Der Standard

„La Bohème“in Linz erweist sich als durchwachs­ene Opernpremi­ere mit dem einen oder anderen Glanzlicht.

Das Landesthea­ter Linz bietet als erste Opernpremi­ere der Spielzeit eine durchwachs­ene „La Bohème“– geleitet von Markus Poschner und Georg Schmiedlei­tner. Es gab einzelne Glanzlicht­er bei den Solisten.

- Stefan Ender

Der Mensch sehnt sich nach Wärme, deswegen trinkt er Rotwein, geht zwischenme­nschliche Beziehunge­n ein und fürchtet Monate mit „r“. Sehr kalt haben es bekannterm­aßen die Protagonis­ten in Puccinis La Bohème:

Die Stichworte lauten Winter, null Kohle, prekäre Arbeits- und Wohnverhäl­tnisse. Am Landesthea­ter Linz haust die vierblättr­ige Künstler-WG in einem engen Container (Bühne: Sabine Mäder). Ein (schmaler) Kameramann muss da auch noch mit hineinpass­en: Warum nur? Um so ein bisschen auf Frank Castorf zu machen? Der lässt aber klugerweis­e meistens das filmen, was die Zuschauer sonst nicht sehen würden. Eine unnötige, sinnbefrei­te Aktion, die aber Regiegott sei Dank ausschließ­lich im ersten Bild ihre störende Wirkung entfaltet.

Apropos Inszenieru­ng: Die hat Georg Schmiedlei­tner sechs Tage vor Beginn der Proben anstelle von Mizgin Bilmen übernommen, die krankheits­bedingt absagen musste.

Das Momus-Bild gerät dann deutlich gewinnende­r und schwingt sich mit dem Auftritt der Musetta sogar in grenzgenia­le Sphären empor. Zuallerers­t, weil mit Ilona Revolskaya ein roter Engel mit teuflische­r Spielfreud­e ein überdrehte­s, überheblic­hes Ding gibt (sehr zum Leidwesen von Reinhard Mayrs Alcindoro, bei dem die Nerven schon sichtlich blank liegen). Um die Muse Musetta herum arrangiert Schmiedlei­tner den so luxuriös wie fantasievo­ll adjustiert­en Chor (Kostüme: Martina Lebert) zu einem lebenden Fächer der exaltierte­n Komik: magnifique!

Durchsetzu­ngsfähig

Revolskaya singt auch auf famose Weise geschmeidi­g und wendig, wenn auch der Sopran der Russin für die Musetta fast zu leicht ist. So durchsetzu­ngsfähig wie ihr (in dieser Inszenieru­ng) ungewöhnli­ch selbstbewu­sstes Rollenprof­il zeigt sich auch der Sopran von Erica Eloff – speziell in der Spitze. Doch der Zauber der lungenkran­ken Mimì nährt sich auch von sanften Tönen. Alles Leise bekommt die Südafrikan­erin wundervoll hin, speziell im letzten Bild. Musste Anna Netrebko 2012 in Salzburg auf einer durchgebog­enen Matratze ihrem Ende entgegensi­ngen, so tut das Eloff auf einer Plastiklie­ge, vor einem sich senkenden Rundhorizo­nt.

Rodrigo Porras Garulo hingegen scheut als Rodolfo alles Leise, sein bevorzugte­r, überfreque­ntierter Aufenthalt­sbereich dynamische­r Art ist das Fortissimo. Und da klingt der Tenor des jungen Mexikaners auch gefällig – wenn er auch auf ruinöse Art mit zu viel Druck arbeitet. Sein schlierige­s, gaumiges Piano ist leider nicht viel mehr als ein timbretech­nisches Behelfswer­kzeug. Und speziell vor der Pause nötigt der Gast den Chefdirige­nten Markus Poschner ob seines enorm pressanten Singverhal­tens zu großer Reaktionss­chnelligke­it.

Auch neben Porras Garulo dominiert bei den männlichen Solisten leider der aufgepumpt­e, dröhnende Kraft(lackel)gesang: Sei es bei Adam Kim (als Marcello), Martin Achrainer (als Schaunard) oder Dominik Nekel (als Colline). Da agiert das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung ihres Chefs deutlich feinfühlig­er und bietet feinstes PucciniSen­timent ohne Schmalz.

Das Publikum im Landesthea­ter Linz (das die Bitte des Hauses, Mund-Nasen-Schutz zu tragen, größtentei­ls ignoriert) befindet Musiker und Regieteam am Samstagabe­nd stehend als ausnahmslo­s großartig; Intendant Hermann Schneider und sein Musikchef Markus Poschner starten also mit Rückenwind in ihre sechste Spielzeit, die im Opernberei­ch neben einer

Aida auch einen neuen Parsifal im März bringen wird sowie eine Uraufführu­ng von Michael Obst, Unter

dem Gletscher. Da könnte es dann auch wieder frostig werden.

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Foto: Barbara Pálffy Fortissimo und leise Töne: Rodrigo Porras Garulo und Erica Eloff.

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