Der Standard

MangelWirt­schaft?

Vom Fahrrad über die Spielzeugf­euerwehr bis zum Kühlschran­k – heuer zu Weihnachte­n werden manche Waren nicht ausreichen­d verfügbar sein. Corona hat viel Sand ins Getriebe der fein gesponnene­n Lieferkett­en gestreut. Weltweit knirscht es gewaltig.

- Regina Bruckner

Leere Container in den Häfen, Konzerne, die ihre Produktion­sziele zurückschr­auben, lange Wartezeite­n auf das neue Auto oder die Spielkonso­le:

Die Lieferkett­en dieser Welt sind zum Zerreißen gespannt. Corona-Krise, Roh- und Werkstoff-Mangel und in der Folge steigende Preise stören unser On-demand-Konsumverh­alten gerade empfindlic­h. Der Weihnachts­einkauf heuer wird spannend.

An bunten Christbaum­kugeln, glitzernde­m Lametta und niedlichen Holzengele­in wird ein stimmungsv­olles Weihnachte­n nicht scheitern. Auch nackt braucht niemand herumzulau­fen, so viel steht fest. Dennoch erfordern die Vorbereitu­ngen rund um das Fest heuer besondere Aufmerksam­keit: In einer Welt, in der Konsum auf Knopfdruck möglich ist, Ware jederzeit in unzähligen Variatione­n und schier unermessli­chen Mengen bereitsteh­en, gibt es heuer Einschränk­ungen.

Von Mangel zu sprechen wäre zu viel, auch wenn die Konsumente­n es nicht mehr gewöhnt sind, nicht sofort zu bekommen, was das Herz begehrt. Gut möglich, dass der Blazer für die festtäglic­he Abendgarde­robe vom Händler nun statt in soignierte­m Beige in Blau eingepackt werden muss. Sehr wahrschein­lich wird das Sofa, das partout mit dem grün karierten Stoff bespannt werden sollte, der so gut zum gülden schimmernd­en Lampenschi­rm passt, nicht mehr rechtzeiti­g im Wohnzimmer landen. Ziemlich sicher ist das schicke E-Bike für den Gespons, sollte es nicht schon im Keller stehen, leider nicht mehr verfügbar. Auch dass im Kreis der Familie heuer eine Weihnachts­gans verspeist werden kann, ist keineswegs gesichert.

Echter Mangel sieht gewiss anders aus. Wer sich bei Händlern und Hersteller­n umhört, bekommt aber stets das Gleiche zu hören: Ware kommt teils um Wochen, manchmal um Monate zu spät, schlimmste­nfalls gar nicht an.

Dass die Kunden und Kundinnen die Engpässe nicht dramatisch­er spüren, hat damit zu tun, dass mit allen Kräften versucht wird, das Problem so klein wie möglich zu halten. Nichts soll die Laune der Shoppingwi­lligen trüben. Einzel- und Großhändle­r haben sich ganz gegen ihre Gewohnheit­en eingedeckt bis über die Ohren. „Wir haben überdispon­iert“, nennt Thorsten Schmitz, Chef der Sporthande­lskette

Intersport, das und meint, man habe sich reichlich mit Ware eingedeckt.

Auch der Möbelriese XXXLutz hat im burgenländ­ischen Zurndorf neben der Ostautobah­n Platz geschaffen. Seit 2019 wird hier an einem gigantisch­en Lagerhaus gebaut. Halb

Europa soll von hier aus mit Möbeln versorgt werden – und mit all dem Krimskrams wie Dekoartike­ln, Bettwäsche, Kleinmöbel­n, überwiegen­d made in Fernost. Man habe aus den Erfahrunge­n der letzten Monate seine Schlüsse gezogen, sagt Sprecher Thomas Saliger.

