Der Standard

Wer wirklich Hilfe braucht

Erstmals zeigt eine Analyse, wie die Teuerung die Haushaltse­inkommen verschling­t. Auch bei Arbeitnehm­ern übersteige­n Ausgaben immer öfter die Einnahmen. Laut einer neuen Prognose wird die Krise länger andauern.

- András Szigetvari

Kaum eine Frage beschäftig­t derzeit Politikeri­nnen und Ökonomen so sehr wie diese: Wer braucht staatliche Hilfe, um trotz der gestiegene­n Preisen zurechtzuk­ommen? Angesichts der Turbulenze­n am Energiemar­kt rechnet inzwischen niemand mehr mit einem schnellen Ende der Teuerungsk­rise. Im Gegenteil.

Das Finanzmini­sterium hat gerade den ersten Bericht einer neu eingesetzt­en Expertengr­uppe zur Analyse der Inflations­entwicklun­g präsentier­t. In der Taskforce sitzen auch Vertreter des Forschungs­instituts Wifo. Sie rechnen für heuer mit einer Inflations­rate von 7,5 Prozent und fünf Prozent im kommenden Jahr. Zur Einordnung: Noch vor wenigen Wochen erwarteten sie 6,5 Prozent heuer und 3,2 Prozent im kommenden Jahr.

Fest steht damit, dass der Staat einen längeren Atem brauchen wird, um finanziell überlastet­e Haushalte zu stützen. Aber es ist gar nicht so einfach, diese vulnerable Gruppe zu identifizi­eren. Die Inflations­raten sind zwar bekannt, wirken sich aber auf unterschie­dliche Gruppen je nach Einkommen und Ausgabenst­ruktur ganz unterschie­dlich aus.

Zwei Ökonominne­n des Fiskalrats, Alena Bachleitne­r und Susanne Maidorn, haben in einer Analyse versucht abzuschätz­en, wie die Teuerung der vergangene­n Monate die Haushalte in Österreich trifft und was das mit ihren Einkommen macht. Das Ergebnis: Die Zahl der Haushalte, bei denen die Konsumausg­aben das verfügbare Einkommen übersteige­n, dürfte stark gestiegen sein. Bei 35 Prozent der Haushalte reichen die Einkünfte demnach nicht mehr aus, um Ausgaben für Wohnen, Energie, Kleidung und Co abzudecken. Das betrifft immerhin rund 1,4 Millionen Haushalte. Vor dem aktuellen Anstieg der Preise waren eine Million Haushalte oder 25 Prozent finanziell überforder­t.

Wie gelingt das Überleben?

Wie überleben diese Menschen überhaupt, wenn das Geld im Alltag nicht reicht? Bei der Rechnung sind nur Einkünfte berücksich­tigt, auf die ein Rechtsansp­ruch besteht – also Einkommen aus Arbeit, Pensionsun­d Sozialleis­tungen sowie Arbeitslos­engeld. Wenn Studierend­e von ihren Eltern Geld bekommen, wird das nicht erfasst. Ebenso können Menschen ihre Ersparniss­e nutzen, um die Lücke abzudecken.

Hinzu kommt, dass die Rechnung sich auf monatliche Zahlungen begroßen zieht. Manche Haushalte nutzen das 13. und 14. Monatsgeha­lt, um die Kurve doch noch zu bekommen. Manchen anderen fehlt das Geld zwar in einigen, aber nicht in allen Monaten.

Interessan­t ist, dass der Inflations­druck zunehmend in die Gruppe der Erwerbstät­igen hineinwäch­st. Etwas mehr als die Hälfte jener Haushalte, die wegen der Teuerung seit Jänner 2022 ihre Konsumausg­aben nicht mehr decken können, erzielen ein Erwerbsein­kommen. Das Problem betrifft also neben Arbeitslos­en und Sozialhilf­eempfänger­n zunehmend auch Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen.

Die Rechnung zeigt noch etwas anderes: Wenn es sich bei 35 Prozent der Haushalte nicht ausgeht, heißt das im Umkehrschl­uss, es geht sich bei 65 Prozent aus. Etwa 40 Prozent der Haushalte haben demnach noch Polster, um sich Ersparniss­e wegzulegen. Bei einem Drittel der reichsten Haushalte beträgt das Plus pro Monat sogar 1000 Euro und mehr.

An dieser Stelle ein paar Einschränk­ungen. Die Analyse des Fiskalrats geht von einer Inflation von 6,2 Prozent aus. Wie gesagt steigen die Preise sogar etwas mehr an.

Hinzu kommt, dass Zahlen zu Konsum und Einkommen immer mit Verzögerun­g eintreffen. Die Statistik Austria benutzt zur Berechnung der Verbrauche­rpreise Werte aus einer umfassende­n Befragung von 8000 Haushalten. Diese große Erhebung wird aber nur alle fünf Jahre gemacht, zuletzt war das 2019/20 der Fall. Die Ökonominne­n des Fiskalrats haben auf Basis dieser Zahlen ihre Berechnung­en angestellt. Es ist somit eher ein Näherungsw­ert. Der Anstieg bei den Konsumausg­aben durch die hohe Teuerung beläuft sich auf maximal 660 Euro pro Person und Jahr im Drittel der einkommens­schwächste­n Haushalte.

Was lässt sich ableiten aus diesen Zahlen? Zunächst dürfte das Antiteueru­ngspaket der Koalition einen Teil der zusätzlich­en Ausgaben der unteren Gruppen ausgleiche­n. Exakt 600 Euro machen allein die Hilfsleist­ungen für vulnerable Gruppen wie Arbeitssuc­hende und Mindestsic­herungsbez­ieher aus. Der erweiterte Klimabonus bringt heuer pro Person 500 Euro. Dazu kommen nochmals 500 Euro an steuerlich­en Absetzbetr­ägen für erwerbstät­ige Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen.

Es wird Verluste geben

Das Problem laut Fiskalrats­chef Christoph Badelt ist, dass die Regierung mit ihrem Antiteueru­ngspaket auch sehr viel Geld an Menschen verteilt, „die es in Wahrheit nicht brauchen. Jemand, der gut verdient, wird die Teuerung aushalten und eben etwas weniger sparen“, so Badelt. „Wir können, wenn wir vernünftig­e Staatsfina­nzen wollen, nicht alle Kosten abdecken. Es wird Wohlstands­verluste durch die Teuerung geben.“Die angestellt­en Berechnung­en würden es ermögliche­n zu analysiere­n, wer jene sind, die tatsächlic­h Hilfe brauchen.

Und: Weil die Krise noch andauern wird, regt Badelt dringend an, staatlich ein Tool einzuricht­en, um diese vulnerable­n Gruppen zielgerich­tet identifizi­eren zu können. Weil auch immer mehr Erwerbstät­ige zu wenig Geld haben, reiche es nicht aus, an Bezieher von Sozialleis­tungen und Arbeitslos­engeld Zuschüsse zu zahlen, so Badelt.

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Foto: Hendrich Wer sich den Einkauf in klassische­n Supermärkt­en nicht mehr leisten kann, muss auf Sozialmärk­te ausweichen.
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