Stra­che, zwischen al­len Stüh­len

Vi­ze- oder Ko-Kanz­ler? Oder mehr FPÖ-Chef? Die Re­gie­rungs­be­tei­li­gung hat Heinz-Chris­ti­an Stra­che in ei­nen Rol­len­kon­flikt ge­stürzt.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON THO­MAS PRI­OR

Nach 13 Jah­ren an der Spit­ze der FPÖ hat es Heinz-Chris­ti­an Stra­che end­lich zum Re­gie­rungs­chef ge­bracht. Wenn auch nur für ei­ne Wo­che – am Frei­tag kam dann Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz von sei­ner Chi­na-Rei­se zu­rück. In des­sen Ab­we­sen­heit führ­te Stra­che die Ge­schäf­te. Kei­ne gro­ße Sa­che, bloß ei­ne For­ma­li­tät, möch­te man mei­nen. Die aber den Rol­len­kon­flikt des Vi­ze­kanz­lers wo­mög­lich noch ver­stärkt hat.

In den ers­ten drei Re­gie­rungs­mo­na­ten wirk­te Heinz-Chris­ti­an Stra­che so, als sä­ße er zwischen al­len Stüh­len. Als Vi­ze­kanz­ler ist er (noch?) nicht der Ko-Kanz­ler ne­ben Kurz, der er ei­gent­lich sein woll­te. Sein Job als FPÖ-Ob­mann kol­li­diert zu­wei­len mit dem Vi­ze­kanz­ler­amt, wie die di­ver­sen Bur­schen­schaf­ter-Af­fä­ren ge­zeigt ha­ben. Und als Mi­nis­ter für Be­am­te und Sport geht er ein we­nig un­ter, je­den­falls im Ver­gleich mit den Kol­le­gen Her­bert Kickl und Nor­bert Ho­fer im In­nen- be­zie­hungs­wei­se In­fra­struk­tur­mi­nis­te­ri­um.

„Nur Me­dail­len um­zu­hän­gen wird na­tür­lich zu we­nig sein“, sagt der ehe­ma­li­ge frei­heit­li­che EU-Ab­ge­ord­ne­te Andre­as Möl­zer. An­fangs ha­be er ei­nen Nach­teil dar­in ge­se­hen, dass Stra­che ein klei­nes Res­sort ha­be. Aber je län­ger er da­rüber nach­den­ke, des­to mehr se­he er dar­in ei­ne Chance: „Wenn es Stra­che schafft, als Ge­samt­ver­ant­wort­li­cher der FPÖ-Mi­nis­ter wahr­ge­nom­men zu wer­den, dann wä­re das gut für ihn.“

An­ders als Se­bas­ti­an Kurz, der als Kanz­ler so tut, als hät­te er ei­ne Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz, ist es dem Vi­ze­kanz­ler noch nicht ge­lun­gen, die­sen Ein­druck zu er­we­cken. Was auch dar­an liegt, dass ihm stän­dig et­was da­zwi­schen­kommt: die NS-Lie­der­bü­cher der FPÖ­na­hen Bur­schen­schaf­ten. Die Rau­cher­de­bat­te, die nie­mand an­de­rer als Stra­che selbst der FPÖ ein­ge­brockt hat. Und zu­letzt die In­nen­mi­nis­te­ri­um-Af­fä­re um den Ver­fas­sungs­schutz (BVT).

Ver­mut­lich hat sich der FPÖ-Chef den Um­stieg auf die Re­gie­rungs­bank leich­ter vor­ge­stellt. Au­ßen­po­li­tisch kann Stra­che nun nicht mehr – Stich­wort Re­pu­bli­ka Sprs­ka – ein­fach Ös­ter­reichs Bal­kan-Po­li­tik kon­ter­ka­rie­ren. In­nen­po­li­tisch muss er sich zum Bei­spiel ent­schei­den, ob er Rau­cher­lob­by­ist oder Di­rekt­de­mo­krat sein möch­te. Per­sön­lich ge­reift. „Re­gie­ren ist ein Hand­werk, das wir erst ler­nen müs­sen“, sagt ein Frei­heit­li­cher. Und auch im Ton wird sich Stra­che mä­ßi­gen müs­sen. Manch­mal sei er noch zu im­pul­siv, heißt es in der ÖVP. Et­wa, wenn er den ORF zum Ort er­klä­re, „an dem Lü­gen zu Nach­rich­ten“wer­den. Dann müs­se man ihn dar­an er­in­nern, dass er kein Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker mehr sei.

Schön lang­sam scheint sich der 48-Jäh­ri­ge aber an die neu­en Um­stän­de zu ge­wöh­nen. In der „Pres­se­stun­de“ver­gan­ge­nen Sonn­tag war Stra­che er­staun­lich ehrlich, als er zu­gab, dass er sei­ne Mei­nung über Se­bas­ti­an Kurz ge­än­dert ha­be. Of­fen­bar sei er ge­reift, meint ein Par­tei­freund. Frü­her hät­te er Un­an­ge­neh­mes mit vie­len Wor­ten in we­ni­gen Se­kun­den ein­fach weg­ge­re­det.

Es ist dem FPÖ-Chef nicht leicht­ge­fal­len zu ak­zep­tie­ren, dass er mitt­ler­wei­le zum ar­ri­vier­ten po­li­ti­schen Per­so­nal ge­hört – und dass es nun ei­nen Jün­ge­ren an sei­ner Seite gibt, in des­sen Schat­ten er steht. Der Kanz­ler sei eben der Kanz­ler, meint Möl­zer. Al­ler­dings wer­de Kurz von den Me­di­en auch „ver­hät­schelt, Stra­che da­ge­gen ge­prü­gelt“. Das Ver­hält­nis zwischen den bei­den wird den­noch als gut be­schrie­ben, von bei­den Seiten. Kurz braucht Stra­che, des­halb gönnt er ihm mit­un­ter ei­nen Er­folg. So durf­te der Vi­ze­kanz­ler als Ers­ter ver­kün­den, dass die Re­gie­rung ein Kopf­tuch­ver­bot in Kin­der­gär­ten und Volks­schu­len durch­set­zen möch­te.

Da­ni­el No­vot­ny

Manch­mal noch zu im­pul­siv für ei­nen Vi­ze­kanz­ler, aber zu­letzt er­staun­lich selbst­kri­tisch: Heinz-Chris­ti­an Stra­che.

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