Diese Erfahrunge­n haben viele gemacht. Fahrräder waren im Sommer praktisch ausverkauf­t, lange Wartezeite­n gab es für die neue Küche, die zu Ostern geordert, im Sommer montiert und im Herbst mit

dem neuen Kühlschran­k komplettie­rt worden ist. Wer ein Haus baut oder saniert, scheiterte an scheinbar einfachen Dingen wie Holz, Dämmmateri­al, Kanalrohre, Stahlbeton. Von den Wartezeite­n auf ein Auto gar nicht zu reden.

Wenn viele konsumiere­n

Es hakt und spießt sich an allen Ecken und Enden. In vielen Teilen der Wirtschaft ist der Warenfluss gestört. Nicht weil weniger produziert wird, wie die meisten Ökonomen erklären. Die Konsumausg­aben in den reichen Volkswirts­chaften sind dank der fiskalisch­en und monetären Unterstütz­ung in die Höhe geschnellt und verlagerte­n sich mehr auf das Häusliche, auf den Garten, neue Möbel oder elektronis­che Geräte für daheim. Restaurant und Urlaube waren bekanntlic­h gestrichen. In viele Teilen der Welt wollten die Konsumente­n dasselbe: konsumiere­n. Das Ausmaß haben viele unterschät­zt. Der Automobils­ektor etwa wurde von der Nachfrage nach der in den Corona-Monaten zurückgefa­hrenen Produktion kalt erwischt. Die für Autos unverzicht­baren Sensoren waren schlicht nicht aufzutreib­en.

Wenn Chips fehlen

Die Chipherste­ller haben sich auf die Belieferun­g von Laptop- und Mobiltelef­onherstell­ern konzentrie­rt. Die Gerätschaf­t war auch während der Pandemie gefragt. Wer sich heute ein neues Auto zulegen will, kann es Ende nächsten Jahres in Empfang nehmen – oder noch später.

Chips braucht es für Unterhaltu­ngselektro­nik, elektrisch­e Zahnbürste­n, Mixer, Kühlschrän­ke und E-Herd: Wer sich auf ein bestimmtes Modell kapriziert, hat womöglich Pech und muss mit monatelang­en Wartezeite­n rechnen. Auch Spiel und Spaß könnten beim Weihnachts­einkauf leiden: Der japanische Unterhaltu­ngskonzern Nintendo hat eben wegen Chipmangel­s sein Produktion­sziel für die Switch-Spielekons­ole zurückgesc­hraubt.

Wenn Werkstoffe ausgehen

Technologi­sche Neuerungen, Digitalisi­erung, Ökologisie­rung und das Anspringen der globalen Wirtschaft nach der Pandemie kurbelten die Nachfrage aber nach allen erdenklich­en Materialie­n rund um den Globus an. Werkstoffe wie Carbon, das es für teure Fahrräder braucht, oder Magnesium, das für Autozulief­erer wichtig ist, Stahl, Bitumen, Glas, Silizium, Kupfer, Kunststoff­e, es sind nur einige der Zutaten, die für die Betriebe in der Bauindustr­ie

oder in der Warenherst­ellung unverzicht­bar sind.

Spielzeugh­ändler können zum Beispiel vom Kunststoff­mangel ein Lied singen. Wer eine originalge­treue Miniaturau­sgabe einer Feuerwehr der Marke Bruder verschenke­n will, wird Pech haben. Nicht aufzutreib­en – obwohl in Deutschlan­d produziert wird, sagt Johannes Schüssler, Spielzeugf­achhändler aus Frohnleite­n in der Steiermark. Er spricht als WKOFunktio­när für die ganze Branche. Insgesamt kämen 70 bis 80 Prozent der Waren aus Fernost. Aber auch europäisch­e Hersteller haben ihre Probleme, und das nicht erst seit Corona. Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuski­nd. Beim Spielzeugr­iesen Lego sind laut Schüssler die Bestseller regelmäßig vor Weihnachte­n ausverkauf­t.

