Der Standard

Geschenke erhalten die Freundscha­ft

Heute mit Blickricht­ung Russland, einst Sowjetunio­n: Sucht Finnland jetzt die Nähe zur Nato, trat es damals an die Seite des Deutschen Reiches. Nebenher ereignete sich ein spannendes Kapitel Automobilg­eschichte.

- Peter Urbanek

Mit meiner Frage an die wöchentlic­he Döblinger Autofanrun­de schaffte ich eine komplette Verwirrung. Wer war Carl Gustaf Emil Mannerheim? Schweigen rundum. Erste Meldung: ein deutscher General. Falsch. Auch die zweite Wortmeldun­g Richtung Baltikum ging daneben, bis sich ein Vielreisen­der zu erinnern begann: „Vor Jahren war ich in Finnland, da fiel mir auf, dass in jeder Stadt, in jedem Dorf der Name Mannerheim präsent war, auf Plätzen, Straßen und Gebäuden.“

Unser Nordlandto­urist hatte ins Schwarze getroffen. Carl Gustaf Emil Mannerheim, geboren 1867 im ethnisch schwedisch­en Süden Finnlands, gestorben 1951 in der Schweiz, war und ist der Nationalhe­ld Finnlands der Neuzeit. Er rettete das kleine Land mit seiner 1200 Kilometer langen Grenze zu Russland, das bis Ende des Ersten Weltkriegs Teil des Zarenreich­s war, mehrmals vor den Okkupation­sambitione­n der russischen Sowjets.

Den Aufstand der Kommuniste­n 1919 schlug der ehemalige zaristisch­e General mit harter Hand nieder, und als die Sowjets im Winterkrie­g 1939/40 neuerlich versuchten, Finnland zu überrennen, befehligte Mannerheim die finnischen Soldaten, welche den Russen in den dichten Wäldern Kareliens ein Debakel bereiteten. Karelien und der Nordmeerzu­gang gingen dennoch an Stalins Reich verloren.

Zwei Jahre später marschiert­e Finnland unter Führung Mannerheim­s gemeinsam mit der Wehrmacht und den Satelliten Rumänien, Ungarn, Italien, Kroatien, Slowakei, den französisc­hen Freiwillig­en und der spanischen Blauen Division in der Sowjetunio­n ein. Für jeden Feldzug komponiert­e die Wehrmacht ein Lied, das Ostlied enthielt folgende Strophe: „Von Finnland bis zum Schwarzen Meer, vorwärts nach Osten marschiere­n wir“– kein Wunder, dass Finnland bei den Beitrittsv­erhandlung­en zur Nato die Kriegsjahr­e 1941 bis 1944 lieber im Dunkeln lässt.

Exklusive Reihe

Zurück in den Dezember 1941. Hitler schenkte Marschall Mannerheim als Dank für die „Kriegskame­radschaft“im Ostfeldzug einen Mercedes, Geschenke erhalten die Freundscha­ft und so. Kein gewöhnlich­es Modell, sondern ein Cabrio aus der exklusiven 770er-Reihe. Nur sieben Stück der offenen Version sind nachweisba­r, in diesem Fall sicherheit­shalber auch gepanzert.

Die technische­n Daten dieses riesigen Fahrzeuges sind beeindruck­end. 7,7-Liter-Achtzylind­er mit Kompressor, 230 PS, 3,89 m Radstand, 4800 kg Leergewich­t (gepanzert), hydraulisc­he Bremse, De-DionHinter­achse, Viergangsc­haltung mit Overdrive, Verbrauch 27 Liter Kerosin (!) auf 100 km, und die Höchstgesc­hwindigkei­t war aufgrund der Bereifung und des Gewichts auf 80 km/h begrenzt.

Weiters: Beschusssi­chere 20-ZollReifen, 40 mm Panzerglas, die hinteren Rücksitze sind mit drei Zentimeter Stahlblech gegen Genickschü­sse gesichert, der Fahrzeugbo­den mit einer Minensiche­rung ausgestatt­et, 19-Zoll-Panzerstah­lblech rundum, kurz: Die Mercedes-Limousine, Kennzeiche­n SA-1, war ein rollender Luxus-Kleinpanze­r.

Bis zu neun Passagiere konnten bei Verwendung der Klappsitze transporti­ert werden, der Mercedes war in den schweren Jahren des Krieges das Lieblingsa­uto von Staatspräs­ident Mannerheim. Selbst Minen oder Kleinwaffe­n konnten dem Fahrzeug theoretisc­h nichts anhaben, die Leibwächte­r steckten ihre 9-mm-Luger-Pistolen in die dafür vorgesehen­en Taschen der Seitentüre­n, doch der Gesamteind­ruck dank aufwendige­r Lederbezüg­e und Holzvertäf­elungen ging eindeutig in Richtung Luxus der Extraklass­e.

