Was Trump in Chi­na vor hat

Der Stil des Prä­si­den­ten im Han­dels­streit mit Chi­na mag ir­ri­tie­ren. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist aber: Ver­dient die zweit­größ­te Volks­wirt­schaft der Welt noch Son­der­re­geln?

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON STE­FAN RIE­CHER (NEW YORK)

Es ist der ers­te war­me Früh­lings­tag in New York, die Son­ne scheint. Zu­nächst recht lo­cker ist dann auch die Stim­mung, als sich knapp 200 Öko­no­men und Wirt­schafts­trei­ben­de En­de der ver­gan­ge­nen Wo­che im ehr­wür­di­gen Club der Har­vard Uni­ver­si­tät an der 44. Stra­ße in Mid­town Man­hat­tan ein­fin­den. Das 1926 ge­grün­de­te Chi­na In­sti­tu­te hat zum jähr­li­chen „US – Chi­na Exe­cu­ti­ve Sum­mit“ge­la­den. Das The­ma ist dies­mal brand­ak­tu­ell – der ge­gen­wär­ti­ge Han­dels­streit. Die An­we­sen­den sind rund zur Hälf­te Chi­ne­sen, zur Hälf­te Ame­ri­ka­ner, und wer wis­sen will, wie die Eli­te denkt, be­kommt hier ei­nen gu­ten Ein­blick.

„Wenn man die gan­ze Sa­che his­to­risch in Re­la­ti­on setzt, ist das al­les viel­leicht gar nicht so dra­ma­tisch“, er­öff­net Chi­en Chung Pei, der Vor­sit­zen­de des Chi­na In­sti­tu­te, die Ver­an­stal­tung, sicht­lich um Dee­s­ka­la­ti­on be­müht. Ge­gen En­de sei­ner Re­de muss er al­ler­dings doch ein­räu­men: „Die Span­nun­gen, die wir rund um den Han­dels­kampf zwischen un­se­ren bei­den Na­tio­nen se­hen, sind schon au­ßer­ge­wöhn­lich.“

Tat­säch­lich geht es um die wo­mög­lich schwers­te Kri­se des welt­wei­ten Frei­han­dels seit Jahr­zehn­ten, aus­ge­löst durch die An­kün­di­gun­gen Donald Trumps. Der US-Prä­si­dent will ge­gen Chi­na mit „vol­ler Här­te“vor­ge­hen, um aus sei­ner Sicht un­fai­re Han­dels­prak­ti­ken zu be­en­den. Ein welt­wei­ter Auf­schrei ist die Fol­ge, selbst un­ter Trumps Re­pu­bli­ka­nern ru­mort es ge­wal­tig. 107 Ab­ge­ord­ne­te un­ter­schrie­ben ei­ne Pe­ti­ti­on, in der sie dem Prä­si­den­ten un­ter an­de­rem ein­dring­lich da­von ab­rie­ten, an­ge­kün­dig­te Zöl­le auf Stahl und Alu­mi­ni­um ein­zu­füh­ren.

Kei­nen Zwei­fel dar­an, wie er die Sa­che sieht, lässt auch Jo­seph Sti­glitz. Die gan­ze Welt la­che über Trump, er­klärt der Ge­win­ner des Wirt­schafts­no­bel­prei­ses von 2001, der als ers­ter Star­red­ner das Mi­kro­fon er­greift. Wenn Chi­na tat­säch­lich un­lau­te­re Han­dels­prak­ti­ken be­trei­be, sol­len sich die USA ge­fäl­ligst an die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on WTO wen­den. Das ha­ben sie bis jetzt nicht ge­tan, statt­des­sen ha­be Chi­na ei­ne Be­schwer­de we­gen der zu­letzt in den Raum ge­stell­ten Ta­ri­fe ein­ge­bracht, so der Star­öko­nom. Schwie­ri­ge Be­wei­se. Sti­glitz ist be­kannt da­für, ge­gen die USA und vor al­lem ge­gen den ak­tu­el­len Prä­si­den­ten zu wet­tern. Was er nicht er­klärt, sind die Hin­ter­grün­de, war­um die USA kei­ne Be­schwer­de bei der WTO ein­brin­gen kön­nen. Denn im Prin­zip geht es bei dem Han­dels­streit nicht um Ta­ri­fe auf Stahl, Alu­mi­ni­um oder Au­tos. Was die Ame­ri­ka­ner am meis­ten stört, ist die Tat­sa­che, dass vie­len US-Fir­men der chi­ne­si­sche Markt ver­schlos­sen bleibt, so­fern sie sich wei­gern, ih­re tech­no­lo­gi­schen Er­kennt­nis­se mit Pe­king zu tei­len. Die­ser Be­weis ist schwe­rer zu er­brin­gen als ein mit ei­nem Pro­zent­satz ein­ze­men­tier­ter Im­port­ta­rif.

