Der Standard

Rote Revolution

- Walter Müller

Als der Grazer ÖVP-Bürgermeis­ter Siegfried Nagl an jenem strahlend blauen Spätsommer­tag des 5. September sein Leibblatt, die Kleine Zeitung, aufschlug, war für ihn der Tag schon verhagelt. Die Grazer Tageszeitu­ng veröffentl­ichte eine Umfrage, wonach Nagl in der Sympathies­kala von seiner Lieblingsf­eindin überholt worden sei. KPÖ-Chefin Elke Kahr war zu diesem Zeitpunkt bereits beliebter als der Langzeitbü­rgermeiste­r.

Er hätte es wahrnehmen müssen. Kahr hatte sich all die Jahre ohne viel Aufsehens als Menschensa­mmlerin betätigt. Sie war immer erreichbar – sogar ihre Handynumme­r war allgemein zugänglich – und betonte stets, sie fühle sich keiner Lobby außer der Bevölkerun­g verpflicht­et. Das kam gut an.

Auch alteingese­ssene ÖVP-Anhänger fanden Gefallen an der uneitlen Kommunisti­n, von ihr kamen nie großspurig­e Ansagen wie jene von Nagl. Dieser pulverte hunderttau­sende Euros in die Planung von Luftschlös­sern: die Murgondel, die Plabutschg­ondel, die Olympiabew­erbung, eine spektakulä­re Tiefgarage mitten in der City und zuletzt die U-Bahn, die eigentlich keiner wollte. Nagl brachte all diese Ideen nie auf den Boden. Hingegen sah er sich zusehends harter Kritik wegen des Wildwuchse­s an Investoren­bauprojekt­en konfrontie­rt.

In den letzten Tagen vor der Wahl war in der ÖVP helle Panik ausgebroch­en. Interne Umfragen ergaben: Da kommt in Graz etwas Großes in Bewegung. Man wusste jetzt, die KPÖ mit Elke Kahr war auf Augenhöhe nahegekomm­en. Da kündigte sich tatsächlic­h eine rote Revolution in Graz an.

Siegfried Nagl hat die Veränderun­gen in der Gesellscha­ft, den dringenden Wunsch nach mehr Lebensqual­ität in der Stadt nicht realisiert. Der Langzeitbü­rgermeiste­r musste jetzt erkennen: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Daran führt jetzt kein Weg vorbei.

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