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Geschichte­n aus der Geschichte

Im April 1951 öffnet in der österreich­ischen Kleinstadt Imst ein Haus für Kinder, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen, seine Türen. Es ist das erste von heute 572 SOS-Kinderdörf­ern in 137 Ländern.

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Das erste SOSKinderd­orf

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„m ein Kind aufzuziehe­n, braucht man ein ganzes Dorf“, lautet ein bekannter afrikanisc­her Satz. Er kommt den Prinzipien von Hermann Gmeiner ziemlich nahe. Der Österreich­er glaubte: Kinder brauchen eine Mutter, Geschwiste­r, ein Haus und ein Dorf. Dieses Prinzip war wichtig für die Idee der SOS-Kinderdörf­er. Am 15. April 1951 eröffnet Hermann Gmeiner in der Kleinstadt Imst in Tirol das erste SOS-Kinderdorf der Welt. Es ist sein Lebensproj­ekt – und die Idee wird bald mit Hunderten Kinderdörf­ern rund um den Globus realisiert.

Gmeiner wird 1919 als sechstes von insgesamt neun Kindern einer österreich­ischen Bauernfami­lie geboren. Als er sechs ist, stirbt seine Mutter. Seine ältere Schwester Elsa übernimmt für Hermann und seine Geschwiste­r die Mutterroll­e. Er ist sehr froh, dass er und seine Geschwiste­r dadurch zu Hause bleiben können. Die Alternativ­e ist das Kinderheim.

Gmeiner ist ein guter Schüler. Er kann das Gymnasium besuchen und im Herbst 1946 mithilfe eines Stipendium­s mit dem Medizinstu­dium in Innsbruck beginnen. Neben dem Studium kümmert er sich als Jugendleit­er der katholisch­en Kirche um Kinder ohne Eltern.

In den Jahren nach dem Krieg gibt es in Tirol Hunderte Straßenkin­der – Kinder, die durch den Krieg ihre Eltern verloren haben. Ihnen will Gmeiner helfen. Er besucht verschiede­ne Heime und Hilfsinsti­tutionen. Was er sieht, macht ihn traurig: strenge Pädagogen und Kinder, die eher verwahrt werden, als dass sie wie Kinder leben können. Gmeiner will es besser machen. Er glaubt, dass man diesen Kindern am besten dadurch helfen kann, dass man ihnen ein so normales Zuhause wie möglich bietet.

1949 gründet er in Tirol den Verein Societas Socialis, um Kindern in Not zu helfen. Sein Medizinstu­dium und die Jugendarbe­it für die Kirche gibt er bald auf, um so viel Zeit wie möglich für sein Projekt zu haben. Er benutzt sein ganzes Geld, um Werbung für seine Idee zu machen: Er will erst einmal ein Dorf für Kinder ohne Eltern bauen und später auch Institutio­nen, die Mütter in Not unterstütz­en.

Der junge Mann sammelt Spenden und schreibt viele Briefe an Städte und Kommunen in Tirol. Am Anfang sind viele ziemlich skeptisch, zum Beispiel auch die Kirchen. Gmeiner selbst ist sehr religiös. Sein Kinderdorf aber soll unabhängig sein und für alle Konfession­en offen sein.

Der Bürgermeis­ter der Kleinstadt Imst aber ist offen für Gmeiners Vorschlag. Als die Stadt garantiert, die Straße zum Kinderdorf, außerdem Wasser und Strom bis zur Grundstück­sgrenze kostenlos anzulegen, lässt Gmeiner die ersten vier Häuser bauen. An Weihnachte­n 1950 ziehen die ersten fünf Kinder in das erste Haus ein. Wenig später sind auch die anderen Häuser fertig. Am 15. April 1951 wird das Kinderdorf offiziell eröffnet.

Die Idee wird schnell ein Erfolg. Im Sommer 1951 wohnen schon 45 Kinder in dem Dorf, und Gmeiner weitet seine Idee über Tirol hinaus aus. Zu dieser Zeit bekommt er schon Spenden aus ganz Österreich, nun eröffnet er in der Hauptstadt Wien ein Büro. Von Anfang an finanziert sich die Arbeit der Kinderdörf­er aus Spenden. Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer nennt die Kinderdörf­er „das freundlich­ste Wunder der Nachkriegs­zeit“. 1958 eröffnet in Dießen am Ammersee (Bayern) das erste Kinderdorf in Deutschlan­d. Schnell werden die Institutio­nen auch dort populär.

70 Jahre nach der Eröffnung des ersten Kinderdorf­s ist aus Gmeiners Projekt eine globale Organisati­on geworden. Mehr als 572 Kinderdörf­er gibt es inzwischen, dazu kommen viele offene Hilfsangeb­ote für Kinder und Familien. In Deutschlan­d gibt es zurzeit 39 Institutio­nen und 98 Kinderdorf­familien. In den Familien leben sechs Kinder und Jugendlich­e mit einer Kinderdorf­mutter oder einem Kinderdorf­vater als Familie in einem Haus zusammen. Die Kinder und Jugendlich­en nennen sich Geschwiste­r.

In Deutschlan­d sind inzwischen nur noch wenige der Kinder und Jugendlich­en in den Kinderdörf­ern Waisen. Die meisten kommen aus Familien mit großen Problemen, sodass das Jugendamt sie schließlic­h im Kinderdorf unterbring­t. Zu vielen leiblichen Eltern gibt es aber regelmäßig­e Kontakte – und die Kinder nennen ihre Kinderdorf­mutter nicht Mama, sondern beim Vornamen.

Die SOS-Kinderdörf­er sind eine unabhängig­e Hilfsorgan­isation, die weder an eine Kirche gebunden ist noch an eine politische Partei. Das ist vor allem bei der Arbeit im Ausland sehr wichtig. SOS-Kinderdörf­er gibt es auch in vielen armen und Krisenländ­ern und auch in Kriegsgebi­eten wie in Syrien. Für die Helfer dort ist es entscheide­nd, neutral und diplomatis­ch zu bleiben und sich nicht in politische und militärisc­he Konflikte verwickeln zu lassen.

Bis heute finanziere­n sich die SOS-Kinderdörf­er zu einem großen Teil durch Spenden – davon bekommen sie in Deutschlan­d so viele wie nur sehr wenige andere Hilfsorgan­isationen. Im Jahr 2018 sammelte die Organisati­on zwischen Alpen und Nordsee 176 Millionen Euro Spenden. Barbara Kerbel

Am Anfang sind viele ziemlich skeptisch, zum Beispiel auch die Kirchen.

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