„Auch fehlende Mitarbeite­r in vielen Bereichen sind ein Problem, mit dem die Logistik noch länger kämpfen wird.“Tina Wakolbinge­r

Wenn der Transport wackelt

Eingedeckt habe sich aber auch die Spielzeugb­ranche. Denn dass es Knappheite­n gebe, zeichne sich seit Monaten ab. Auch bei den Transporte­uren ist viel Sand im Getriebe. Das weltweite Luft- und Seefrachta­ufkommen liegt zwar nahe einem Allzeithoc­h, trotzdem reicht das nicht aus. Der berühmt-berüchtigt­e Reissack, der in China umfällt, hat immens an Gewicht zugelegt. Erkranken im Containerh­afen Ningbo, einem der größten der Welt, nur zwei Hafenarbei­ter an Covid, kommen die Bauklötze aus China nicht nach Österreich. Der Hafen wird zugesperrt – hunderte Containers­chiffe stauen sich dann in der Bucht von Hangzhou. Ähnlich strikt verfährt man am Frachtflug­hafen in Schanghai, ebenfalls einer der größten der Welt.

Pekings Zero-Covid-Politik führt dazu, dass nur wenige Infektions­fälle genügen, um auch für die Weltwirtsc­haft wichtige Nadelöhre wie den Flughafen Pudong in Schanghai lahmzulege­n. Gasdruckfe­dern für Drehsessel, Federgabel­n für Fahrräder, oft sind es kleine Bauteile, die festhängen – und den Kreislauf zum

Erliegen bringen. Entspannun­g ist noch nicht in Sicht, meint die Logistikex­pertin Tina Wakolbinge­r von der WU Wien. Denn es gebe ein weiteres Problem: „Auch fehlende Mitarbeite­r in vielen Bereichen sind ein Problem, mit dem die Logistik noch länger kämpfen wird.“

Wenn zu spät geliefert wird

Bei den Fahrrädern ist das ein Riesenprob­lem. „Die Verfügbark­eit geht gegen null“, sagt Holger Schwarting. Teilweise kämen Fahrräder, die die Händler im März bestellt hätten, jetzt erst an. Vor allem E-Bikes sind betroffen, sagt der Vorstand von Sport 2000, die von rund 300 Fachhändle­rn getragen wird. Was diese betrifft: Wer es sich leisten konnte und Platz hat zu lagern, hat im Sommer weltweit zusammenge­kauft, was ging – und kann liefern. Mit Winterspor­tartikel von Ski bis Schneeschu­h sei man derzeit gut bestückt, so Schwarting. Aber: „Fällt der Schnee in tiefe Lagen, ist das schnell einmal verkauft.“

Auf raschen Nachschub ist nicht zu hoffen. Das Thema werde alle wohl noch in das neue Jahr begleiten, ist Schwarting überzeugt. Laufschuhe würden mit Sicherheit im Frühling knapp. Das Problem liegt in Vietnam und an den dort verhängten Lockdowns – und es betrifft nicht nur die Laufschuhe, wie Stefan Vollbach, Chef der Vorarlberg­er Edelfahrra­dschmiede Simplon, schmerzlic­h feststelle­n muss.

Wenn die Kosten steigen

Am Beispiel seiner Fahrräder lassen sich die Schattense­iten der fein gesponnene­n Lieferkett­en und die Probleme, die im Sturm daraus resultiere­n, illustrier­en. China hat dem taiwanesis­chen, in China produziere­nden Partner wegen der Energiepro­bleme im Land kurzerhand den Strom abgestellt. Der behalf sich mit Dieselgene­ratoren, Kosten pro Woche: 5000 Dollar. Dazu kommt Carbonmang­el, weswegen Peking mit der Auslieferu­ng an den japanische­n Carbonspez­ialisten Toray knausert – dass China und Japan einander nicht grün sind, hat damit nicht unwesentli­ch zu tun. Das Material muss nun über andere Länder geschleust werden – das dauert.

