EXPERTENINTERVIEW

Hen­ning Lo­bin über mo­der­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on

Deutsch Perfekt - - Die Themen Des Monats -

Ist das idea­le Deutsch bald am En­de? Oder ent­steht durch die Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Twit­ter oder über Mes­sen­ger ge­ra­de ein­fach nur ei­ne neue Form der Spra­che? Ein In­ter­view mit Hen­ning Lo­bin, dem neu­en Di­rek­tor des In­sti­tuts für Deut­sche

Spra­che. Von Mar­cel Burk­hardt

In Mann­heim, wo Sie seit we­ni­gen Mo­na­ten als Di­rek­tor des In­sti­tuts für Deut­sche Spra­che (IDS) ar­bei­ten, sprechen vie­le Leu­te star­ken Dia­lekt. Ver­ste­hen Sie al­les? Al­so, ich ver­ste­he das si­cher­lich nicht al­les, wenn die Mann­hei­mer so rich­tig los­le­gen. (lacht) Aber es gibt ja un­ter­schied­li­che Dia­lekt­ebe­nen. Es gibt die ganz aus­ge­form­te Dia­lekt­stu­fe. Aber es gibt auch die Stan­dard­spra­che, die mit re­gio­na­len Ele­men­ten durch­setzt ist. Das ver­ste­he ich dann gut. Wie weit ist das, was Sie im all­täg­li­chen Le­ben in der Stadt hö­ren, vom sprach­li­chen Ide­al ent­fernt? Als Lin­gu­ist ori­en­tie­re ich mich gar nicht so sehr an ei­nem sprach­li­chen Ide­al. Zu­nächst in­ter­es­sie­re ich mich ein­mal da­für, was in der Welt tat­säch­lich sprach­lich so los ist. Da gibt es im deut­schen Sprach­raum ver­schie­de­ne Din­ge: Wir ha­ben ers­tens rich­ti­ge Dia­lek­te. Dann ha­ben wir Re­gio­lek­te, al­so die dia­lek­tal ge­präg­te Um­gangs­spra­che. Hin­zu kom­men die Ju­gend­spra­che und das so­ge­nann­te Kiez-Deutsch, ei­ne Ver­bin­dung von Hoch­deutsch und Ele­men­ten, die oft von Mi­gran­ten ein­ge­bracht wer­den. Und schließ­lich ha­ben wir die Stan­dard­spra­che. Das ist das, was zum Bei­spiel in den Fern­seh­nach­rich­ten ge­spro­chen wird. Das sind al­les un­ter­schied­li­che Ar­ten, Spra­che zu ver­wen­den. Wir brin­gen das nicht so ger­ne in ei­ne Art Qua­li­täts­hier­ar­chie, son­dern sa­gen: Das sind ein­fach un­ter­schied­li­che Aus­for­mun­gen von Spra­che. Die deut­sche Spra­che ist ja sehr reich an Va­ri­an­ten, und da­für in­ter­es­sie­ren wir Lin­gu­is­ten uns. Im Un­ter­richt lernen Sprach­schü­ler Stan­dard­spra­che. Dann ge­hen sie hin­aus und fra­gen sich in All­tags­si­tua­tio­nen oft: Habe ich da über­haupt nichts ge­lernt? Ja, da muss jeder durch, der ei­ne neue Spra­che lernt. (lacht) Ich glau­be, da hilft nur, früh in rea­le All­tags­si­tua­tio­nen hin­ein­zu­ge­hen und mu­tig mit den Leu­ten zu sprechen. Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit ist, in Sprachtan­dems mit Mut­ter­sprach­lern zu lernen. So lernt man auch die Alltagssprache. In Ih­rem neu­en Buch Di­gi­tal und

