Freizeitfreunde

Rund 600 000 Ver­ei­ne gibt es in Deutsch­land, so vie­le wie noch nie. Was macht die Klubs so po­pu­lär? War­um sind sie für man­che Men­schen die gro­ße Chan­ce? Und wo ist die Gren­ze zwi­schen Ver­ein und Fir­ma? Von Mar­cel Burk­hardt, Fo­tos: Mat­thi­as Ritz­mann

Deutsch Perfekt - - Die Themen Des Monats -

Rund 600 000 Ver­ei­ne gibt es in Deutsch­land – so vie­le wie noch nie. Was macht die oft ku­rio­sen Klubs im Land so po­pu­lär? Und war­um sind sie nicht nur für vie­le Mi­gran­ten ei­ne gro­ße Chan­ce?

Ah­med kommt zu spät zu ei­nem wich­ti­gen Ter­min. „Die Ar­beit, die Ar­beit“, sagt der jun­ge Mann, lacht, und läuft schnell zu sei­nem Gar­ten­stück. „Ah­med, Ah­med“, ruft ihm sein Ver­eins­freund Rein­hard We­jwo­da nach. Der 70-Jäh­ri­ge war 22 Jah­re Chef des Ebers­hei­mer Ras­se­ge­flü­gel-Zucht­ver­eins. Er ist ei­ne Au­to­ri­tät. Aber al­le sa­gen nur Rein­hard zu ihm. Auch Be­su­chern gibt We­jwo­da freund­lich die Hand und sagt nur: „Hal­lo, ich bin der Rein­hard.“

So ist das in ei­nem der größ­ten deut­schen Zucht­ver­ei­ne, die sich um Hüh­ner, En­ten und Tau­ben küm­mern. Und so ist das auch in den meis­ten der cir­ca 600 000 Ver­ei­ne in Deutsch­land, in de­nen Men­schen je­den Al­ters und un­ter­schied­lichs­ter Her­kunft ih­re Lie­be für ein ge­mein­sa­mes Hob­by tei­len.

Da gibt es kein förm­li­ches „Sie“, wie das in Deutsch­land sonst üb­lich ist. Im Ver­ein ist je­der gleich. Der Rein­hard und die Chris­ti­ne ge­nau­so wie der Ah­med und die Ya­ra. Das Vereinsleben blüht – und sehr ak­tu­ell bleibt des­halb der al­te Spruch: „Tref­fen sich drei Deut­sche, grün­den sie ei­nen Ver­ein.“ Heu­te gibt es in Deutsch­land so vie­le Ver­ei­ne wie noch nie. Das heißt auch: Statt Ego­is­mus wächst das Mit­ein­an­der. Denn Ver­ei­ne sind Or­ga­ni­sa­tio­nen, in de­nen sich Men­schen mit be­stimm­ten ge­mein­sa­men In­ter­es­sen frei­wil­lig zu­sam­men­tun. Ver­ei­ne sind durch das Grund­ge­setz ge­schützt und dür­fen „zur Er­rei­chung je­des denk­ba­ren Zwe­ckes“ge­grün­det wer­den. Ei­gent­lich kann das je­der tun. Er muss nur min­des­tens sechs Freun­de fin­den, die mit ihm die ju­ris­ti­sche Start­pro­ze­dur mit­ma­chen. Dann wird aus der Grup­pe ein e.V. – ein im Ver­eins­re­gis­ter ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein. Für den gel­ten wich­ti­ge und zum Teil kom­ple­xe Re­geln.

Und wenn es wie bei dem Ras­se­ge­flü­gel-Zucht­ver­ein um Tie­re geht, dann müs­sen die Re­geln ge­nau be­folgt wer­den. In Ebers­heim ist der wich­ti­ge Ter­min heu­te das Imp­fen der Tie­re. Über ihr Trink­was­ser be­kom­men sie al­le sechs Wo­chen ein Mit­tel, das sie vor der ge­fähr­li­chen New­cast­le-Krank­heit schützt. Wer sich nicht um das Imp­fen küm­mert, der muss teu­er be­zah­len. „Dann müs­sen die Tie­re lei­der al­le ge­tö­tet wer­den“, sagt We­jwo­da. Der Grund: Wer­den die Tie­re nicht ge­impft und krank, dann wä­re das für die

Im Ver­ein gibt es kein „Sie“– dort ist je­der gleich.

