»Wer­de nie links der SPÖ her­un­ter­fal­len«

Neos-Chef Mat­thi­as Strolz über die Schwie­rig­kei­ten in der Mi­gra­ti­ons­fra­ge – auch in sei­ner ei­ge­nen Par­tei –, ei­ne Ver­si­che­rungs­pflicht statt der AUVA und sei­ne Emo­tio­na­li­tät zwischen Be­trof­fen­heit und Thea­tra­lik.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK UND PHIL­IPP AICHINGER

Wie­so sa­gen Sie nicht klipp und klar, dass Sie für ein Kopf­tuch­ver­bot für Mäd­chen in Kin­der­gär­ten und Volks­schu­len sind? Mat­thi­as Strolz: Ich bin ge­gen das Kopf­tuch in Volks­schu­len und Kin­der­gär­ten. Ich glaube, das braucht kei­ner. Ich bin aber noch mit Fra­ge­zei­chen un­ter­wegs, ob ei­ne ge­setz­li­che Lö­sung, so wie sie die Re­gie­rung vor­hat, hal­ten kann. Man kann re­li­giö­se Kopf­be­de­ckun­gen ver­bie­ten, das wird aber mög­li­cher­wei­se nur ge­hen, wenn man auch die Kip­pa ver­bie­tet. Wir als Neos kön­nen nicht mit ei­ner Lö­sung mit­ge­hen, die vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te nicht hält. Da­rüber hin­aus sind an­de­re Her­aus­for­de­run­gen in der In­te­gra­ti­on viel grö­ßer. Wo­bei ich das Kopf­tuchthe­ma, die Fra­ge der Re­li­gi­ons­pra­xis, nicht grund­sätz­lich vom Tisch wi­schen will. Das ist in man­chen Ecken der mus­li­mi­schen Glau­bens­ge­mein­schaft ein The­ma. Da wür­de ich die­se auch gern viel stär­ker in die Pflicht neh­men. Wie kann man et­was oh­ne Ge­setz ver­bie­ten? Ich glaube, wenn zum Bei­spiel die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft selbst sagt . . . Wird sie aber nicht. Sagt sie nicht, ja, das ist auch ei­ne Ent­täu­schung für mich. Ir­gend­wie passt die­se Un­ein­deu­tig­keit zur Flip­flop-Hal­tung der Neos in Sa­chen Mi­gra­ti­on: Am An­fang der Flücht­lings­kri­se ha­ben die Neos je­de Maß­nah­me der da­ma­li­gen Re­gie­rung, die­se ein­zu­däm­men, kri­ti­siert, dann wur­den die Neos re­strik­ti­ver, und zu­letzt hieß es in der „Zeit im Bild“wie­der, Sie sei­en für die Aus­set­zung von Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan. Da müs­sen wir jetzt sor­tie­ren: Von Kar­di­nal Schön­born bis Se­bas­ti­an Kurz bis zu Dut­zend­schaf­ten an Jour­na­lis­ten ha­ben wir seit 2015 ei­ne Ent­wick­lung durch­ge­macht – in der Art, wie wir auf das The­ma schau­en, in der Art, wie wir Lö­sun­gen für rea­lis­tisch hal­ten. Ja, auch die Neos ha­ben die­se Ent­wick­lung durch­ge­macht. Und ja, es war nicht im­mer ein­fach, hier die Mehr­heit der ei­ge­nen Be­we­gung mit auf die Rei­se zu neh­men. Aber wir ha­ben dann ge­sagt – und die­se Vor­schlä­ge sind teil­wei­se be­reits zwei Jah­re alt: Wir brau­chen ein neu­es Schen­gen, 30.000 Mann und Frau­en an die EU-Au­ßen­gren­ze, tau­send Städ­te­part­ner­schaf­ten in Afri­ka, Re­gis­trier­zen­tren in Nord­afri­ka. Ja, das The­ma po­la­ri­siert bei uns in­tern. Aber das ist ge­nau­so bei der SPÖ, bei je­der Par­tei. Au­ßer bei der ÖVP und der FPÖ. Bei der ÖVP ist es auch so. Da gilt zwar: Hän­de fal­ten, Go­schen hal­ten. Aber am Sonn­tag sit­zen vie­le in der Kir­che und den­ken sich, das geht sich nicht ganz aus mit der christ­lich-so­zia­len Nächs­ten­lie­be. Wie ist das nun mit Af­gha­nis­tan? Es