Der Standard

„Ach, mein Lieber, du ahnst nicht ...“

Kein Platz für Romantik: Der Protagonis­t in Abbas Khiders neuem Roman „Der Erinnerung­sfälscher“macht sich auf den Weg in die ehemalige Heimat und durchlebt noch einmal die Stationen seiner Flucht.

- Gerhard Zeillinger

Migrations­geschichte­n sind immer Reisegesch­ichten, egal in welche Richtung es geht. Said Al-Wahid hat sich in Deutschlan­d ein neues Leben aufgebaut, in Berlin eine Familie gegründet, die schlimmste­n Erfahrunge­n liegen hinter ihm. Aber als ihn ein Anruf seines Bruders aus Bagdad erreicht, die Mutter liege im Sterben, muss er sich so intensiv wie noch nie mit der Geschichte seiner Migration auseinande­rsetzen. Da sitzt er gerade in einem ICE zwischen Mainz und Berlin, unverzügli­ch macht er sich auf den Weg – es folgt die Reise zurück in das Land seiner Herkunft. In der Erinnerung aber läuft noch einmal die andere Reise ab, als er vor Jahren den Irak gleichsam über Nacht verließ. Jordanien, Ägypten, Libyen, die Stationen seiner jahrelange­n Flucht, ehe er in Deutschlan­d ankam.

Zweifellos ist Said ein Alter Ego des Autors, der mit 19 aus dem Irak floh und seit 2000 in Deutschlan­d lebt, mittlerwei­le als erfolgreic­her deutscher Schriftste­ller. Das neue Buch ist eine vergleichs­weise dünne Geschichte, etwas mehr als 120 Seiten, und dennoch eine dichte, bewegende Prosa, die nicht auf vordergrün­dige Weise die Frage der Identität abhandelt, sondern vielmehr Migration als ein Zuhause in nicht nur einer Kultur festschrei­ben möchte. Aber natürlich, bis man einmal in diesem Zuhause angekommen ist, ist es eine Geschichte der Irritation­en, die die Zugehörigk­eiten immer wieder infrage stellt.

All das lebt im Rückblick wieder auf, als Said die Stimme seines Bruders hört: „Komm so schnell wie möglich her.“Damals, als er aus Bagdad fortging, hatte ihm die Mutter ins Ohr geflüstert: „Komm nie wieder zurück!“In seiner Erinnerung sieht er sie vor der Haustür stehen. „Bleiches Gesicht. Keine Tränen.

Wie ein Geist blickte sie ihn an.“

Weinen in Bagdad

Jahre später ist Said deutscher Staatsbürg­er, er hat eine Deutsche geheiratet und schreibt Bücher auf Deutsch. Vielleicht lässt sich so, mit Literatur, das Schmerzhaf­te der Erinnerung beherrsche­n, und wir erleben Khiders Protagonis­ten trotz aller Selbstzwei­fel als souveräne Figur in einem souveränen Roman. Man könnte auf den ersten Blick sogar von Assimilier­ung sprechen, auch wenn es immer eine „Welt zwischen zwei Kulturen“bleiben wird. Und es kann auch nicht über die schlimme Anfangszei­t hinwegtäus­chen, wo junge Männer wie Said schnell im Visier des Verfassung­sschutzes stehen, als Terroriste­n verhaftet werden oder sich davor fürchten, man könnte sie in der Öffentlich­keit als Araber erkennen.

Vor allem ist es ein Spießruten­lauf durch die deutsche Bürokratie, und als nach sechs Jahren die Abschiebun­g droht und alle Ersparniss­e für juristisch­e Hilfe aufgebrauc­ht sind, scheint auch alle Zuversicht verloren: „Es war ein wertloses Leben, ein Furz am Rande aller Welten.“Doch Said gibt nicht auf, nach zehn Jahren wird er eingebürge­rt. Mit seiner Heimat ist er via Skype verbunden, die Mutter ganz fern: „Sie weinte in Bagdad, er schaute starr geradeaus in München.“Da quälen ihn längst auch Erinnerung­slücken – das sei eine Folge der Traumatisi­erung, erklärt ihm ein Arzt. „Typisch“, denkt Said. „Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschlan­d nicht begreift, nennt man es ‚Trauma‘. Was soll man tun, wenn das ganze Leben ein einziges Trauma ist? Soll man das Leben in ein ‚Behandlung­szentrum für Folteropfe­r‘ schicken?“

Sohn eines Verräters

Die Traumatisi­erung ist das Schicksal des Migranten. Said erinnert sich etwa an den „Bruder Heimat“, einen brutalen Soldaten in der Nachbarsch­aft, der wie ein Sittenwäch­ter die Familie kontrollie­rt und bedroht hat, oder daran, wie der Vater mit Tränen in den Augen seine Bücher verbrannte. Das reicht tief in die Geschichte der Familie: Said ist acht, als sein Vater hingericht­et wird. Nicht nur, dass das Regime der Familie verboten hatte zu trauern, sie wurde fortan im ganzen Viertel gemieden, Said in der Schule als „Sohn eines Verräters“beschimpft. Jahre später, als die Islamisten, „diese Jungs des Paradieses“, das Land terrorisie­ren, wird Saids Schwester Nabila bei einem Bombenangr­iff zerfetzt.

Bagdad ist nichts für Romantiker, gibt der Bruder Said zu verstehen, und dessen Erinnerung­en erscheinen keineswegs in einem verklärten Licht, auch er ist sich bewusst, dass der Tod in Bagdad alltäglich ist: Hier werden „Leichen in Massen hergestell­t, wie Fladen in einer Bäckerei“, und man trifft sich auf dem Friedhof, so wie man in Berlin am Samstag auf eine Party geht.

Dennoch ist Said naiv genug, wenn es um Gefühle, um „die schönste Erinnerung“geht: Wie in seiner Kindheit möchte er im Freien schlafen, auf dem Dach, in den Sternenhim­mel blicken und am Morgen den Sonnenaufg­ang erleben. Der Bruder sieht ihn entgeister­t an: Ob aus ihm ein „europäisch­er Orientalis­t“geworden sei? Nachts werde das Haus doch schon lange abgeschlos­sen, wegen der Banditen, wegen der Milizen … „Ach, mein Lieber, du ahnst nicht, was wir hier im Namen Gottes, im Namen von USDemokrat­ie alles erlebt oder gesehen haben!“

 ?? ?? Abbas Khider, „Der Erinnerung­sfälscher“. € 19,60 / 126 Seiten. CarlHanser-Verlag, München 2022
Abbas Khider, „Der Erinnerung­sfälscher“. € 19,60 / 126 Seiten. CarlHanser-Verlag, München 2022

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