Züch­ter ei­ne Ka­ta­stro­phe: „Dann müss­ten al­le Tie­re ge­tö­tet wer­den, der Ver­ein wä­re dann ka­putt“, er­klärt We­jwo­da und schaut mit lie­be­vol­lem Blick auf sei­ne Hüh­ner. Seit sei­ner Ju­gend züch­tet er Ge­flü­gel. In­zwi­schen sind es so­ge­nann­te Zwerg-Or­ping­tons. Die Tie­re an­de­rer Züch­ter hei­ßen Dresd­ner, Ita­lie­ner, Köl­ner Tümm­ler, New Hamp­shire oder Aus­tra­lorps. Die Viel­falt der Tie­re ist groß. Es ist wie in ei­nem klei­nen Zoo. „Das ist ein Hob­by, das dich nicht mehr los­lässt“, sagt We­jwo­da. „Du bist je­den Tag bei den Tie­ren. Und je­der Tag bringt et­was Neu­es. Es wird nie lang­wei­lig.“

Die­se Lei­den­schaft teilt er mit vie­len an­de­ren. Im ei­ge­nen Ver­eins­lo­kal, das je­den Tag ge­öff­net ist, tref­fen sich Män­ner und Frau­en und tau­schen sich bei Kaf­fee und Ku­chen oder auch ei­nem Bier über ihr Hob­by aus.

Der Ver­ein ist po­pu­lär in der Re­gi­on. Es gibt ei­ne ei­ge­ne Ju­gend­ar­beit. Und wenn ein Grund­stück auf dem Ver­einsare­al frei wird, wird das schnell be­kannt. Ak­tu­ell gibt es wie­der ei­ne der sel­te­nen Chan­cen. Ei­ner, der den Platz ha­ben möch­te, ist ein jun­ger Fa­mi­li­en­va­ter aus dem Irak, der sei­ne Toch­ter für sein liebs­tes Hob­by be­geis­tern möch­te. „Ich bin der Bas­har“, stellt er sich Rein­hard We­jwo­da vor. Im Kin­der­wa­gen sitzt sei­ne Toch­ter und schaut sich in­ter­es­siert um.

Aus je­dem Gar­ten­stück kom­men an­de­re Ge­räu­sche: von Hüh­nern, von En­ten und von Tau­ben. Bas­har ma­chen die­se Ge­räu­sche glück­lich. „In mei­ner Hei­mat Irak hat je­der Tau­ben – der Him­mel ist manch­mal schwarz, so vie­le Tau­ben gibt es.“Rein­hard We­jwo­da ge­fällt der En­thu­si­as­mus, mit dem der In­ter­es­sent von den Tie­ren spricht. Wenn der Ira­ker Ver­eins­mit­glied wird und be­reit ist, pro Jahr cir­ca 200 Eu­ro Bei­trag zu be­zah­len, dann ha­ben die Züch­ter ein Mit­glied mehr und kön­nen zu gro­ßen Prä­sen­ta­tio­nen noch mehr Tie­re zei­gen. Bei der letz­ten gro­ßen Schau hat­ten sie 1500 Tie­re da­bei, er­zählt We­jwo­da stolz, und es gab vie­le Po­ka­le.

Um Po­ka­le geht es auch beim Ver­ein des 13-jäh­ri­gen Fuß­ball­spie­lers An­to­nio. Er spielt für den MTV 1817 Mainz. Den

Ver­ein gibt es wirk­lich schon seit mehr als 200 Jah­ren. Er ist da­mit der zweit­äl­tes­te noch exis­tie­ren­de Turn­ver­ein Deutsch­lands. Heu­te kön­nen dort Kin­der und Er­wach­se­ne in neun Sport­ar­ten ak­tiv sein.

Zu­sam­men ist al­les ein­fa­cher

An­to­nio kommt aus Por­tu­gal und lebt erst seit vier Jah­ren in Deutsch­land. Schon in der al­ten Hei­mat war der Jun­ge im Ver­ein und hat sich in Deutsch­land gleich ei­nen neu­en ge­sucht. „Es ist ein­fach ein su­per Ge­fühl, mit Freun­den beim Sport sol­chen Spaß zu ha­ben“, sagt er. Ganz wich­tig für ihn: „Wir strei­ten auch nicht, wenn wir mal ver­lie­ren. Es geht ums Mit­ein­an­der. Ei­ner al­lein kann nichts er­rei­chen!“

Da­mit bringt der 13-Jäh­ri­ge auf den Punkt, was das Vereinsleben so po­pu­lär und le­ben­dig macht: Im Ver­ein, ge­mein­sam mit an­de­ren, ist al­les leich­ter. Und wenn es trotz­dem mal ganz schwer ist im Spiel, dann gibt es da im­mer noch die Vä­ter und Müt­ter am Spiel­feld­rand.

