AN­NA S.

Die Presse am Sonntag - - Eco -

Die 31-Jäh­ri­ge sieht die Sank­tio­nen­kri­se prag­ma­tisch. wöhnt. Ein paar Pro­zent­punk­te auf und ab kann nie­man­den mehr er­schre­cken. Die Ab­wer­tung spürt so­wie­so nur ei­ne Min­der­heit der Rus­sen – die Be­völ­ke­rungs­schicht, die sich et­wa Aus­lands­rei­sen leis­ten kann. Denn die wer­den nun teu­rer.

An­na Ser­ge­je­w­na, 31, ist so ein Bei­spiel. Sie ar­bei­tet für ei­ne Kos­me­tik­fir­ma und ist häu­fig in Eu­ro­pa und in Asi­en un­ter­wegs. Doch be­un­ru­higt ist sie nicht – vo­r­erst. „Ich ver­traue auf die Re­gu­lie­rung der Kri­se durch die Re­gie­rung“, sagt sie. Und die Füh­rung be­ru­higt. No­ten­bank­che­fin El­wira Na­bi­ul­li­na er­klär­te die­se Wo­che, die Fi­nanz­sta­bi­li­tät des Lan­des sei nicht in Ge­fahr. Kein Mit­leid. So­lan­ge west­li­che Kon­sum­pro­duk­te nicht emp­find­lich teu­rer wür­den, be­tref­fe der Ein­bruch sie per­sön­lich nicht, er­klärt Ser­ge­je­w­na. Und die Ver­lus­te der Olig­ar­chen? Nein, Mit­leid mit den ein­fluss­rei­chen Män­nern ha­be sie kei­nes. „So ist das nun ein­mal im Ge­schäfts­le­ben. Man ver­liert eben hin und wie­der“, sagt Ser­ge­je­w­na. „Mal bei Ge­schäf­ten, mal bei Kurs­ver­lus­ten.“Sie selbst ver­fol­ge die Kurs­schwan­kun­gen nicht. „Ich ha­be nicht ein­mal ei­nen Fern­se­her“, sagt die 31-Jäh­ri­ge. „Ich le­se Bü­cher und ge­he in Aus­stel­lun­gen.“

Wäh­rend Ser­ge­je­w­na ei­nen prag­ma­ti­schen Stand­punkt ver­tritt, wer­den in der ge­gen­wär­ti­gen Kri­se auch pa­trio­ti­sche Ein­stel­lun­gen be­dient. Die gro­ße Bou­le­vard­zei­tung „Kom­so­mols­ka­ja Praw­da“üb­te sich die­se Wo­che im kämp­fe­ri­schen Zweck­op­ti­mis­mus: „Der Ru­bel beugt sich un­ter den Sank­tio­nen, aber er er­gibt sich nicht.“In der auf­ge­heiz­ten Ost-West-Stim­mung wird von vie­len die Ent­schei­dung der Ame­ri­ka­ner als Maß­nah­me wahr­ge­nom­men, die Russ­land und sei­ne Be­völ­ke­rung in die Knie zwin­gen soll.

Gleich­zei­tig herr­scht auch ein Be­wusst­sein da­rüber, dass vie­le Pro­ble­me im heu­ti­gen Russ­land haus­ge­macht sind. Im­mer mehr Men­schen kön­nen sich im­mer we­ni­ger leis­ten. Die Re­al­ein­kom­men sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­sun­ken. Auch die Ar­men wer­den mehr. Mehr als 20 Mil­lio­nen Rus- sen leben un­ter der Ar­muts­gren­ze. Dass die Zah­len al­les an­de­re als gut sind, muss­te zu­letzt auch Re­gie­rungs­chef Dmi­tri Med­wed­jew vor den Ab­ge­ord­ne­ten der Staats-Du­ma ein­ge­ste­hen. Er nann­te die Ar­mut das „schwie­rigs­te Pro­blem im heu­ti­gen Russ­land“und die bis­he­ri­gen Schrit­te „nicht aus­rei­chend“.