ver­netzt kom­men Sie zu dem Er­geb­nis: Wenn wir heu­te twit­tern, über Mes­sen­gerKa­nä­le kom­mu­ni­zie­ren oder Kom­men­ta­re in so­zia­len Netz­wer­ken schreiben, dann sieht die­ses Deutsch ganz an­ders aus als in Bü­chern oder in Zei­tun­gen. Wie stark ver­än­dert sich un­se­re Spra­che durch die Di­gi­ta­li­sie­rung der Welt? Die Spra­che än­dert sich, weil wir ih­ren Ge­brauch ver­än­dern. Wenn wir Me­di­en nut­zen, dann for­men die­se Me­di­en Spra­che im­mer auch ein Stück weit mit. Beim di­gi­ta­len Schreiben und Le­sen nut­zen wir Spra­che in ei­ner sehr di­rek­ten Art und Weise. Das ha­ben wir vor­her nicht so sehr ge­macht: Wenn man frü­her et­was mit der Hand oder der Schreib­ma­schi­ne ge­schrie­ben hat, dann hat man das kor­ri­giert oder sich über­legt, ob das al­les rich­tig ist. Heu­te tip­pen wir et­was bei Face­book, WhatsApp oder Twit­ter und schi­cken es so­fort ab. Da wird nicht so sehr auf Or­tho­gra­fie und Zei­chen­set­zung ge­ach­tet. Wir nut­zen Emo­jis, neue For­mu­lie­run­gen und krea­ti­ve Schreib­wei­sen. Wir wis­sen noch nicht, wie weit das die Spra­che lang­fris­tig ver­än­dern wird. Es ist aber ein sehr star­ker Im­puls, der im Mo­ment auf die Spra­che ein­wirkt. Wie un­ter­su­chen Sie die­se Phä­no­me­ne wis­sen­schaft­lich?

Wir sam­meln sehr vie­le Tex­te, die im In­ter­net ge­schrie­ben wor­den sind. Die­se un­ter­su­chen wir mit sta­tis­ti­schen Me­tho­den. Die Lin­gu­is­tik ist in­zwi­schen auch ei­ne Art Da­ten­wis­sen­schaft ge­wor­den. Sie sprechen von ei­nem neu­en Bild der Spra­che. Gibt es da­bei auch Trends, die Sie mit Sor­ge be­trach­ten? Ja, ich stut­ze oder zu­cke oft zu­sam­men über neue Sprach­bil­der, die im po­li­ti­schen Kon­text an­ge­wen­det wer­den. Wenn zum Bei­spiel von ei­ner Flücht­lings­flut oder von Asyl­tou­ris­mus ge­spro­chen wird, dann wer­den ganz be­stimm­te Bil­der pro­du­ziert. Die Sprach­bil­der wer­den nicht ver­wen­det, um et­was dif­fe­ren­ziert dar­zu­stel­len, son­dern nur, um zu po­la­ri­sie­ren. Un­ter­su­chen Sie am IDS auch sol­che Phä­no­me­ne?

„Frü­her ha­ben wir über­legt, ob al­les rich­tig ist. Heu­te schi­cken wir un­se­re Tex­te so­fort ab.“

Ja, so et­was spielt ei­ne gro­ße Rol­le, im­mer schon. Es gibt zum Bei­spiel ein wich­ti­ges Pro­jekt bei uns zum Sprach­ge­brauch in der Zeit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur in Deutsch­land. Uns in­ter­es­siert da­bei be­son­ders, wie sehr die of­fi­zi­el­le na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Spra­che in den All­tags­be­reich vor­ge­drun­gen ist. Au­ßer­dem be­schäf­ti­gen wir uns auch mit der Spra­che aus an­de­ren Pha­sen der deut­schen Ge­schich­te wie zum Bei­spiel der Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik in den 20er-Jah­ren oder der Zeit der Wen­de in der DDR. Ak­tu­ell schau­en wir uns auch an, wie sich neue Wörter eta­blie­ren und wie mög­li­cher­wei­se auch pro­ble­ma­ti­sche Be­grif­fe in den Sprach­ge­brauch ein­ge­hen.

Vie­le Men­schen kri­ti­sie­ren heu­te ei­ne Ver­ro­hung der Spra­che …

Ja, so et­was kann man be­ob­ach­ten. Die Haupt­ge­fahr be­steht dar­in, dass wir ins­ge­samt die Stan­dards der po­li­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on und Debatte ver­schie­ben. Dass ein Stil al­so nicht nur auf ganz be­stimm­te Par­tei­en be­schränkt bleibt. Wir ha­ben das manch­mal schon bei Par­la­ments­de­bat­ten be­ob­ach­ten kön­nen, wo auf ei­ne Pro­vo­ka­ti­on aus ei­ner po­li­ti­schen Ecke mit ei­ner Pro­vo­ka­ti­on aus ei­ner an­de­ren po­li­ti­schen Ecke re­agiert wird – bei­des un­ter der Gür­tel­li­nie. Es wird im­mer mehr ak­zep­tiert, dass im Par­la­ment an­de­re an­we­sen­de Per­so­nen be­schimpft und per­sön­lich an­ge­grif­fen wer­den. Das ist ge­fähr­lich und ei­ne Ten­denz, die es schon in der Wei­ma­rer Re­pu­blik gab, im ers­ten frei ge­wähl­ten Par­la­ment Deutsch­lands. In der Bun­des­re­pu­blik hat es so et­was sehr lan­ge nicht ge­ge­ben. Nun aber ver­än­dert sich da et­was. Ich den­ke, sol­chen Ten­den­zen müs­sen wir ent­schlos­sen ent­ge­gen­tre­ten.