An­to­ni­os Mut­ter Fe­lizar­da Kaieve­te ist sehr en­ga­giert. Wäh­rend des Spiels ap­plau­diert sie die gan­ze Zeit, ruft laut „Olé-Olé-Olé“und nach je­dem Tor laut auf Por­tu­gie­sisch „Goooooool“. „Das ist mir manch­mal et­was pein­lich“, sagt An­to­nio und lä­chelt. Nach ei­ner kur­zen Pau­se er­gänzt er: „Es gibt mir aber auch ein gu­tes Ge­fühl und bringt mich vor­wärts.“Ei­gent­lich fin­det er die laut­star­ke Hil­fe al­so doch gut. „In Por­tu­gal wa­ren fast al­le El­tern so emo­tio­nal da­bei; in Deutsch­land sind die meis­ten et­was ru­hi­ger.“

An­to­ni­os Mut­ter ver­steht das nicht ganz. „Wir müs­sen den Jungs doch zei­gen, dass wir hin­ter ih­nen ste­hen“, sagt sie. Sie selbst je­den­falls macht mit ih­rem Sin­gen, Tan­zen und Ru­fen Stim­mung für fünf Leu­te. „Ich bin der größ­te Fan von

An­to­ni­os Team“, sagt sie. „Das sol­len die Jungs auch hö­ren und se­hen.“

Von Emo­tio­nen lebt der Ver­eins­sport. Das gilt für die Ama­teu­re ge­nau­so wie für die Pro­fis. Dort ist al­les nur grö­ßer. Wäh­rend beim MTV 1817 ein paar Müt­ter und Vä­ter am Spiel­feld­rand ste­hen, schau­en nur ein paar Ki­lo­me­ter ent­fernt bis zu 35 000 Fans beim gro­ßen Fuß­ball­ver­ein FSV Mainz 05 im Sta­di­on zu. Wäh­rend die meis­ten Fans da­mit zu­frie­den sind, reicht das den so­ge­nann­ten „Ul­tra“-Fans noch lan­ge nicht.

Sie emp­fin­den sich als die treu­es­ten der treu­en Fuß­ball­fans. Sie sind „die gro­ße Kraft in der Sze­ne“, die in deut­schen Sta­di­en für süd­län­di­sche At­mo­sphä­re sor­gen – mit ih­ren eu­pho­ri­schen Ge­sän­gen, lau­ten Trom­mel­schlä­gen und per­fekt ge­stal­te­ten Cho­reo­gra­fi­en. Oh­ne ih­ren Ein­satz, glau­ben die Ul­tras, wä­re die gro­ße Fuß­ball-Show nicht so fas­zi­nie­rend.

Der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Beck­mann ar­bei­tet seit 1997 im Fan­pro­jekt Mainz und ist

Spre­cher der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Fan­pro­jek­te. Dort geht es auch um ei­ne wich­ti­ge so­zia­le Ar­beit. „Wir be­treu­en Ju­gend­li­che aus schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen rund­um, ver­hin­dern Ge­walt“, sagt er. „Wir spre­chen Leu­te an, statt sie links oder rechts lie­gen zu las­sen.“Beck­mann weiß aber auch, dass die Emo­tio­nen der Ul­tra-Fans manch­mal zu stark sind und dass es zwi­schen kon­kur­rie­ren­den Grup­pen im­mer wie­der zu Ge­walt kommt. Der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler sagt da­zu: „Die Pro­ble­me in den Sta­di­en sind kei­ne rei­nen Fuß­ball­pro­ble­me, son­dern zei­gen, was drau­ßen pas­siert.“Die Ge­sell­schaft ist in den letz­ten Jah­ren ag­gres­si­ver ge­wor­den, fin­det er, der Druck im Ar­beits­le­ben grö­ßer. „Das Fuß­ball­sta­di­on wirkt da wie ein Ven­til – und wir ach­ten dar­auf, dass es sich nicht ge­walt­tä­tig öff­net, son­dern sich Emo­tio­nen fried­lich ent­la­den kön­nen“, sagt Beck­mann.