gab den Vor­be­halt, dass es kei­ne wirk­lich trag­fä­hi­gen Gut­ach­ter für Af­gha­nis­tan ge­be. Und es gibt vie­le Ex­per­ten, die sa­gen, dass die Si­cher­heits­la­ge in Af­gha­nis­tan wie­der so ge­fähr­lich sei, dass nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­ne, dass die Men­schen in den si­che­ren Tod ge­schickt wer­den. Die FDP sieht das an­ders. Das ist mög­lich. Wir ha­ben vie­le Ge­mein­sam­kei­ten, aber auch Un­ter­schied­lich­kei­ten. Für Af­gha­nis­tan brau­chen wir ver­läss­li­che, trag­fä­hi­ge Ex­per­ti­se. Die­se gibt es of­fen­sicht­lich in Ös­ter­reich der­zeit nicht. Schau­en Sie, am liebs­ten wä­re mir kein ein­zi­ger Flücht­ling in Ös­ter­reich. Mir ist auch klar, dass das ganz vie­le Men­schen an­zipft in die­sem Land. Mir ist klar, dass das vie­le Men­schen in Be­klem­mung, in Angst stürzt. Vie­le ha­ben Angst, die Hei­mat zu ver­lie­ren, die Iden­ti­tät zu ver­lie­ren, Angst um die Zu­kunft der Kin­der. All die­se Ängs­te se­he ich. Und den­noch will ich kein Ge­schäft mit die­ser Angst ma­chen. Aber wir wer­den auch nie na­iv sein. Das sa­ge ich auch im­mer mei­nen Leu­ten – und wir ha­ben har­te Dis­kus­sio­nen: Ich wer­de in die­ser Fra­ge in Sa­chen Nai­vi­tät nie und nim­mer links der SPÖ und der Grü­nen her­un­ter­fal­len. Das ma­che ich nicht! Denn das ist ver­ant­wor­tungs­los. Wir müs­sen hin­schau­en. Die Pro­ble­me sind groß. Und wir brau­chen dif­fe­ren­zier­te Lö­sun­gen. Ein Pflicht­fach Ethik und Re­li­gio­nen et­wa. Wir müs­sen uns ein­an­der zu­mu­ten in Re­li­gi­ons­fra­gen. Aber wenn ein Kind mit fünf Jah­ren mit Kopf­tuch in den Kin­der­gar­ten kommt, dann be­schleicht auch mich Be­klem­mung. Dann müs­sen wir uns fra­gen, wie kön­nen wir das ver­hin­dern. Da Sie in Ih­rer Bi­b­lio­thek im Bü­ro ein Ata­türk-Buch ste­hen ha­ben: Ist er in ge­wis­ser Wei­se ein Vor­bild für Sie? Die Tür­kei ist ein ganz wich­ti­ges Land für Eu­ro­pa. Und der Um­bau in ei­ne fa­schis­ti­sche Dik­ta­tur, der da statt­fin­det, ist ei­ne Tra­gö­die – für die Tür­ken und für Eu­ro­pa. Aber es bleibt un­ser Nach­bar. Wir kön­nen nicht sa­gen: Hin­un­ter mit dem Rol­lo! Nach­bar ist Nach­bar. Es bleibt zu hof­fen, dass die Idea­le von Ata­türk in ei­ni­gen Jah­ren wie­der mehr hoch­ge­hal­ten wer­den. Die Re­gie­rung braucht die Zu­stim­mung von SPÖ oder Neos nicht nur beim Kopf­tuch­ver­bot, son­dern auch beim Staats­ziel Wirt­schafts­wachs­tum. Wer­den die Neos dem nun zu­stim­men? Gibt es Punk­te, die die Neos durch­set­zen wol­len, in­dem sie der Re­gie­rung da­für Hil­fe für ei­ne Zwei­drit­tel­mehr­heit an­bie­ten? Könn­ten Sie sich auch vor­stel­len, bei der AUVA-Re­form zu­zu­stim­men? Sie sind in Ih­ren Auf­trit­ten nun noch emo­tio­na­ler ge­wor­den, als Sie es oh­ne­dies schon wa­ren. Wo­bei bei Ih­nen die Gren­ze zwischen Be­trof­fen­heit und Thea­tra­lik nicht im­mer ganz leicht aus­zu­ma­chen ist.

Akos Burg

Strolz in sei­nem Bü­ro in der Lö­wel­stra­ße. Hier re­si­dier­ten frü­her die Grü­nen. rung in Kon­kurs geht und dann das Op­fer ei­nes Ar­beits­un­falls kei­ne Ver­sehr­ten­ren­te mehr be­kommt.

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