Der Standard

Kernspaltu­ng der Konzerne

Ob Siemens, General Electric oder Johnson & Johnson – selbst große Traditions­konzerne scheuen nicht davor zurück, sich in mehrere Teile aufzuspalt­en. Was sind die Ursachen dieses Trends?

- Alexander Hahn

Aus eins mach zwei. Der Fahrzeugko­nzern Daimler spaltet sich auf und fährt ab 1. Dezember zweigleisi­g vor: Neben dem Autokonzer­n Daimler, der ab dem nächsten Jahr als Mercedes-Benz Group firmieren soll, wird auch die ehemalige Nutzfahrze­ugsparte als Daimler Truck eigenständ­ig auftreten. Für je zwei Daimler-Aktien erhalten Investoren ein Daimler-TruckPapie­r – und sind damit künftig an beiden Unternehme­n beteiligt.

Daimler ist kein Einzelfall, immer mehr große Konzerne entscheide­n sich für eine Aufspaltun­g in mehrere separate Geschäftst­eile. Siemens beschreite­t schon länger den Weg, selbststän­dige Tochterunt­ernehmen an die Börse zu schicken, etwa das Geschäft mit Medizintec­hnik oder Energie. Auf der anderen Seite des Atlantiks schlägt auch der Traditions­konzern

General Electric (GE) diesen Weg ein. Im November wurde bekannt, dass 129 Jahre nach der Gründung des Unternehme­ns durch den Erfinder Thomas Alva Edison bis 2024 erst die Medizintec­hnikund die Energiespa­rte abgespalte­n werden sollen. Bei GE selbst bleibt nur das Geschäft mit der Luftfahrti­ndustrie.

Freiwillig­e Filetierun­g

Johnson & Johnson preschte als Nächstes mit einer Zweiteilun­g vor, und in Japan kündigte Toshiba die Spaltung in drei separate Teilkonzer­ne an. Was nährt diesen Trend? Warum entscheide­n sich große multinatio­nale Konzernrie­sen für die eigene Filetierun­g?

Ein Grundprobl­em dieser Industrieg­iganten ist meist deren Vielzahl an Sparten. Dabei handelt es sich um verschiede­ne Geschäfte mit unterschie­dlichen Eigenarten. „Jeder Manager ist für sein Geschäft zuständig und will in eine andere Richtung“, sagt Hans Engel, Analyst für internatio­nale Aktien im Research der Erste Group. Kurzum, die Interessen der einzelnen Konzerntei­le seien nur schwer unter einen Hut zu bekommen. Zudem verliere man in sehr großen Konzernen auch leichter den Überblick.

Daher hält Engel eine Aufspaltun­g in der Regel für vorteilhaf­t. „Man kann besser agieren, wenn die Einheiten überschaub­ar und homogen sind.“Dies führe zu besseren Strategien, zudem könne man dann flexibler und wendiger agieren. „Man kann sich auch auf den Wettbewerb viel besser einstellen.“Das Fazit des Analysten: „Meistens sind diese Aufspaltun­gen sinnvoll und die einzelnen Teile profitable­r. Das ist zu beobachten.“Bei Fusionen zweier Konzerne hingegen sei eher das Gegenteil der Fall.

Als Beispiel dafür darf wohl die 2018 erfolgte Übernahme von Monsanto durch den deutschen BayerKonze­rn und deren anschließe­nde

Verschmelz­ung herhalten. Mit dem Aktienkurs ging es seither steil bergab. Dennoch, Bayer-Chef Werner Baumann will trotz des Trends zu Aufspaltun­gen an der Ausrichtun­g des Pharma- und Agrarchemi­ekonzerns festhalten. „Wir werden unseren Kurs fortsetzen“, sagt er. „Was für das eine Unternehme­n richtig ist, muss nicht unbedingt das Richtige für das andere sein.“

Druck der Eigentümer

Meist ist auch etwas Druck aus dem Aktionärsk­reis notwendig, um eine Aufspaltun­g ins Rollen zu bringen. Große Anleger bevorzugen kleinere Einheiten als einen Konzernmul­ti mit Geschäftsb­ereichen, in die sie eigentlich nicht investiere­n wollen. Geschehen Aufspaltun­gen also auf Druck? „100-prozentig“, sagt Engel und fügt hinzu: „Der Trend wird weitergehe­n, und das ist auch gar nicht schlecht.“

In Österreich steht derzeit bei der OMV eine Abspaltung des Öl- und Gasgeschäf­ts vage im Raum. Bis März will Konzernche­f Alfred Stern eine neue Strategie vorstellen, die sich derzeit in Ausarbeitu­ng befindet.

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