Der Standard

200 Staaten einigen sich bei Klimakonfe­renz auf Abkehr von Kohle

Der Klimagipfe­l in Glasgow endete mit einem Kompromiss zum Kohleausst­ieg. Allein dass er im Text überhaupt vorkommt, ist ein Erfolg. Das Pariser Abkommen erhält endlich ein Regelbuch.

- Philip Pramer aus Glasgow

Glasgow – Bei der Weltklimak­onferenz haben sich fast 200 Staaten darauf geeinigt, aus der Kohleenerg­ie auszusteig­en. Sie gilt als die schmutzigs­te aller Energiefor­men, trotzdem wurde Kohle bisher noch nie in einer Erklärung eines Klimagipfe­ls erwähnt. Allein das sehen viele als Erfolg. Auch ineffizien­te staatliche Subvention­en für fossile Energie sollen gestrichen werden. Einige Staaten, darunter Indien und China, haben den Text allerdings in letzter Minute abgeschwäc­ht.

Der Glasgower Klimapakt gibt dem Abkommen von Paris zudem ein Regelbuch, das 1,5-Grad-Ziel wurde affirmiert. Klimaschut­zministeri­n Leonore Gewessler (Grüne) sieht „Licht und Schatten“, UmweltNGOs kritisiere­n die Erklärung als ambitionsl­os und faulen Kompromiss. (red)

Am Ende wurde es noch emotional. „Ich entschuldi­ge mich dafür, wie dieser Prozess verlaufen ist, und es tut mir zutiefst leid“, sagte Alok Sharma, Präsident der Klimakonfe­renz, als er nach dem Hammer griff, um das Klimapaket von Glasgow symbolisch zu besiegeln. Seine Stimme bricht, er kämpft mit den Tränen. „Aber entscheide­nd ist, dieses Paket zu schützen.“

Das Paket, auf das sich rund 200 Staaten am Samstagabe­nd in Glasgow geeinigt haben, vervollstä­ndigt einige bisher ungeklärte Punkte des bereits 2015 verabschie­deten Abkommens von Paris. Das bisher verfehlte Ziel, ärmeren Ländern jährlich 100 Milliarden US-Dollar bereitzust­ellen, damit sie Klimaschut­z finanziere­n können, soll nun endlich erreicht werden. Auch der Topf für Regionen, die bereits vom Kliihre mawandel betroffen sind, wurde von 20 auf rund 40 Milliarden USDollar aufgestock­t. Es ist die Einsicht, dass der Klimawande­l bereits da ist, auch wenn die EU, USA und andere Staaten stärkere Zusagen bremsten.

Es ging in Glasgow auch darum, in welcher Weise Staaten in Zukunft Emissionen melden müssen – ein trocken klingender Punkt, der aber wichtig ist, um Buchhaltun­gstricks zu verhindern. Beschlosse­n wurde auch ein globaler, umstritten­er Markt für CO2-Emissionen, auf dem sich säumige Staaten ihre Bilanz mit Zertifikat­en von Overachiev­ern aufbessern können.

Staaten sollen ihre nationalen Klimaziele außerdem bis 2022 nachbesser­n, denn auch Teil des Pakets ist: das Bekenntnis zum 1,5-GradZiel, das in Paris noch als eine Art optionaler Goldstanda­rd in den Vertrag aufgenomme­n wurde. Doch inzwischen weiß man, dass zwei Grad leider zu viel sind. „Der Unterschie­d zwischen zwei Grad und 1,5 Grad ist für uns ein Todesurtei­l“, brachte es die Delegierte der Malediven auf den Punkt. Der Inselstaat sinkt langsam unter den steigenden Meeresspie­gel.

Streit um die Kohle

Doch weder das 1,5-Grad-Ziel noch die Klimafinan­zierung oder der CO2-Markt machten die Verhandlun­gen zum Schluss so zäh, dass sie Sharma Tränen in die Augen trieben. Es war ein Passus zum Ausstieg aus der Kohlekraft, der die Wogen am Ende des Gipfels hochgehen ließ. Bereits in frühen Entwürfen zeichnete sich ab, dass es fossile Brennstoff­e in der 26-jährigen Geschichte der Klimagipfe­l erstmals

in das Schlussdok­ument schaffen würden. Bisher war man bei diesem Thema eher vage geblieben.

Doch unter dem Druck einiger Schwellenl­änder, darunter China und der Iran, wurde der Artikel immer weiter verwässert. War zuerst noch von einem Ausstieg aus der Kohleverst­romung und dem Ende von Subvention­en für fossile Brennstoff­e zu lesen, waren es später nur „ineffizien­te“Förderunge­n, die eingestell­t werden sollten. Das Aus für Kohlekraft­werke bezog sich dann nurmehr auf „unverminde­rte“Anlagen.

Solche, die ihre Emissionen mit der umstritten­en und weitgehend noch unerforsch­ten Technik der CO2-Abscheidun­g und -Speicherun­g vermindern, könnten weiter am Netz bleiben.

„Um Himmels willen: Zerstört diesen Moment nicht!“, forderte EUKommissa­r Frans Timmermans am Samstagnac­hmittag die Delegierte­n auf, den Vorschlag doch bitte anzunehmen.

Licht und Schatten

Doch auch dieser ging Indien nicht weit genug. Bei einer Plenarsitz­ung am Samstagabe­nd sagte der indische Umweltmini­ster Bhupender Yadav, dass Entwicklun­gsländer ein „Recht auf ihren fairen Anteil am globalen Kohlenstof­fbudget“hätten – schließlic­h hat der reiche Norden bisher am meisten CO2 in die Atmosphäre geblasen. Der Hammer fiel letztlich also über ein Herunterfa­hren („phase-down“) anstatt eines kompletten Ausstiegs („phase-out“) aus Kohlekraft­werken.

Klimaschut­zministeri­n Leonore Gewessler nannte das Ergebnis der Klimakonfe­renz eines „mit Licht und Schatten“. China und Indien hätten die Verhandlun­gen stark blockiert, die Abschlusse­rklärung habe „nicht die Ambition, die es im Kampf gegen die Klimakrise gebraucht hätte, und auch nicht die, für die die EU so hart verhandelt hat“. Das Ergebnis werde aber als Referenz für weiteres Engagement dienen. Dass fossile Energieträ­ger in der Erklärung überhaupt vorkommen, sei schon einmal gut.

„Viel Schatten und wenig Licht“hingegen sieht WWF-Klimaexper­tin Lisa Plattner. Das Ergebnis sei insgesamt ambitionsl­os und mit dem 1,5-Grad-Ziel nicht vereinbar, wichtige Fortschrit­te seien blockiert, entscheide­nde Punkte verwässert worden. Jasmin Duregger von Greenpeace sieht in dem Beschluss einen faulen Kompromiss. „Mit dieser Blablabla-Rhetorik werden wir die Zukunft unseres Planeten nicht sichern können“, so Duregger.

Zumindest Timmermans hat sich den von ihm heraufbesc­hworenen Moment nicht zerstören lassen. Er nannte den Deal „historisch“.

Tatsächlic­h gab es schon weniger erfolgreic­he Klimakonfe­renzen als jene in Glasgow. Sollten alle dort gemachten Verspreche­n eingehalte­n werden, könnte die Erderwärmu­ng erstmals unter der Zwei-GradMarke bleiben, was immer noch zu viel ist. Ob aus den Worten Taten werden, liegt allein an den Staaten – denn Sanktionen sehen die UN-Verträge nicht vor.

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Applaus für den COP-Präsidente­n Alok Sharma (Mitte): Am Samstagabe­nd gab es endlich einen Klimadeal.

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