GE­SCHICH­TEN AUS DER GE­SCHICH­TE

Deutsch Perfekt - - Die Themen Des Monats - Bar­ba­ra Ker­bel

Vor 150 Jah­ren: das klei­ne Deutsch­land in New York

Sie su­chen ein bes­se­res Le­ben in der Neu­en Welt: Hun­dert­tau­sen­de Deut­sche in Ame­ri­ka. Vor

rund 150 Jah­ren ist New York des­halb die dritt­größ­te deutsch­spra­chi­ge Stadt der Welt.

Die liebs­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung der neu­en Ein­woh­ner ist für vie­le Ame­ri­ka­ner ein Grund für gro­ßen Är­ger. Sonn­tags, so heißt es, sit­zen die Deut­schen ger­ne mit der gan­zen Fa­mi­lie im Park und fei­ern lau­te Fes­te. Was die Ame­ri­ka­ner dar­an be­son­ders stört: Sie trin­ken da­bei Bier. Al­ko­hol! In der Öf­fent­lich­keit! Vie­le streng pro­tes­tan­ti­sche Ame­ri­ka­ner, für die Ar­beit das Wich­tigs­te im Le­ben ist, fin­den die­se Le­bens­art un­an­stän­dig. Von Tra­di­tio­nen aus der Al­ten Welt wol­len vie­le Ame­ri­ka­ner im 19. Jahr­hun­dert auch nichts wis­sen. Sie wol­len ja ei­ne neue Welt auf­bau­en, al­les an­ders und bes­ser ma­chen – und Eu­ro­pa hin­ter sich las­sen.

Mit die­ser Hoff­nung kom­men in die­ser Zeit auch Mil­lio­nen Deut­sche nach Ame­ri­ka. Rund 5,5 Mil­lio­nen su­chen zwi­schen 1816 und 1914 ei­ne bes­se­re Zu­kunft in der Neu­en Welt. Die meis­ten von ih­nen kom­men mit dem Schiff in New York an – und vie­le blei­ben erst ein­mal dort. So spre­chen zwi­schen 1855 und 1880 nur in Ber­lin und Wi­en mehr Men­schen Deutsch als in New York.

Die Grün­de für die Emi­gra­ti­on sind ver­schie­den. Die ers­ten Aus­wan­de­rer ver­las­sen Deutsch­land we­gen re­li­giö­ser Re­pres­sio­nen. Zu ih­nen ge­hö­ren die Amis­hen, die bis heu­te nach ih­ren Tra­di­tio­nen le­ben. Schon 1683 grün­det ei­ne Grup­pe Men­no­ni­ten (aus der die Amis­hen her­vor­ge­hen) aus Kre­feld in Penn­syl­va­nia den Ort Ger­man­town. Zu Be­ginn des 18. Jahr­hun­derts kom­men dann ei­ni­ge Hun­dert stren­ge Pro­tes­tan­ten aus der Pfalz nach Penn­syl­va­nia.

Bis 1820 kom­men ins­ge­samt nur rund 150 000 Deut­sche nach Ame­ri­ka. Da­nach steigt die Zahl der Aus­wan­de­rer sehr schnell. Ab 1822 fährt ei­ne Fäh­re re­gel­mä­ßig zwi­schen Bre­men und New York. Bald gibt es wei­te­re Ver­bin­dun­gen. Die meis­ten Deut­schen ver­las­sen ih­re Hei­mat nun aus wirt­schaft­li­cher Not. In den 1840er-Jah­ren macht die Kar­tof­fel­fäu­le in vie­len Re­gio­nen die Ern­te ka­putt. Vie­le Men­schen hun­gern. Au­ßer­dem ist Deutsch­land noch kein Na­tio­nal­staat, son­dern ein Puz­zle aus vie­len klei­nen Ter­ri­to­ri­en. Das macht das Le­ben kom­pli­ziert: Händ­ler müs­sen al­le paar Ki­lo­me­ter neue Zöl­le be­zah­len. Hand­wer­ker lei­den un­ter den Be­stim­mun­gen der Zünf­te. Und Ju­den dür­fen fast nir­gends ih­ren Be­ruf frei wäh­len.

Ame­ri­ka ver­spricht ein bes­se­res Le­ben. Die Bau­ern hof­fen auf bil­li­ges, gu­tes Land, Hand­wer­ker, Händ­ler und Ar­bei­ter auf neue Ar­beits­mög­lich­kei­ten. Nach der ge­schei­ter­ten Re­vo­lu­ti­on von 1848 (sie­he Deutsch per­fekt 3/2018) kom­men auch vie­le po­li­ti­sche Idea­lis­ten.

