Ko­lum­ne – Ali­as Kos­mos

Es gibt vie­le Din­ge, die un­se­re Lieb­lings­rus­sin nost­al­gisch ma­chen. Koh­le zu rie­chen, ge­hört da­zu. Denn Hei­zun­gen in deut­schen Häu­sern wa­ren nicht im­mer mo­dern.

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Alia Be­gis­he­va wur­de in Mos­kau ge­bo­ren. Heu­te lebt die 43-Jäh­ri­ge mit ih­rem ka­na­di­schen Mann und ih­ren zwei Kin­dern in Frank­furt am Main und weiß viel bes­ser als vie­le ih­rer deut­schen Nach­barn, dass man Pa­pier und Glas nicht in die­sel­be Müll­ton­ne wirft. Je­den Mo­nat schreibt sie die­se Ko­lum­ne.

Man sagt, dass Ge­rü­che ei­ne di­rek­te Ver­bin­dung zu un­se­rer Ver­gan­gen­heit ha­ben, weil sie – viel stär­ker als an­de­re Sin­nes­ein­drü­cke – Er­in­ne­run­gen we­cken. Wenn es drau­ßen kalt wird, rie­che ich manch­mal et­was, das mich so­fort an mei­ne An­fangs­jah­re in Deutsch­land er­in­nert. Es riecht nach Koh­le, wirk­lich! Nach Braun­koh­le riecht die Luft, wenn Men­schen Woh­nun­gen mit Koh­le­bri­ketts hei­zen. Die Bri­ketts se­hen aus wie schwar­ze Back­stei­ne. Sie bren­nen län­ger als Holz und wer­den des­halb zum Hei­zen be­nutzt.

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums leb­te ich in Woh­nun­gen, die Koh­le­öfen hat­ten. Mei­ne Mit­be­woh­ner und ich muss­ten da­für sor­gen, dass wir im Kel­ler im­mer Bri­ketts hat­ten. Wenn sie aus­gin­gen, wur­de es näm­lich so­fort un­ge­müt­lich. Mei­ne Mit­be­woh­ner brach­ten mir da­mals vie­le Tricks bei, wie man Bri­ketts am schnells­ten an­zün­den und län­ger am Bren­nen hal­ten konn­te. Zum Bei­spiel ha­ben wir abends die Koh­le in meh­re­re Schich­ten Zei­tung ein­ge­packt – mit et­was Glück glüh­te sie so bis zum nächs­ten Mor­gen.

Nun ist Koh­le­ge­ruch ei­ne wirk­lich ko­mi­sche Sa­che, um ein Sym­bol für Deutsch­land zu sein, ei­nes der mo­derns­ten Län­der der Welt. Ich er­in­ne­re mich noch sehr gut dar­an, wie un­gläu­big mei­ne Freun­de in Russ­land ge­schaut ha­ben, als ich über die Ei­mer vol­ler Koh­le er­zähl­te, die ich aus dem Kel­ler in die Woh­nung schlepp­te. Und über den La­den in der Main­zer Alt­stadt, der Bri­ketts di­rekt nach Hau­se lie­fer­te. Ich stu­dier­te auch nicht in Ost­deutsch­land, wo wäh­rend der DDR-Zeit die Luft grau war, son­dern in der rhein­land-pfäl­zi­schen Haupt­stadt. Die Ein­zi­ge, die sich nicht wun­der­te, war mei­ne Oma. Sie hat­te wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs als Zwangs­ar­bei­te­rin in Deutsch­land ge­lebt und die Bri­ketts mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen. Sie dach­te wie­der­um, ganz Deutsch­land heizt so.

Der Koh­le­ge­ruch in der Luft, der mich nost­al­gisch wer­den lässt, zeigt mir, wie lan­ge ich schon in Deutsch­land le­be. Die Koh­le­hei­zung passt heu­te nicht mehr zur Po­li­tik des Kli­ma- und Um­welt­schut­zes, die die Bun­des­re­gie­rung ver­folgt. Deutsch­land be­zieht im­mer mehr Strom aus Wind- und Son­nen­kraft. Im Sü­den sieht man kaum noch die Haus­dä­cher, weil sie vol­ler So­lar­pa­nels sind. In Nord­deutsch­land sind gan­ze Land­schaf­ten mit Wind­rä­dern über­sät.

Ei­ni­ge Deut­sche le­ben schon her­me­tisch ab­ge­rie­gelt in so­ge­nann­ten Pas­siv­häu­sern, in de­nen kein Wind­hauch die Ker­zen aus­bla­sen kann. Die­se Häu­ser ver­sor­gen sich selbst mit Wär­me. So reicht die Kör­per­tem­pe­ra­tur der Fa­mi­li­en­mit­glie­der, die um die Ker­ze her­um­sit­zen, völ­lig aus, um im Win­ter das gan­ze Haus so stark zu hei­zen, dass ei­nem schon im T-Shirt zu warm ist. Das Fens­ter öff­nen ist aber nicht er­laubt. Ist auch nicht nö­tig, weil die Luft drin­nen – dank der be­son­de­ren Fil­ter – bes­ser als die drau­ßen ist. Na­tür­lich wer­den sie auch mit dem Braun­koh­le-Ge­ruch aus der Nach­bar­schaft fer­tig. Vie­le exo­ti­sche Län­der wer­den in Rei­se­füh­rern mit dem Wer­be­spruch „Das Land der Ge­gen­sät­ze“an­ge­prie­sen. Für mich ge­hört Deutsch­land ab­so­lut da­zu.

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