In je­dem Ver­ein spie­len Emo­tio­nen ei­ne gro­ße Rol­le. Es geht schließ­lich dar­um, dass Men­schen et­was mit­ein­an­der tei­len, das sie lie­ben. Das ist bei den Fan­klubs von Fuß­ball­ver­ei­nen ge­nau­so wie bei klei­nen Ver­ei­nen, in de­nen Men­schen be­son­de­re In­ter­es­sen tei­len. Es gibt in Deutsch­land wahr­schein­lich für so ziem­lich al­les ei­nen Ver­ein – für die Ener­gie­spa­rer ge­nau­so wie für die Be­schüt­zer der Kon­go-Wäl­der oder die In­sek­ten­freun­de. Es gibt Ver­ei­ne für afri­ka­ni­sche Fach­kräf­te in Deutsch­land, für Be­schüt­zer des Grund­ge­set­zes und ge­gen Flug­lärm.

Be­son­ders po­pu­lär sind in­zwi­schen auch För­der­ver­ei­ne. Ty­pisch für ei­nen För­der­ver­ein ist, dass die meis­ten Mit­glie­der dar­in nicht ak­tiv sind – sie zah­len nur ei­nen Bei­trag, um ei­ne ge­mein­sa­me Sa­che zu fi­nan­zie­ren. Fast 30 Pro­zent der heu­te mehr als 130000 För­der­ver­ei­ne sind nach In­for­ma­tio­nen der Initia­ti­ve „Zi­vil­ge­sell­schaft in Zah­len“(Zi­viZ) erst nach dem Jahr 2006 ge­grün­det wor­den. Vor al­lem in Kin­der­gär­ten und Schu­len, aber auch in der Kul­tur küm­mern sie sich zum Bei­spiel um die Or­ga­ni­sa­ti­on von Fes­ten oder den Kauf von Spiel­sa­chen oder In­stru­men­ten.

Der Ver­eins­sport lebt von Emo­tio­nen – nie­mand zeigt das so sehr wie die Ul­tras.

Wie vie­le Weih­nachts­bäu­me braucht ein Kin­der­gar­ten?

Wie im­mer, wenn es um Kin­der geht, geht es auch in Kin­der­gar­ten-För­der­ver­ei­nen emo­tio­nal zu. Zum Bei­spiel an ei­nem war­men Som­mer­abend im Zen­trum von Mainz: Zwölf Er­wach­se­ne sit­zen wäh­rend der Jah­res­ver­samm­lung bei Li­mo­na­de, Bier und Wein um ei­nen Tisch her­um und dis­ku­tie­ren, wie sie das täg­li­che Le­ben der Kin­der noch schö­ner ge­stal­ten könn­ten. Neu­es, päd­ago­gisch wert­vol­les Spiel­zeug soll ge­kauft wer­den. Das fin­den al­le gut. Aber schon beim Ge­schenk für die An­ge­stell­ten im Kin­der­gar­ten gibt es Dis­kus­sio­nen.

„Wir müs­sen den Er­zie­he­rin­nen ein gro­ßes Dan­ke­schön be­rei­ten“, sagt die Ver­eins­che­fin Ka­trin Sta­ab. Das darf aber nicht zu teu­er wer­den, fin­den an­de­re am Tisch. Denn das Geld kommt über Mit­glieds­bei­trä­ge vor al­lem von El­tern und Groß­el­tern und soll be­son­ders den Kin­dern zu­gu­te­kom­men.

Und dann sind da noch die Weih­nachts­bäu­me. Ja, man­cher dis­ku­tiert auch bei Tem­pe­ra­tu­ren von fast 40 Grad Cel­si­us über The­men der kal­ten Jah­res­zeit. „Weih­nachts­bäu­me ma­chen wir wie­der“, sagt der Kas­sen­wart so­fort. „Al­les klar?“Nein! Ei­ne Mut­ter fragt: „Müs­sen es wirk­lich wie­der sechs Bäu­me sein? Für je­de Kin­der­grup­pe ei­nen?“– „Die Kin­der lie­ben Weih­nach­ten, und das macht so ei­ne ge­müt­li­che Stim­mung“, sagt ei­ne an­de­re. Ei­ne Drit­te meint: „Ei­ner reicht. Es brau­chen doch nicht so vie­le Bäu­me für so­was ster­ben.“Der Kas­sen­wart rollt mit den Au­gen. Er woll­te schon das nächs­te Bier be­stel­len und „zum ge­müt­li­chen Teil des Abends über­ge­hen“. Aber die Weih­nachts­baum-Dis­kus­si­on dau­ert dann noch zehn lan­ge Mi­nu­ten.