Sie al­le brin­gen ih­re Tra­di­tio­nen mit, grün­den Ver­ei­ne, Fir­men und Lo­ka­le. An der Lo­wer East Si­de in New York ent­steht Litt­le Ger­ma­ny, das klei­ne Deutsch­land. Dort gibt es Stra­ßen­schil­der auf Deutsch, deut­sche Bä­cke­rei­en und deut­sche Hand­werks­be­trie­be. Die Deut­schen fei­ern ih­re Fes­te, und über­all gibt es neue Bier­gär­ten und Kn­ei­pen. Es gibt deutsch­spra­chi­ge Zei­tun­gen, Bü­che­rei­en, Thea­ter. Die neu­en New Yor­ker ha­ben ihr ei­ge­nes Par­al­lel­uni­ver­sum. En­de des 19. Jahr­hun­derts le­ben rund 200 000 Deut­sche in New York. Im Jahr 1870 sind sechs von 40 Mil­lio­nen Ein­woh­nern der USA Deut­sche.

Vie­le von ih­nen ha­ben ei­ne gu­te Aus­bil­dung. Man­che grün­den Fir­men oder kon­stru­ie­ren Bau­wer­ke, die New York bis heu­te prä­gen. Die Brook­lyn Bridge? Ent­wor­fen vom In­ge­nieur Jo­hann Au­gust Rö­bling aus Thü­rin­gen, der 1831 in die USA emi­griert ist. Das Kauf­haus Bloo­m­ing­da­le’s? Ge­grün­det von den bei­den Brü­dern Jo­seph und Ly­man Bloo­m­ing­da­le, de­ren Va­ter Ben­ja­min aus dem heu­ti­gen Bay­ern kam. Das Lu­xus­ho­tel Wal­dorf Asto­ria? Trägt den Na­men des ar­men Metz­ger­sohns Jo­hann Ja­kob As­tor, der 1784 aus Ba­den nach New York kam und dort sehr reich wur­de. Die Kos­me­tik­mar­ke Kiehl’s? Ge­grün­det im Jahr 1851 vom deut­schen Apo­the­ker John Kiehl.

Ge­gen En­de des 19. Jahr­hun­derts en­det die gro­ße Aus­wan­de­rungs­wel­le. Ei­ner­seits, weil die USA 1893 die Ein­rei­se be­gren­zen. An­de­rer­seits, weil Deutsch­land we­gen der In­dus­tria­li­sie­rung selbst vie­le Ar­beits­kräf­te braucht – und selbst zum Ein­wan­de­rungs­land wird (sie­he Deutsch per­fekt 4/2018).

Ei­ne gro­ße Ka­ta­stro­phe für die deut­sche Ge­mein­de in New York ist am 15. Ju­ni 1904 der Brand des Aus­flugs­schiffs Ge­ne­ral Slo­cum auf dem East Ri­ver. An Bord sind mehr als 1000 Deutsch-Ame­ri­ka­ner, die das En­de des Schul­jah­res der Sonn­tags­schu­le fei­ern wol­len. Weil der 15. Ju­ni ein Mitt­woch ist, sind fast nur Frau­en und Kin­der mit­ge­kom­men. Die meis­ten kön­nen nicht schwim­men. Fast je­de zehn­te Fa­mi­lie aus Litt­le Ger­ma­ny ver­liert ein Mit­glied.

Mit dem Ein­tritt der USA in den Ers­ten Welt­krieg wer­den 1917 für vie­le Ame­ri­ka­ner die Deut­schen im ei­ge­nen Land zu Fein­den. Sie wer­den dis­kri­mi­niert, in ein­zel­nen Fäl­len kommt es zu Ge­walt.

Als Kon­se­quenz ge­ben vie­le ih­re deut­schen Tra­di­tio­nen auf: El­tern spre­chen mit ih­ren Kin­dern nur noch Eng­lisch. Deut­sche Zei­tun­gen ge­hen bank­rott, weil Tau­sen­de aus Angst ih­re Abon­ne­ments kün­di­gen. Die meis­ten Deut­schen as­si­mi­lie­ren sich kom­plett.

In Litt­le Ger­ma­ny gibt es deut­sche Stra­ßen­schil­der, Bä­cke­rei­en und

Zei­tun­gen.

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