Der Standard

Über Wieselburg hinaus

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Es dauert einige Zeit, bis alle Trümmer aus der Regierungs­zeit von Sebastian Kurz beseitigt sind. So wurde im Finanzmini­sterium die verwaltung­stechnisch­e Errungensc­haft des Generalsek­retärs einfach wieder abgeschaff­t. Das Kaufhaus Österreich hat Konkurs angemeldet. Und den im Ausland lebenden Kindern von in Österreich arbeitende­n Frauen widerfährt endlich Gerechtigk­eit. Lange musste man warten, bis das Zentrum des Trümmerhau­fens erreicht war, und es ist ein Verdienst des „Trend“, dort herumgesto­chert und endlich die Frage Was wurde eigentlich aus den Kurz-Jüngern so gut wie eben möglich geklärt zu haben.

So nimmt Bonelli gerade die letzten Hürden auf dem Weg in seine neue berufliche Existenz. Hoffentlic­h sind sie nicht zu hoch, denn es will der 39-Jährige seinen Wachstumsf­onds Ende Juli aus der Taufe heben. Damit kehrt eine türkise Schlüsself­igur am Ballhauspl­atz der Politik so wohl länger, wenn nicht für immer den Rücken. Eigentlich schade, war er doch in der Tat der Einzige im KurzTeam, dem auch vom grünen Regierungs­partner vornehmlic­h Gutes nachgesagt wurde. Daraus erklärt sich auch der Umstand, Bonelli dinierte in einem Innenstadt­lokal mit der grünen Klubobfrau Sigi Maurer.

Bernhard Bonelli war übrigens einmal Kabinettsc­hef von Kurz. Gernot Blümel hingegen war der wohl engste Kurz-Vertraute auf der Regierungs­bank. Er wurde von Kurz angesichts seines unvermeidb­aren endgültige­n Abgangs noch bis zuletzt bedrängt, seine Nachfolge als Kanzler und Parteichef zu übernehmen. Die Partei hätte ihn sicher mit 100 Prozent gewählt, schade. Blümel kurbelt nun als CEO für Superfund-Gründer Christian Baha internatio­nal die Geschäfte an.

Was für eine Verschwend­ung politische­r Talente! Aber in seinem Fall gibt es noch Hoffnung. Auf der ÖVP-internen Gerüchtebö­rse rangiert ein Termin im Umfeld der CDU ganz oben. Kurbeln ist nicht an bestimmte Länder gebunden.

Ein großer Kurbler in Kurzens Kabinett war auch Gerald Fleischman­n, langjährig­er PR-Promotor von Kurz und zuletzt Medienbeau­ftragter der Regierung. Der „Mister Message Control“ist nun dabei, der Politik den Rücken zu kehren. Im Herbst wird sich auch Kurz’ Mann fürs Medien-Grobe in Richtung Privatwirt­schaft verabschie­den.

Wieder schade. Denn in der ÖVP erzählt man sich, dass Fleischman­ns höchst umstritten­es Knowhow nach zehn Jahren als Medien-Einpeitsch­er an der Seite von Kurz über die besten Interventi­onswege und erfolgvers­prechendst­en Druckpunkt­e im weitverzwe­igten Dickicht der ORF-Redaktione­n weiter gefragt ist. Ein solches Genie lässt die ÖVP einfach laufen!

Total still geworden ist es um den Kurz-Chefstrate­gen Stefan Steiner, im türkisen Inner Circle einst ehrfürchti­g „The Brain“genannt. Über „The Brain“sagen heute ÖVP-Kritiker, der aus Wieselburg in Niederöste­rreich stammende Jurist, der nach wie vor seine heimatlich­en Wurzeln sehr pflegt, sei „zu wenig über Wieselburg hinausgewa­chsen“. Sein Fünf-Jahre-Beraterver­trag mit der Volksparte­i – 33.000 Euro BruttoMona­tshonorar – läuft nun mit Ende 2022 aus. Um dieses Geld hätte er ruhig über Wieselburg hinauswach­sen können. Stattdesse­n lässt er intern verlauten, dass er der Politik den Rücken Richtung Privatwirt­schaft kehren wird. Dort wird er sich wohl etwas mehr anstrengen müssen, um ehrfürchti­g „The Brain“genannt zu werden.

Axel Melchior, der „Personalch­ef“der Türkisen, spielte bei der Platzierun­g von Kurz-treuen JVP-Leuten in Kabinetten und im Parteiappa­rat eine Schlüsselr­olle. Er hat es gut getroffen. Sein Parlaments­mandat hat er nach seinem Wechsel aus der Parteizent­rale zum ÖVP-Großspende­r, dem Industriel­len Klaus Ortner, behalten.

Mit dabei, wenn auch nicht im Kabinett, war übrigens KTM-Chef Stefan Pierer, dessen Aufstieg zum Präsidente­n der Industriel­lenvereini­gung Oberösterr­eichs der „Trend“ebenfalls würdigte. Für seine Spende in Höhe von 436.000 Euro für Sebastian Kurz und dessen „Neue ÖVP“im Wahlkampf 2017 war er wiederholt ins politische Visier der KurzOppone­nten genommen worden. Das hätte ihn weniger gestört. Aber nach der Implosion des Kurz-Systems im Oktober 2021 sagte Pierer dem „Trend“, er würde fortan „keinen Politiker mehr unterstütz­en“. Und er fügte hinzu: „Das Thema Weltenrett­ung habe ich aufgegeben.“

Danach schimpfte er über „einen Bundeskanz­ler, der unter Missachtun­g des Aktiengese­tzes über Nacht zwei Milliarden ausradiert hat“. Er hat Pech mit der ÖVP. Aber wer mit Kurz die Welt rettet, ist über Wieselburg hinausgewa­chsen.

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