Ei­ne an­ony­me Um­fra­ge der ame­ri­ka­ni­schen Han­dels­kam­mer in Chi­na ha­be er­ge­ben, dass sich „81 Pro­zent al­ler US-Fir­men in Chi­na un­ter Druck ge­setzt und nicht will­kom­men füh­len“, er­klärt Gil­bert Ka­plan un­ter dem Ap­plaus vie­ler An­we­sen­der. Ka­plan ist im US-Han­dels­mi­nis­te­ri­um für den in­ter­na­tio­na­len Han­del zu­stän­dig und in die­ser Po­si­ti­on mit­ver­ant­wort­lich für die Es­ka­la­ti­on des Han­dels­dis­puts. Ka­plans Pro­blem: Vie­le Fir­men er­zäh­len nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand von den St­ei­nen, die ih­nen in den Weg ge­legt wer­den. Wür­den sie da­mit zur WTO oder an die Öf­fent­lich­keit ge­hen, könn­ten sie Chi­na als Ab­satz­markt we­gen der Ver­gel­tungs­maß­nah­men aus Pe­king gleich ver­ges­sen.

Das ist na­tür­lich ein heik­les The­ma, und da Be­wei­se schwer zu er­brin­gen sind, kon­zen­triert sich Trump dann eher auf sein Lieb­lings­bei­spiel, wo­nach chi­ne­si­sche Au­to­lie­fe­run­gen in die USA mit 2,5 Pro­zent, je­ne der USA nach Chi­na hin­ge­gen mit 25 Pro­zent ver­zollt wer­den. Und Trumps Geg­ner stür­zen sich dann gern dar­auf, dass die­ser Ver­gleich hinkt, nicht zu­letzt, weil die in den USA be­lieb­ten Pick-up Trucks auch auf ame­ri­ka­ni­scher Seite mit 25 Pro­zent ver­zollt wer­den.

Mil­li­ar­den Dol­lar.

Pro­duk­te aus Chi­na im Ge­samt­aus­maß die­ses Be­trags sind von po­ten­zi­el­len ame­ri­ka­ni­schen Straf­zöl­len be­droht.

Pro­zent

Zoll ver­langt Chi­na bei Au­to­im­por­ten aus den USA. In die Ge­gen­rich­tung sind es im Nor­mal­fall nur 2,5 Pro­zent. Für die in den USA be­son­ders be­lieb­ten Pick-ups sind es je­doch auch auf US-Seite 25 Pro­zent.

Man kann dis­ku­tie­ren, ob Trump mit den an­vi­sier­ten Zöl­len auf chi­ne­si­sche Pro­duk­te im Wert von ins­ge­samt 150 Mrd. Dol­lar der Welt­wirt­schaft scha­det. Man kann auch klar­stel­len, dass ame­ri­ka­ni­sche Kon­su­men­ten über kurz oder lang auch für T-Shirts und Te­le­fo­ne mehr be­zah­len müs­sen, wenn Trump sei­ne Dro­hun­gen wahr macht. Doch bis da­hin ist es ein wei­ter Weg, oder wie es der jah­re­lan­ge Vi­ze­chef des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds, John Lips­ky, sagt: „Die au­gen­schein­li­che Fi­xie­rung auf den Wa­ren­ver­kehr ist nur ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Die ei­gent­li­chen Ver­hand­lun­gen zwischen Trump und Chi­na ver­lau­fen nu­an­cier­ter und de­tail­lier­ter.“

Lips­ky ist so wie meh­re­re an­de­re Spre­cher im Har­vard Club da­von über­zeugt, dass Chi­na über kurz oder lang ein­len­ken wird. Pe­king wer­de die Hür­den für US-Fir­men in Chi­na re­du­zie­ren, und im Ge­gen­zug ver­zich­tet Trump zu­min­dest teil­wei­se auf die an­ge­kün­dig­ten Zöl­le. Schließ­lich sei sich Chi­na be­wusst, dass die Zei­ten, in de­nen Know-how oh­ne Ge­gen­maß­nah­men im­por­tiert wer­den kann, ir­gend­wann vor­bei sind. Es mag Mil­lio­nen von Men­schen den Weg aus der Ar­mut

Der US-Prä­si­dent will ge­gen Chi­na mit »vol­ler Här­te« vor­ge­hen. Sind die Zei­ten vor­bei, in de­nen Know-how mit Zwang im­por­tiert wer­den konn­te?

ge­eb­net ha­ben, dass die USA jahr­zehn­te­lang ein Au­ge zu­ge­drückt ha­ben. Doch nun ist die ent­schei­den­de Fra­ge: Hat sich die zweit­größ­te Volks­wirt­schaft, die über kurz oder lang den USA den Sta­tus als Welt­macht Num­mer eins ab­zu­lau­fen droht, nach wie vor so ei­ne be­vor­zug­te Be­hand­lung ver­dient?

Kurz­um: Man muss nicht so weit ge­hen wie der in Chi­na in­ves­tier­te Im­mo­bi­li­en­mo­gul Ste­ven Wit­koff, ein gu­ter Freund des Prä­si­den­ten, der sagt, dass Trump kei­nen Han­dels­krieg will und es ihm „im Her­zen um ei­ne bes­se­re und fai­re­re Welt geht“. Aber es könn­te durch­aus sein, dass Chi­en Chung Pei, der Vor­sit­zen­de des Chi­na In­sti­tu­te, recht be­hal­ten wird. Und die gan­ze Sa­che schluss­end­lich gar nicht dra­ma­tisch en­den wird.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.