Ko­lum­ne – Ali­as Kos­mos

Un­se­re Lieb­lings­rus­sin weiß ge­nau, war­um ISS-Kom­man­dant Alex­an­der Gerst ei­nen Ro­bo­ter da­bei­hat. Denn flei­ßig müs­sen As­tro­nau­ten trotz kul­tu­rel­ler Un­ter­schie­de im­mer sein.

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Als ich im Früh­jahr mit deut­schen Freun­din­nen in Sankt Pe­ters­burg war, ha­ben wir Mo­tor­rä­der ge­mie­tet – mit Fah­rern. Schweig­sa­me bär­ti­ge Rus­sen fuh­ren uns den gan­zen Tag durch die Stadt, an den Pa­läs­ten und den gro­ßen Kir­chen vor­bei, bis zur Fin­ni­schen Bucht. Auf dem Rück­weg gab es ei­nen Stopp an ei­ner Waf­fen­fa­brik. Denn Edu­ard, ei­ner der Bi­ker, ar­bei­tet ei­gent­lich dort. Nun muss­te er kurz zur Stech­uhr und sein Ar­beits­en­de bu­chen. Mei­ne Freun­din­nen, die in ih­rem Job so­gar die Kaf­fee­pau­se von der Ar­beits­zeit ab­zie­hen müs­sen, wa­ren scho­ckiert. Der rus­si­sche Ar­beit­ge­ber nimmt es, wie man sieht, nicht so ge­nau.

Aber gilt das auch fürs Wel­tall? Jetzt, wo Alex­an­der Gerst als ers­ter Deut­scher das Kom­man­do auf der In­ter­na­tio­na­len Welt­raum­sta­ti­on ISS über­nimmt, wird er wohl Ord­nung schaf­fen. Wo­für hat er sonst Rus­sisch ge­paukt?

Gerst wird schrau­ben und sä­gen, auch wenn der Ar­beits­tag schon lan­ge vor­bei ist. Das hat er schon bei sei­ner ers­ten Mis­si­on auf der ISS ge­tan. Ein Re­kord von 80 St­un­den Wis­sen­schaft in ei­ner Wo­che in­klu­si­ve. Im frei­en Welt­raum war er auch sechs St­un­den. Mit An­zie­hen und Aus­zie­hen des Raum­an­zu­ges wä­re das ge­nug für ei­nen nor­ma­len Ar­beits­tag. Aber nicht für Alex­an­der Gerst! Er räum­te da­nach auf. Dann twit­ter­te er und mach­te Fo­tos: von Po­lar­lich­tern, Städ­ten bei Nacht und Sand­stür­men über Afri­ka. Er schaff­te es so­gar, aus 400 Ki­lo­me­tern Hö­he den is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­schen Kon­flikt auf ei­nem Fo­to zu zei­gen. Auf der Er­de an­ge­kom­men, saß er noch ta­ge­lang mit zwei Stif­ten, ei­nem Löf­fel und dem Kaf­fee­be­cher in der Hand, weil er ge­dank­lich noch schwe­re­los war und Angst hat­te, dass ihm die Ge­gen­stän­de weg­flie­gen.

Ame­ri­ka­ni­sche As­tro­nau­ten las­sen die Ar­beit an ih­rem Na­tio­nal­fei­er­tag ru­hen. Ich kann mir kaum vor­stel­len, dass der Mann aus Kün­zel­sau am 3. Ok­to­ber sei­ne rus­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Cr­ew die deut­sche Ein­heit fei­ern lässt. Da gibt es Kä­se­spätz­le aus der Do­se, fer­tig. Fei­ern wür­de ich an sei­ner Stel­le auch nicht. Wenn die Rus­sen fei­ern, geht die gan­ze Mis­si­on den Bach run­ter. Ich weiß, war­um Gerst dies­mal ei­nen Ro­bo­ter da­bei­hat, der spre­chen, ni­cken und Wit­ze er­zäh­len kann. Denn wenn er selbst schläft, soll die­ser Ci­mon den Rus­sen ein­hei­zen.

Gerst darf na­tür­lich nicht über­trei­ben. Die vie­len deut­schen Be­triebs­rä­te wer­den die Ar­beits­zei­ten im Wel­tall ge­nau kon­trol­lie­ren. Die Über­stun­den, die da ent­ste­hen, dür­fen nicht zu den Ster­nen flie­gen. Denn ei­gent­lich ist Gersts sechs­mo­na­ti­ger ISS-Auf­ent­halt ei­ne Di­enst­rei­se. Nach deut­schen Richt­li­ni­en muss er nach sei­ner An­kunft 24 St­un­den ru­hen. Denn er harr­te auf dem Weg zur ISS mehr als zwei Ta­ge in der en­gen So­jus-Ra­ke­te aus – und das nicht al­lein, son­dern mit ei­nem Rus­sen und ei­ner Ame­ri­ka­ne­rin. So fin­gen üb­ri­gens zur So­wjet­zeit vie­le Wit­ze an: Ein Rus­se, ein Deut­scher und ein Ame­ri­ka­ner flie­gen zu den Ster­nen … Viel­leicht kennt Ci­mon ei­nen. Und wenn nicht, wer­den die Rus­sen ihm ei­nen Witz er­zäh­len – wäh­rend Alex­an­der Gerst Fo­tos von Vul­ka­nen und Tai­fu­nen macht.

Alia Be­gis­he­va wur­de in Mos­kau ge­bo­ren. Heu­te lebt die 43-Jäh­ri­ge mit ih­rem ka­na­di­schen Mann und ih­ren zwei Kin­dern in Frankfurt am Main und weiß viel bes­ser als vie­le ih­rer deut­schen Nach­barn, dass man Pa­pier und Glas nicht in die­sel­be Müll­ton­ne wirft. Je­den Mo­nat schreibt sie die­se Ko­lum­ne.

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