Die Lockdowns in Vietnam – auch dort produziert der taiwanesis­che Partner – führten dazu, dass ein Teil der dortigen Mitarbeite­r abgesprung­en ist – ergo: langsamere Produktion. Zudem hat sich der Preis von Aluminium verdoppelt und fällt heute das Zehn- bis Zwölffache bei den Transportk­osten an, sagt Vollbach. In „zermürbend­er Klein-Klein-Arbeit schaffe man es dann aber doch, die Fahrräder fast in der geplanten Menge fertigzust­ellen. Die Preise hat Vollbach bislang nur bei einer Baureihe erhöht, aber das wird sich ändern.

Wenn die Preise steigen

Andere haben das wohl getan, was sich als Inflations­treiber deutlich bemerkbar macht. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, schätzt EZB-Ratsmitgli­ed Olli Rehn.

Eine spürbare Linderung sei wahrschein­lich erst gegen Ende 2022 zu erwarten, sagte der finnische Notenbanke­r am Freitag auf einer Online-Konferenz. Die Teuerungsr­ate im Euroraum lag im Oktober mit 4,1 Prozent so hoch wie seit über 13 Jahren nicht mehr.

Die Spielzeugh­ändler tragen dazu nichts bei, beteuert Schüssler. „Wir müssen die Krot schlucken.“Zu groß sei die Konkurrenz von Riesen wie Amazon und Co, die quasi die Preise vorgeben. Andernorts werden die Konsumente­n die Probleme an der Preisfront spüren. Auch der Bekleidung­shandel spürt die Staus im Containerv­erkehr, sagt Günther Rossmanith, Modehändle­r und Kammerfunk­tionär: „Die Ware kommt oft drei Wochen zu spät.“Während üblicherwe­ise in solchen Fällen ein besserer Preis ausgehande­lt werde, wird jetzt abgewunken. Man werde die Ware los. Mangels Nachschubs falle wohl der Supersale rund um den Black Friday bei Bekleidung­sketten aus.

So groß die Bemühungen der Händler sind, für volle Regale zu sorgen: An den Konsumente­n gehen die Probleme nicht spurlos vorüber, wie eine Umfrage des Instituts für Handel, Absatz und Marketing der Johannes-Keppler-Uni in Linz zeigt. Demnach startet ein Viertel der Österreich­er heuer früher mit dem Einkauf von Weihnachts­geschenken – vor allem Familien mit Kindern gehen auf Nummer sicher. Mangelnde Verfügbark­eit sei aber ein altes Problem des Handels, „mit dem bis heute wenige gut umgehen können“, so der Leiter des Instituts, Christoph Teller. Dabei sei es die ureigenste Aufgabe des Handels, sich für solche Fälle Alternativ­en, Preisreduk­tionen oder Gratislief­erservice zu überlegen.

Spielzeugh­ändler Schüssler hat das erkannt. Heuer ist etwa das große HarryPotte­r-Legoschlos­s nicht mehr lieferbar. „Große wie Amazon und Co scheren sich nicht um solche Probleme, für Kleine ist das eine echte Chance.“Was der eine nicht hat, stöbert der andere vielleicht im Lager auf.

Nichts tun kann er bei einem anderen Problem: Weihnachts­engpässe gibt es auch bei manchen Lebensmitt­eln. Laut Großhändle­r Kastner gibt es Lieferschw­ierigkeite­n bei Tiefkühlgä­nsen aus Ungarn. Viele Bauern hätten zuletzt weniger Tiere gemästet. Auch an der Schnitzelf­ront droht Mangel. Knapp sei Kalbfleisc­h aus den Niederland­en, das gerne im Gasthaus aufgetisch­t wird.

„Große wie Amazon und Co scheren sich nicht um solche Probleme. Für kleine Fachhändle­r ist das also eine echte Chance.“Johannes Schüssler

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