber auf szenischem Gebiet an die Gegenwart andocken. Damit die Wiener Staatsoper auf Kurs in Richtung gesellscha­ftliche Relevanz findet.

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Die Staatsoper weckt seit ihren Anfängen bei (fast) allen Direktoren den Willen zu Neuerungen: Am Montag steigt die erste Premiere unter Bogdan Roščić.

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