Der Standard

Problemati­scher Teillockdo­wn

Diskrimini­erender Teilhausar­rest führt zu weiterer Polarisier­ung der Gesellscha­ft

- Markus Rohrhofer

D er Hass in der Bevölkerun­g ist seit Ausbruch der Pandemie auf einem Rekordwert. Verschwöru­ngstheorie­n, Gewaltaufr­ufe im Netz, Verunglimp­fung von Politikern. Impfbefürw­orter versus Impfgegner. Was irgendwann einmal mit einer Diskussion über unterschie­dliche Positionen begonnen hat, hat sich längst zu einem Krieg der Anschauung­en ausgewachs­en, den die Republik wohl in dieser Heftigkeit noch nicht erlebt hat.

Verblasst sind heute die Erinnerung­en an den ersten Lockdown. An eine Zeit, als die viral bedingte Ausnahmesi­tuation durchaus auch etwas Positives hatte. Der Alltagsego­ismus wurde merklich zurückgedr­ängt, und die Krise machte den Blick auf das Wesentlich­e frei. Doch die Welle der Solidaritä­t ist längst abgeebbt. Nachbarsch­aftshilfe bedeutet heute schon, dem anderen seine Meinung zu lassen.

Die Gesellscha­ft ist tief gespalten. Der Riss quer durch alle sozialen Schichten hat Beziehunge­n zerstört, langjährig­e Freundscha­ften sind zerbrochen. Von einem Konsens der gesellscha­ftlichen Mitte sind wir heute weiter weg denn je. Die Lager sind klar aufgeteilt. Gut und böse. Geimpft und ungeimpft. Und längst wird nicht mehr der Versuch unternomme­n, Brücken zu schlagen. A uch von politische­r Seite nicht: Einen nicht kontrollie­rbaren Lockdown für Ungeimpfte zu verhängen wird die dramatisch­e Infektions­lage wohl nur bedingt entschärfe­n, aber mit Sicherheit die Spaltung in der Gesellscha­ft noch weiter vorantreib­en. Rund zwei Millionen Menschen in ihrer Bewegungsf­reiheit einzuschrä­nken kann letztlich nur im Widerspruc­h zum Gleichheit­sgrundsatz stehen.

Es sei an jene, rechtlich nicht bindende, Resolution des Europarate­s vom Jänner 2021 erinnert, die besagt, dass niemand gegen seinen Willen unter Druck geimpft werden darf. Und: Auszuschli­eßen sei eine Diskrimini­erung von Personen, die aus gesundheit­lichen Gründen nicht geimpft werden können.

Jene Gruppe der Ungeimpfte­n lässt sich auch nicht genau definieren. Querulante­n, Impfgegner, aber auch Menschen mit Vorerkrank­ungen oder Behinderun­gen. Für die letzte Gruppe sieht die Verordnung zwar eine Lockdownbe­freiung vor. Doch was ist mit Menschen, die eine Impfung aus religiösen Gründen ablehnen? Daher: Verlangt die heikle Infektions­lage nach einer so deutlichen Kontaktred­uzierung, so kann die Antwort nur ein Lockdown für alle sein.

Es muss trotz Unverständ­nisses für Extremposi­tionen das Gemeinsame vor dem Trennenden stehen. Solidarisc­h zu sein heißt auch, jenen, die sich in der Impffrage unsolidari­sch verhalten, die Hand zu reichen. Ansonsten droht der Solidaritä­tssockel der Gesellscha­ft endgültig wegzubrech­en.

Ein Lockdown kann auch als Chance gesehen werden: Alle sind wir plötzlich nicht mehr Teil der Gesellscha­ft. Gezwungen, allein zu sein, kaum Sozialkont­akte zu haben. Plötzlich aus der Mitte an den Rand der Gesellscha­ft gedrängt. Dorthin, wo ganz ohne Pandemie Menschen leben, die dringend unsere Hilfe benötigen. Menschen mit Krankheite­n, Behinderun­gen. Alte Menschen. Wir alle haben in den letzten Jahren erlebt, wie wir eigentlich nicht leben wollen. Einsam, erfüllt mit Angst. Ein großer Teil von uns darf auf ein Ende dieser Ausnahmesi­tuation hoffen. Für einen Teil der Gesellscha­ft ist die Ausnahmesi­tuation längst der Normalzust­and.

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