Vom Über­le­ben ei­ner Seg­le­rin

Sie kennt den Sturz aus der Zi­vi­li­sa­ti­on, wie ih­re Ro­man­fi­gu­ren: Isabelle Au­tis­sier um­se­gel­te als ers­te Frau bei ei­ner Re­gat­ta al­lein die Welt. Ge­spräch mit ei­ner furcht­lo­sen Frau.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON AN­NE-CA­THE­RI­NE SI­MON

Herz auf Eis“heißt Isabelle Au­tis­siers neu­er Ro­man auf Deutsch – und ja, hier ver­ei­sen die Ge­füh­le. Auf ei­ner ein­sa­men klei­nen In­sel lässt die Schrift­stel­le­rin ein jun­ges Paar in ju­gend­li­cher Hoch­stim­mung stran­den und den Le­ser dann zu­se­hen, wie al­les zer­fällt: Hoff­nung, Zu­sam­men­halt, Lie­be . . . Oder: Fast al­les?

So vie­le Schrift­stel­ler ha­ben sich und ih­ren Le­sern schon vor­zu­stel­len ver­sucht, was aus dem Men­schen wird, wenn er sich in der „Wild­nis“wie­der­fin­det und plötz­lich ums Über­le­ben kämp­fen muss. Was bleibt am En­de von dem, was wir Zi­vi­li­sa­ti­on, Mensch­sein, Moral nen­nen? Es ist die­se Fra­ge, die auch Isabelle Au­tis­sier um­treibt, und die sie in ih­rem Ro­man mit ei­ner Här­te, ja Furcht­lo­sig­keit be­ant­wor­tet, die nichts, aber auch gar nichts mit Sen­sa­ti­ons­lust zu tun hat.

Da­für wohl mit dem küh­len Rea­li­täts­sinn und psy­cho­lo­gi­schen In­ter­es­se ei­ner Frau, die sich in ih­rem Le­ben selbst viel zu­ge­mu­tet und Er­fah­run­gen aus­ge­setzt hat, die den meis­ten Men­schen im Eu­ro­pa von heu­te er­spart, aber auch ver­wehrt blei­ben. „Herz auf Eis“ist ei­ne küh­le li­te­ra­ri­sche Schön­heit, die von in­nen brennt. Wir se­hen, hö­ren, ja spü­ren, wie Loui­se und Lu­do­vic Pin­gui­ne ja­gen und zer­tei­len, aber auch die fas­zi­nie­ren­de Exis­tenz die­ser Tie­re und der dem Men­schen ge­gen­über gleich­gül­ti­gen Na­tur. Nur knapp dem Tod ent­ron­nen. Ei­ner Na­tur, mit der Isabelle Au­tis­sier auf ih­ren So­lo-Se­gel­fahr­ten viel al­lein war. Längst fährt die heu­te 60-Jäh­ri­ge kei­ne Wett­be­wer­be mehr, ob­wohl sie im­mer noch se­gelt – sie ha­be jetzt ein Boot für Fahr­ten in die Po­lar­re­gio­nen, er­zählt sie. 1990/91 war sie die ers­te Frau, die bei ei­ner Re­gat­ta al­lein um die Welt se­gel­te. Vier Jah­re spä­ter, er­zählt sie der „Pres­se“, ken­ter­te ihr Schiff bei ei­ner wei­te­ren Re­gat­ta 1700 Ki­lo­me­ter süd­lich von Aus­tra­li­en, ver­lor den Mast. „Ich ha­be drei Ta­ge auf Ret­tung ge­war- tet.“Dass sie 1999 ih­re Kar­rie­re als So­lo-Re­gat­ta­seg­le­rin be­en­de­te, wird auf Wi­ki­pe­dia mit dem le­bens­ge­fähr­li­chen Un­fall be­grün­det, den sie da­mals er­litt. Stimmt das wirk­lich?

Der Un­fall ja. Zwi­schen Neu­see­land und Kap Ho­orn ken­ter­te das Boot und blieb um­ge­stürzt lie­gen – zu weit ent­fernt vom Fest­land, als dass ei­ne Ret­tung aus der Luft mög­lich ge­we­sen wä­re. 24 St­un­den über­leb­te Au­tis­sier so, bis Hil­fe kam. Dass sie da­mals dem Tod ent­kam, sei nicht nur Glück ge­we­sen, be­tont sie im Ge­spräch mit der „Pres­se“. „Ich war die Ein­zi­ge auf der Re­gat­ta, die für so ei­nen Fall al­les vor­be­rei­tet hat­te.“Da­mals ge­lang es ihr ge­ra­de noch, die was­ser­dich­te Lu­ke zu schlie­ßen, ih­ren Über­le­bens­an­zug über­zu­strei­fen und Not­si­gna­le zu sen­den. Doch der Un­fall, be­tont sie, sei nicht der Grund für das En­de ih­rer Re­gat­ten-Kar­rie­re ge­we­sen. „Schon da­vor wuss­te ich, dass ich et­was Neu­es ma­chen woll­te.“ Boo­te und Bü­cher der Kind­heit. Schrei­ben, zum Bei­spiel. In der Art, wie Au­tis­sier an Ex­trem­sport wie an Li­te­ra­tur her­an­geht, liegt et­was Ver­bin­den­des: Ent­de­cker­freu­de treibt sie und der Wunsch, zu ver­ste­hen. „Mich hat auch am Se­geln die in­tel­lek­tu­el­le Sei­te in­ter­es­siert“, sagt sie. „Da­zu kam die Freu­de, selbst­ver­ant­wort­lich Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, al­lein auf dem Meer und in der Na­tur zu sein, auf Wett­be­wer­ben nur das Ge­räusch des Win­des zu hö­ren . . . Das wa­ren für mich schlich­te, sehr sehr wich­ti­ge Er­leb­nis­se.“Auch in ih­ren Bü­chern, egal ob Rei­se­be­rich­te oder Ro­ma­ne – das Meer ist im­mer da.

