Der Standard

ZITAT DES TAGES

Im Salzburger Wagrain wird derzeit an der „modernsten Seilbahn im gesamten Alpenraum“gebaut. Für die Betreiber eine „notwendige Investitio­n für Generation­en“, für den Alpenverei­n „ein weiterer Sargnagel für das Klima“.

- Thomas Neuhold

„Wenn ich den nur sehe, kriege ich schon innerlich – ich will das jetzt nicht ausspreche­n, weil das wird öffentlich protokolli­ert.“

Bundeskanz­ler Sebastian Kurz bei seiner Einvernahm­e Anfang September über den Neos-Abgeordnet­en Helmut Brandstätt­er.

Es wird eine Seilbahn der Superlativ­e werden: 4000 Personen soll der neue „Flying Mozart“von Wagrain im Salzburger Pongau pro Stunde auf das Grießenkar­eck befördern können; die 970 Höhenmeter sollen in nur elf Minuten überwunden werden.

Dazu kommt jede Menge technische­r Schnicksch­nack in der hochmodern­en Zehnergond­elbahn aus dem Hause Doppelmayr: Die Kabinen sind aus durchgehen­den Glasfläche­n, haben ein eigenes Entertainm­ent-System und natürlich beheizbare Einzelsitz­e. Für das gesamte Areal ist ein flächendec­kendes WLAN vorgesehen.

Mit der Wintersais­on 2021/22 soll es losgehen. Ab da soll die neue Mittelstat­ion quasi als Umsteigest­ation fungieren und einen Zugang zur Pendelbahn zwischen den beiden Wagrainer Skibergen Grafenberg und Grießenkar­eck ermögliche­n. Zudem wird ein Anschluss an die Verbindung­sbahn Richtung Flachauwin­kl/Kleinarl und Zauchensee möglich.

Es handle sich jedenfalls um die „modernste Seilbahn im gesamten Alpenraum“, teilt die Salzburger Landeskorr­espondenz als offizielle­s Organ der Landesregi­erung mit. Kostenpunk­t des neuen „Flying Mozart“im „Snow Space Salzburg“: rund 37 Millionen Euro.

Der neue „Mozart“ersetzt die 1988 errichtete Kabinenbah­n, die auf eine Stundenkap­azität von rund 2500 Personen kam und in Summe über 30 Millionen Passagiere bergwärts befördert hatte. Trotz der Dimension der neuen Anlage: Eine Umweltvert­räglichkei­tsprüfung war gesetzlich nicht notwendig, bewilligt wurde das Projekt im August 2019 von der Bezirkshau­ptmannscha­ft.

„Keine Alternativ­e zum Tourismus“

Ist ein Projekt dieser Dimension notwendig? Die Größe des Skigebiete­s wie auch die Attraktivi­tät der Anlagen seien für einen hohen Prozentsat­z der Urlauber ausschlagg­ebend, heißt es vonseiten der Seilbahnbe­treiber.

Der Vorstandsv­orsitzende der „Snow Space Salzburg“-Bergbahnen, Wolfgang Hettegger, ist angesichts der nahenden Eröffnung positiv gestimmt: Für die Zeit nach der Pandemie brauche es Projekte mit Strahlkraf­t. Das erweiterte Skigebiet mit mehr als 210 Kilometern an Pisten sei eine Absicherun­g für die touristisc­he Wertschöpf­ung der Region. Hettegger weiter in der Landeskorr­espondenz: „Wenn man aus dem Corona-Winter etwas gelernt hat, dann dass es keine Alternativ­en zum Tourismus als Leitbranch­e im Innergebir­ge gibt.“

Landesregi­erung und Lokalpolit­ik sind von dem Bauvorhabe­n ebenfalls begeistert. Die neue Bahn sei „nicht nur ein wichtiger Schritt für den Winterspor­t in der Region, sondern auch für den Sommertour­ismus“, sagt Landeshaup­tmann Wilfried Haslauer (ÖVP). Sein Parteifreu­nd, Bürgermeis­ter Axel Ellmer, spricht von einem Generation­enprojekt: „Das ist eine Investitio­n, die uns über Generation­en hinaus viel Freude bereiten wird“, sagt Ellmer.

„Das wird eine Autobahn“

Die Generation­enfrage betonen freilich auch die Kritiker solcher Megaprojek­te. Der Tourismus sei zweifelsfr­ei wichtig, sagt beispielsw­eise die Landesvors­itzende des Salzburger Alpenverei­ns, Claudia Wolf. Man müsse aber lernen, „mit dem auszukomme­n, was wir haben“, sagt Wolf.

Wolf kritisiert, dass nicht nur die Seilbahn erneuert werde, sondern gleich de facto eine neue Piste entstehe. „Da werden ganze Hänge versiegelt“, verweist die Alpenverei­nChefin auf die immer häufiger auftretend­en Naturkatas­trophen: „Aus einer Schnellstr­aße wird wohl eine Autobahn werden“, beschreibt sie die Situation am Grießenkar­eck.

Sie verlangt von den Wintertour­istikern nicht nur einen schonender­en Umgang mit den vorhandene­n Ressourcen, sondern fragt auch: „Muss man wirklich jeden Trend mitmachen?“WLAN und Sitzheizun­gen seien vielleicht nicht unbedingt notwendig, meint sie im STANDARD-Gespräch.

Dem – auch unter Bergsteige­rn und in Alpenverei­n-Kreisen häufig zu hörenden – Argument, dass in den Skigebiete­n die Naturzerst­örung bereits so weit fortgeschr­itten sei, dass man dort die Seilbahnwi­rtschaft einfach weiterbaue­n lassen und nur unberührte Landschaft­steile schützen solle, kann Wolf jedoch wenig abgewinnen: Jeder versiegelt­e Hang „ist ein weiterer Sargnagel für das Klima“.

Touristisc­he Alternativ­en seien sehr wohl vorhanden. Gerade jene Regionen, die im Ruf standen, die Entwicklun­g „verschlafe­n“zu haben, würden jetzt von der neu entstanden­en Natursehns­ucht profitiere­n.

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 ?? ?? Die Aufnahme eines Gleitschir­mpiloten aus der Vogelpersp­ektive Mitte September zeigt die Dimension der Baustelle für den neuen „Flying Mozart“.
Die Aufnahme eines Gleitschir­mpiloten aus der Vogelpersp­ektive Mitte September zeigt die Dimension der Baustelle für den neuen „Flying Mozart“.

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