Oh­ne ak­ti­ve Mit­glie­der und Geld funk­tio­niert gar nichts

Schließ­lich ei­ni­gen sich die Mit­glie­der auf drei Bäu­me und müs­sen am En­de der Ver­samm­lung nur noch ei­ne Fra­ge be­ant­wor­ten: Wie ge­win­nen wir mehr Mit­glie­der? Da sind sich schnell al­le ei­nig: „Wir müs­sen mehr Wer­bung für uns ma­chen und zei­gen, was wir leis­ten“, bringt es die Ver­eins­che­fin auf den Punkt. Die­se Auf­ga­be hat die­ser Kin­der­gar­ten-För­der­ver­ein mit vie­len an­de­ren Ver­ei­nen in Deutsch­land ge­mein­sam. Denn sie al­le brau­chen ak­ti­ve Mit­glie­der und Geld für ein vi­ta­les Vereinsleben.

Man­chen Tra­di­ti­ons­ver­ei­nen ge­lingt das sehr gut, an­de­ren schlech­ter. Vor al­lem Her­ren-Ge­s­angs­ver­ei­ne ha­ben zu kämp­fen. So sagt Lothar Ma­te­jcek aus dem Dorf Mom­men­heim in Rhein­land-Pfalz: „Wir ha­ben in den 1950er- und 1960er-Jah­ren gro­ße Hal­len ge­füllt, so vie­le Sän­ger wa­ren wir.“In­zwi­schen pro­ben die Sän­ger in ei­nem Ne­ben­raum ei­nes Lo­kals.

Trotz­dem sind sie im Ver­ein op­ti­mis­tisch. Der Grund: Der Män­ner­ge­sang­ver­ein 1862 Mom­men­heim hat sich mit

Der Män­ner­ge­sang­ver­ein 1862 hat sich mit Er­folg für Frau­en ge­öff­net.

Er­folg für Frau­en ge­öff­net. Un­ter dem Na­men „voice­s4all“üben 20 ak­ti­ve Sän­ge­rin­nen mo­der­ne Chor-Li­te­ra­tur, Gos­pel, Bei­trä­ge aus Mu­si­cals wie „Sis­ter Act“und „Grea­se“, Jazz, Swing und Pop. Sa­bi­ne Schmidt singt seit 15 Jah­ren mit und ist be­geis­tert: „Wir tref­fen uns min­des­tens ein­mal in der Wo­che, und das ge­mein­sa­me Sin­gen hat die Frau­en im Dorf zu ei­ner rich­tig star­ken Ge­mein­schaft zu­sam­men­ge­schweißt.“

Mehr noch: Im letz­ten Jahr ha­ben sie die Oper „Car­mi­na Bura­na“ein drei­vier­tel Jahr lang ge­übt und schließ­lich mit ins­ge­samt 160 Sän­ge­rin­nen und Sän­gern auf­ge­führt. „Das war ein wun­der­schö­nes Ge­fühl, so­was zu­sam­men ge­schafft zu ha­ben“, sagt die 55-Jäh­ri­ge.

Pe­ter Lam­brich, ein Hand­wer­ker aus Lang­scheid, ei­nem 200-Ein­woh­ner-Dorf west­lich von Frankfurt, kennt die star­ken po­si­ti­ven Emo­tio­nen, die das ge­mein­sa­me Mu­sik­ma­chen bringt. Er selbst ist ein lei­den­schaft­li­cher Mu­si­ker. Lam­brich wirkt auf den ers­ten Blick streng und wie ein Mensch, der nicht vie­le Wor­te macht. Wenn er aber vom Vereinsleben in sei­nem Dorf spricht, dann spru­deln die Wor­te nur so aus ihm.

Der 42-Jäh­ri­ge ist Mit­glied in drei Ver­ei­nen. Ers­tens: im Feu­er­wehr­ver­ein. „Das ist klar, das muss sein, das ge­hört sich so.“Zwei­tens: im Hei­mat­ver­ein. „Hei­mat ist das Wich­tigs­te.“Drit­tens: im Jagd­horn­blä­ser­ver­ein. Der Hob­by-Jä­ger nimmt sein In­stru­ment im­mer mit in den Wald. Hat er dort ein Tier ge­schos­sen, spielt er das so­ge­nann­te Tot-Si­gnal: „Da­mit er­wei­se ich dem Tier, das ich er­legt ha­be, die letz­te Eh­re“, er­klärt Lam­brich. „Ich be­dan­ke mich, dass ich es er­le­gen durf­te und dass ich spä­ter sein Fleisch es­sen darf.“Für je­de Tier­art gibt es ein ei­ge­nes Tot-Si­gnal, ei­ne ei­ge­ne Me­lo­die, die die Jä­ger spie­len.