Ei­ne Lie­be, die in ih­rer Kind­heit mit ei­nem se­gel­freu­di­gen Va­ter wur­zelt. „Wir ver­brach­ten un­se­re Fe­ri­en in der Bre­ta­gne und hat­ten zu­nächst ein klei­nes, dann im­mer grö­ße­re Boo­te. Da­mit fuh­ren wir weit, zum Bei­spiel nach Schott­land“, er­zählt sie. „Ich hat­te auch das Glück, in den Sech­zi­ger­jah­ren ein Kind oh­ne Fern­se­her zu sein und viel zu le­sen. Ich lieb­te Ge­schich­ten über das Meer und die See­fahrt.“

Als weib­li­che Seg­le­rin war sie dann in den Acht­zi­ger­jah­ren ei­ne be­staun­te Exo­tin. Ihr selbst er­schien es völ­lig nor­mal. „Ich ha­be ei­ne Er­zie­hung be­kom­men, in der mein Mäd­chen­sein kei­ne Rol­le spiel­te, man hat mir nie ge­sagt,

1956

Ge­bo­ren in Paris.

1991

Als ers­te Frau um­se­gelt Isabelle Au­tis­sier im Rah­men ei­ner Re­gat­ta al­lein („ein­hand“) die Welt.

1999

Au­tis­sier be­en­det ih­re Re­gat­ta-Kar­rie­re nach ei­nem Un­fall auf See (aber nicht des­we­gen), der sie fast das Le­ben ge­kos­tet hät­te.

2009

Sie wird Prä­si­den­tin des WWF Frank­reich. Im sel­ben Jahr er­scheint nach be­reits ei­ni­gen Bü­chern ihr ers­ter Ro­man, „Seu­le la mer s’en sou­vi­en­dra“(„Al­lein das Meer wird sich er­in­nern“).

2015

Der Ro­man „Sou­da­in, seuls“er­scheint – 2017 bringt der ma­re Ver­lag die deut­sche Über­set­zung her­aus: „Herz auf Eis“: 224 Sei­ten, 22,70 €. was ich spe­zi­ell als Mäd­chen tun oder las­sen soll.“

Loui­se ist in „Herz auf Eis“die ei­gent­li­che Haupt­per­son, er­weist sich auch als wi­der­stands­fä­hi­ger als ihr Freund. Auf der In­sel be­geg­net sie ei­nem Ich, das sie nicht kann­te, quält sich mit Schuld­ge­füh­len, schließt am En­de Frie­de mit sich. Doch zu­rück in der Ge­sell­schaft, kann sie sich die­ser nicht ver­ständ­lich ma­chen. Die Wahr­heit – „Nächs­ten­lie­be ist et­was für die Wohl­stands­ge­sell­schaft“, heißt es im Ro­man pro­vo­kant – ist nun ein­mal nicht schön. „Das ist über­spitzt und spie­gelt nicht mei­ne Mei­nung“, sagt Au­tis­sier. „Aber es ist wich­tig zu se­hen, dass man Loui­ses Ver­hal­ten auf der In­sel nicht nach den mo­ra­li­schen Kri­te­ri­en der Ge­sell­schaft be­ur­tei­len kann.“

Und noch et­was woll­te die Au­to­rin,

Drei Ta­ge ver­brach­te sie nach ei­nem Schiff­bruch süd­lich von Aus­tra­li­en al­lein auf See. Ve­ge­ta­risch sein ist wie an Gott glau­ben. Ich re­spek­tie­re es als re­li­giö­se Über­zeu­gung.

die seit acht Jah­ren Prä­si­den­tin des WWF Frank­reich ist, zei­gen: „dass man heu­te sehr weit weg ist von der Na­tur.“Loui­se und Lu­do­vic wol­len für ei­ne Zeit­lang aus­sche­ren aus dem do­mes­ti­zier­ten All­tag, su­chen das „ech­te“Le­ben und ex­tre­me Er­fah­run­gen – oh­ne da­mit zu rech­nen, dass es in der Na­tur sehr rasch um Le­ben und Tod ge­hen kann. „Vie­le be­trach­ten die Na­tur als auf­re­gen­den Ver­gnü­gungs­park“, sagt Isabelle Au­tis­sier. In die­sem Spiel mit dem Ri­si­ko, oh­ne es wirk­lich ein­schät­zen zu kön­nen, liegt in ih­ren Au­gen igno­ran­te Na­tur­fer­ne. „Der Na­tur sind wir egal. Ge­set­ze, die wir schreck­lich fin­den, sind in ihr völ­lig nor­mal. Des­we­gen bin ich in den Be­schrei­bun­gen auch so kon­kret. Lou­is und Lu­do­vic müs­sen zum Bei­spiel tö­ten, um zu über­le­ben. Für un­se­re Vor­fah­ren war das selbst­ver­ständ­lich.“

Ob sie selbst Fleisch isst? Aus Um­welt­schutz­grün­den we­nig, ant­wor­tet Au­tis­sier, aber Ve­ge­ta­rie­rin sei sie nicht. „Der Mensch ist ein Fleisch­fres­ser. Ve­ge­ta­risch oder ve­gan sein – für mich ist das ein biss­chen wie an Gott zu glau­ben. Ich re­spek­tie­re es wie ei­ne re­li­giö­se Über­zeu­gung, die ich nicht tei­le.“

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