„Wir brau­chen

Deutsch als Spra­che für al­le. Sie hält un­se­re Ge­sell­schaft zu­sam­men.“

Ne­ben ei­ner Ver­ro­hung der Spra­che be­kla­gen vor al­lem äl­te­re Men­schen ei­nen Ver­fall der deut­schen Spra­che. Kön­nen Sie das ver­ste­hen?

Sol­che Kri­tik hat es schon im­mer ge­ge­ben. So ist zum Bei­spiel Goe­the in sei­nen Ju­gend­jah­ren we­gen sei­nes Buchs Die Lei­den des jungen Wer­t­hers von eta­blier­ten Au­to­ren und Pro­fes­so­ren kri­ti­siert wor­den, weil er Um­gangs­spra­che in die Li­te­ra­tur ein­ge­bracht hat. Neu ist heu­te ei­ne Art op­ti­sche Täu­schung. Denn durch die Di­gi­ta­li­sie­rung kön­nen wir sehr viel ein­fa­cher und ge­nau­er als frü­her se­hen, wie jun­ge Leu­te kom­mu­ni­zie­ren.

Sie se­hen al­so kei­ne Ver­falls­ten­den­zen in der deut­schen Spra­che?

Als Lin­gu­ist kann ich nicht sa­gen, dass un­se­re Spra­che ver­fällt. Wenn vie­le Men­schen das al­ler­dings so se­hen, dann will ich das auch nicht ein­fach ab­tun. Denn es kommt da ein An­spruch an sprach­li­che Bil­dung zum Aus­druck. Das ist wichtig. Schließ­lich ist das dif­fe­ren­zier­te Be­herr­schen von Spra­che ein wich­ti­ger Schlüs­sel zur Teil­ha­be an un­se­rer Ge­sell­schaft. Ich se­he sol­che Aus­sa­gen als Ap­pell, auf sprach­li­che Bil­dung zu ach­ten, zum Bei­spiel im Schul­un­ter­richt.

Es gibt re­gel­mä­ßig Stu­di­en über das Schreib-Le­se-Ver­ständ­nis von Kin­dern und Ju­gend­li­chen, die zu dem Er­geb­nis kom­men, dass die Leis­tun­gen gar nicht gut sind. Wie se­hen Sie das?

Ich den­ke, es ist schwer, ein ob­jek­ti­ves Bild zu be­kom­men, um wirk­lich ei­nen brei­ten Kom­pe­tenz­ver­fall fest­stel­len zu kön­nen. Es gibt aber in Deutsch­land ei­ne star­ke Ein­wan­de­rungs­be­we­gung in den letz­ten Jahr­zehn­ten, die zu­letzt noch­mal an Dy­na­mik ge­won­nen hat. Da­durch ha­ben wir ei­ne ganz an­de­re Zu­sam­men­set­zung von Schü­lern als frü­her. Das heißt: Es gibt heu­te ei­nen sehr viel grö­ße­ren An­teil von jungen Men­schen, die Deutsch nicht als Mut­ter­spra­che ge­lernt ha­ben.

Dem letz­ten Ka­pi­tel Ih­res Bu­ches ha­ben Sie den Ti­tel ge­ge­ben „Sprach­po­li­tik und der Kampf um das Deut­sche“. Wie wichtig ist denn die deut­sche Spra­che für die Identität des Lan­des?

Sie ist au­ßer­or­dent­lich wichtig. Schon des­halb, weil Deutsch die ein­zi­ge Spra­che ist, die al­le Men­schen in Deutsch­land sprechen und ver­ste­hen be­zie­hungs­wei­se sprechen und ver­ste­hen soll­ten, um so ei­ne Ge­mein­schaft in un­se­rem Land zu bil­den. Wir brau­chen Deutsch als über­ge­ord­ne­te Spra­che für al­le. Sie hält un­se­re Ge­sell­schaft zu­sam­men.

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