Pe­ter Lam­brich und sei­ne Ver­eins­freun­de neh­men ih­re In­stru­men­te aber nicht nur bei tra­di­tio­nel­len Jag­den mit in den Wald. Sie spie­len auch in Kir­chen und Kon­zert­hal­len. Der Hand­wer­ker ist stolz dar­auf, dass er schon beim „Frei­schütz“, ei­ner Oper von Carl Ma­ria von We­ber, das Horn ge­bla­sen hat. „Wenn du ge­mein­sam so et­was Schwe­res ein­übst und da­mit dann gro­ßen Er­folg hast, dann ist das ein groß­ar­ti­ges Ge­fühl“, sagt er.

Die Ver­ei­ne sind wich­tig für das Le­ben auf dem Land: Sie hal­ten die Ge­sell­schaft dort zu­sam­men. Be­son­ders wich­tig ist das in klei­nen Dör­fern wie Lang­scheid, wo es kei­ne Lo­ka­le, Ju­gend­klubs oder an­de­re Treff­punk­te gibt. „Wenn es dort kei­ne Ver­ei­ne gä­be, dann wä­re das ge­sell­schaft­li­che Le­ben tot“, sagt Lam­brich.

Für ihn geht es aber nicht nur um Spaß und Spiel im Vereinsleben. Wich­tig ist ihm auch, Pflich­ten zu er­fül­len und et­was ge­mein­sam auf­zu­bau­en. „In un­se­rem Dorf hat­ten wir zum Bei­spiel kein Bür­ger­haus, das ha­ben wir über die Ver­ei­ne kom­plett auf­ge­baut“, sagt er.

Oh­ne die Ver­ei­ne wä­re das ge­sell­schaft­li­che Le­ben auf den

Dör­fern tot.

Frem­de wer­den schnell zum Freund

Über das Ver­bes­sern der so­zia­len Ge­mein­schaft und über die In­te­gra­ti­ons­kraft von Ver­ei­nen kön­nen de­ren Mit­glie­der viel er­zäh­len. Das ist bei Ge­flü­gel­züch­tern ge­nau­so wie in Sport­ver­ei­nen oder bei der frei­wil­li­gen Feu­er­wehr: Du kommst viel­leicht als Frem­der, aber du wirst schnell zum Freund.

Ge­mein­sam spie­len, la­chen, am Feu­er sit­zen und Brot über dem Feu­er ba­cken: Da­mit wol­len die Ver­eins­mit­glie­der der Kin­der- und Ju­gend­farm In­gel­heim Kin­dern aus Flücht­lings­fa­mi­li­en hel­fen. Ge­mein­sam mit Kin­dern aus deut­schen Fa­mi­li­en kön­nen Jun­gen und Mäd­chen aus den Kon­flikt­re­gio­nen die­ser Er­de drau­ßen in der Na­tur spie­len und auch Tie­ren zu es­sen ge­ben. „Wir wol­len Kin­dern ei­ne Freu­de ma­chen, die schon viel mit­er­le­ben muss­ten in ih­rem jun­gen Le­ben“, sagt Ver­eins­chef Ar­ne Dre­phal.

Je­der, der mag, kann da­bei hel­fen. Dre­phals Töch­ter Lo­re und Lai­la sind schon mit ih­ren zehn und zwölf Jah­ren be­geis­tert da­bei. Lai­la zum Bei­spiel liebt die Pfer­de, die auf der Farm le­ben. Vor ei­nem Jahr hat sie des­halb ei­nen Kurs zur Ponypfle­ge­rin ge­macht. Nun zeigt sie an­de­ren Kin­dern, wie sie den Tie­ren rich­tig zu es­sen ge­ben kön­nen.

Lo­re sam­melt wäh­rend­des­sen mit an­de­ren Kin­dern Holz für das Feu­er. Spä­ter sit­zen die Kin­der ge­mein­sam um das Feu­er. Wenn es aus ist, kommt für Lo­re das Schöns­te: „Jetzt hal­ten wir den Brot­teig über die Glut.“Den Teig gibt es sal­zig und süß; in der sü­ßen Va­ri­an­te ist Scho­ko­la­de. Lo­re sagt: „Das schmeckt uns al­len su­per­le­cker, egal, wo wir her­kom­men.“

Mit­glie­der von Ha­jaKuHal­le (Saa­le), ei­nem Fan­klub für ja­pa­ni­scheMan­gas und Ani­mes

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.