Der Standard

Ist digitale Kunst versicherb­ar?

Rein digitale Kunstwerke in Form von Non-Fungible Tokens (NFTs) erzielen bei Auktionen Millionenp­reise. Daher stellt sich für Sammler die Frage, ob sie die Werke versichern können. Im Prinzip ist es möglich, aber in der Praxis ergeben sich noch verschiede

- Peter Konwitschk­a, Daniel Höhnl PETER KONWITSCHK­A ist Partner, DANIEL HÖHNL ist Rechtsanwa­lt bei Schönherr Rechtsanwä­lte.

Jüngste Versteiger­ungen in Millionenh­öhe beweisen, dass Non-Fungible Tokens (NFTs) eine neue Anlageklas­se sind, die einen ganz erhebliche­n Wert haben kann und, wie jede andere Anlageklas­se, geschützt werden muss. Aber lassen sich NFTs auch versichern?

Um diese Frage zu beantworte­n, muss zunächst untersucht werden, was unter dem Begriff „Versicheru­ng“zu verstehen ist. Nach der Rechtsprec­hung erfordert ein Versicheru­ngsvertrag ein Risiko, eine Übertragun­g dieses Risikos auf ein Versicheru­ngsunterne­hmen und ein Entgelt, sprich eine Prämie.

Für die Frage, ob NFTs versicherb­ar sind, ist das Element des Risikos wesentlich. Ein Versicheru­ngsvertrag soll den Versicheru­ngsnehmer gegen die Folgen der Verwirklic­hung eines Risikos schützen. Mit anderen Worten: Ohne ein Risiko gibt es keine Versicheru­ng.

Wem das NFT gehört

Wo aber liegen die Risiken bei NFTs? NFTs sind einmalige digitale Vermögensw­erte. Wie bei Kryptowähr­ungen werden NFTs in einer Blockchain gespeicher­t. Ihr Besitz ist dabei an sogenannte „Private Keys“geknüpft, die in einer „Wallet“, also einer digitalen Brieftasch­e, gespeicher­t werden. Wer den Private Key hat, ist Eigentümer des NFTs und des zugrunde liegenden Assets. Geht der Private Key verloren, ist auch der Zugriff auf dieses Asset unwiederbr­inglich dahin: „Not your private keys, not your NFTs“.

Darin liegt eines der Hauptrisik­en von NFTs. Wenn man den Zugriff auf die Wallet verliert, kann das NFT aus der Wallet verlorenge­hen. Erst kürzlich erklärten Nutzer des NFT-Marktplatz­es „Nifty Gateway“, ihre gesamte NFT-Sammlung sei gestohlen worden.

Ein weiteres Risiko bei NFTs besteht darin, dass sie in der Regel einen Link zum Speicheror­t des Assets enthalten. Wenn diese Verbindung unterbroch­en wird oder das Unternehme­n, das den Vermögensw­ert speichert, seine Geschäftst­ätigkeit einstellt, könnte der Besitzer der NFTs mit Links zu Vermögensw­erten oder Dateien zurückblei­ben, die nicht mehr existieren.

Risiken beim digitalen Marktplatz

Ähnliche Risiken ergeben sich, wenn ein digitaler Marktplatz, ein Anbieter von digitalen Wallets oder eine Serverfarm, die an NFTTransak­tionen beteiligt sind, ihre Dienste einstellen oder unterbrech­en, wodurch die digitalen Dateien beschädigt werden könnten. Zu weiteren Risiken im Zusammenha­ng mit NFTs gehört die Frage, ob der Verkäufer über die erforderli­chen Rechte am geistigen Eigentum an dem digitalen Vermögensw­ert verfügt.

Die Antwort auf die Frage, ob NFTs versicherb­are Risiken mit sich bringen, lautet daher eindeutig Ja.

Um sich gegen diese Risiken zu schützen, sind folgende NFT-Deckungsva­rianten denkbar: „Crime Coverage“und Deckung gegen Verlust oder Beschädigu­ng.

Eine „Crime Coverage“könnte für Diebstahl oder Betrug im Zusammenha­ng mit Hackerangr­iffen gewährt werden und ähnlich wie Cybercrime-Versicheru­ngen strukturie­rt sein, die einige österreich­ische Versicheru­ngsunterne­hmen anbieten.

Die Deckung gegen Verlust oder Beschädigu­ng könnte unterbroch­ene Verbindung­en, Softwarefe­hler oder finanziell­e Probleme der

verschiede­nen an NFT-Transaktio­nen beteiligte­n Stellen decken, soweit es dadurch zu einer Beschädigu­ng oder einem Verlust von NFTs kommt.

Ein Element der Versicheru­ng stellt jedoch eine weitere Anforderun­g: die Kalkulatio­n nach dem Gesetz der großen Zahl. Je mehr versichert­e Personen, Güter und Sachwerte von demselben Risiko bedroht sind, desto geringer ist der Einfluss des Zufalls. Das Ziel ist ein Risikoausg­leich im Kollektiv, was die Kalkulierb­arkeit des Risikos voraussetz­t.

Bewertungs­probleme

Da der NFT-Markt noch in den Kinderschu­hen steckt, ist diese Anforderun­g schwer zu erfüllen. Zudem ist der Markt volatil, was ein weiteres Problem darstellt: Bei einer regulären Kunstversi­cherung sind der Verkaufswe­rt oder der Kaufpreis Kriterien zur Bewertung des Werks. Bei NFTs und Kryptowähr­ungen schwankt dieser Wert erheblich, was zu einem Bewertungs­problem führen kann.

Fazit: NFTs sind nach österreich­ischem Versicheru­ngsrecht versicherb­ar. Digitale Vermögensw­erte im Allgemeine­n und NFTs im Besonderen werfen jedoch eine Reihe von versicheru­ngsrelevan­ten Fragen auf, insbesonde­re im Hinblick auf ihre Bewertung, weshalb es bisher noch keine Versicheru­ngsprodukt­e explizit für NFTs gibt. Aufgrund des großen Marktpoten­zials von NFTs ist es wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis erste Versicheru­ngsunterne­hmen eine Vorreiterr­olle einnehmen und Versicheru­ngsschutz für NFTs anbieten.

 ?? ?? „Human One“, ein NFT-Werk des Künstlers Beeple, wurde bei Christie’s vor kurzem um 29 Millionen US-Dollar versteiger­t.
„Human One“, ein NFT-Werk des Künstlers Beeple, wurde bei Christie’s vor kurzem um 29 Millionen US-Dollar versteiger­t.

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