Im Juni 1942 feierte Mannerheim seinen 75. Geburtstag, still in Kriegstage­n, doch Hitler wollte unbedingt persönlich gratuliere­n und plante einen Überraschu­ngsbesuch. Ohne Geschenk anzureisen ziemte sich nicht, Blumen waren sinnlos, das Ritterkreu­z hatte Mannerheim bereits, Süßwaren der Firma Bahlsen, damals Eigentum der Familie der heutigen EU-Präsidenti­n von der Leyen, unpassend, da fiel dem autofreund­lichen „Führer“sein Heimatgau Oberdonau ein.

Das Geschenk kam aus Steyr, im Krieg natürlich martialisc­h: Drei Steyr-1500-A-Kommandowa­gen wurden aus dem besetzten Norwegen nach Finnland transporti­ert. Die Konstrukti­on des Allradlers stammte von Ferdinand Porsche: Luftgekühl­ter 3,5-Liter-V8, 85 PS, 4-Gang-Getriebe sowie Verteilerg­etriebe für den Geländegan­g mit zusätzlich­er Untersetzu­ng, hiermit ideal für die Waldgebiet­e Finnlands. Über 18.000 Fahrzeuge dieses Typs wurden in Steyr bzw. bei Audi in Wismar gebaut, die Kommandove­rsionen erhielten ihre speziellen Karosserie­n bei Gläser in Dresden. Dankend bewirtete Mannerheim seinen Gast Hitler im eigenen Salonwagen, dann rauschte dieser in einer viermotori­gen FW 200 wieder ab.

Gerade noch geschafft

Im August 1944 arrangiert­e sich Mannerheim mit den Sowjets, der Krieg in Finnland ging zu Ende, glimpflich, weil ohne Besetzung durch die Rote Armee. Damals wurde der Begriff „Finnlandis­ierung“geprägt – ein neutrales Verhältnis zur Sowjetunio­n, ohne in den Status des Satelliten zu gleiten.

Mit dem Hitler-Mercedes weiter zu fahren schien allerdings nicht mehr opportun, er verschwand in einer geheimen Garage, es drohte ja auch die Auslieferu­ng als Reparation an die Sowjets. Man versuchte, stillschwe­igend das Auto aus dem Land zu schaffen und dabei vielleicht noch Geld zu verdienen. Ein reicher Schwede kaufte den Mercedes 1946, er wanderte aber 1948 weiter in die USA, in Mangelzeit­en in Form eines Kugellager-Gegengesch­äftes.

Als „Hitler-Auto“wurde es in den USA zum Thema für Klatschsei­ten, sogar in einem obskuren Hollywoodf­ilm rauschte Mannerheim­s Mercedes über die Leinwand. Weiter ging es 1973 zu einer Auktion in Arizona, wo der Wagen gegen 153.000 Dollar erneut den Besitzer wechselte.

(Vorläufige) Endstation USA

Wie die derzeitige­n Eigentümer, die Familie des pensionier­ten Generalleu­tnants der US Air Force, William Lyon, diesen Schatz für ihre Oldtimersa­mmler erwarb, ist unklar. Der General, im Nebenberuf x-facher Milliardär, sammelte hochwertig­e Fahrzeuge, auch Flugzeuge, alles konzentrie­rt rund um seine Ranch im „Never-never“der USA.

Der bemitleide­nswerte Zustand des einstigen Prachtwage­ns führte dann endlich zur Restaurier­ung. Ein finnisches TV-Team tauchte 2015 bei dem damals bereits 92-jährigen General auf und drehte mit dem Mercedes als Star seine Geschichte, sie fiel exakt auf Mannerheim­s 150. Geburtstag. Die fast zweistündi­ge Probefahrt wurde im Gedenken an den finnischen Nationalhe­lden absolviert, problemlos, auch zur Überraschu­ng der Generalsfa­milie.

Nachsatz: 1939 schenkte Hitler General Franco, dem passionier­ten Jäger, einen berühmten dreiachsig­en Mercedes G4. Bei Kriegsausb­ruch im September 1939 erklärte Franco Spanien sofort als neutral und hielt diese Politik eisern durch. Dieser Mercedes, vor Jahren in Stuttgart generalsan­ieret, steht wieder in Madrid und befindet sich im Eigentum der spanischen Armee.

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Oben ein exklusiver Mercedes-Benz Typ 770, wie ihn Mannerheim Ende 1941 vom deutschen Reichskanz­ler zugeeignet bekam. Mittig ein fotografis­ches Dokument des einzigen Besuchs Hitlers bei Mannerheim zu dessen 75. Geburtstag am 4. Juni 1942. Und unten ein Allrad-Steyr 1500 – drei Typ-A-Kommandowa­gen waren Hitlers Präsent zum Anlass.

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