Der 60-jäh­ri­ge Alek Mich­ailo­witsch ist in sei­ner Mei­nung ge­spal­ten. Ei­ner­seits in­ter­pre­tiert er die Sank­ti­ons­po­li­tik der USA als „Ver­such, uns in die Knie zu zwin­gen“, an­de­rer­seits kri­ti­siert er das Un­ver­mö­gen der rus­si­schen Füh­rung, die Le­bens­be­din­gun­gen der Be­völ­ke­rung zu ver­bes­sern. „Wir ha­ben kei­nen rich­ti­gen Haus­her­ren“, er­klärt der Fah­rer in Je­ans­mon­tur und kommt zu ei­nem ori­gi­nel­len Schluss: „Wir bräuch­ten ei­nen Schwe­den oder ei­nen Deut­schen als Prä­si- den­ten.“Doch war nicht Wla­di­mir Pu­tin im Wahl­kampf mit dem Ver­spre­chen an­ge­tre­ten, wei­ter­hin ein „star­ker Prä­si­dent“sein zu wol­len? Mich­ailo­witsch rä­so­niert: „Was be­deu­tet Stär­ke? Dass die Men­schen gut leben oder dass wir Bom­ben ha­ben, die je­der­zeit in un­se­rer Ta­sche ex­plo­die­ren kön­nen?“

Die Füh­rung ach­te zu we­nig auf das Wohl­er­ge­hen der ein­fa­chen Rus­sen, kri­ti­siert der Mann. Sei­ne Toch­ter müs­se et­wa mit ei­nem Mo­nats­ge­halt von um­ge­rech­net 250 Dol­lar aus­kom­men. „Wie soll man da­von leben kön­nen und gar ei­ne Ma­ni­kü­re be­zah­len?“Ein Es­sen in ei­nem der nicht be­son­ders ele­gan­ten Re­stau­rants im Ein­kaufs­zen­trum Eu­ro­pa für zwei Per­so­nen kos­tet um­ge­rech­net 40 Eu­ro, von den eu­ro­päi­schen Prei­sen für Be­klei­dung ganz zu schwei­gen. Für Mich­ailo­witsch, der sich noch gut an die schwie­ri­gen Neun­zi­ger er­in­nern kann, sind die Olig­ar­chen ein Feind­bild. Dass sie die rus­si­sche Wirt­schaft do­mi­nie- ren, ist für ihn ei­ne his­to­ri­sche Un­ge­rech­tig­keit. Denn sie hät­ten in der Trans­for­ma­ti­ons­zeit das Geld der Men­schen ge­stoh­len. „Un­ser Geld“, wie der 60-Jäh­ri­ge ernst sagt. Un­po­pu­lä­re Ge­gen­s­ank­tio­nen. Die rus­si­sche Re­gie­rung hat in­des Hilfs­maß­nah­men für die be­trof­fe­nen Fir­men an­ge­kün­digt. Die Vor­schlä­ge rei­chen von der Ein­rich­tung von Off-Sho­re-Zo­nen in Ka­li­nin­grad und auf der fern­öst­li­chen In­sel Russ­kij bis hin zu Straf­maß­nah­men ge­gen ame­ri­ka­ni­sche Pro­duk­te. So hat die Staats-Du­ma am Frei­tag ei­nen Ge­set­zes­ent­wurf an­ge­kün­digt, der Ein­schrän­kun­gen oder Ver­bo­te für Gü­ter wie Al­ko­hol, Ta­bak, Agrar­pro­duk­te, Me­di­ka­men­te bis hin zu Ra­ke­ten­tech­no­lo­gie er­lau­ben wür­de. Er soll nächs­te Wo­che im Plenum de­bat­tiert wer­den.

Nach In­for­ma­tio­nen des Zolls im­por­tier­te Russ­land im Vor­jahr Gü­ter im Wert von 12,5 Mil­li­ar­den Dol­lar aus den USA. Ein­fuhr­sper­ren wür­den aber nicht nur ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men tref­fen, son­dern auch rus­si­sche Kon­su­men­ten, die heu­te selbst­ver­ständ­lich US-Pro­duk­te nut­zen. Der Kreml muss da­her ab­wä­gen. Denn Ge­gen­s­ank­tio­nen, die als Re­ak­ti­on auf die EU-Sank­tio­nen er­las­sen wur­den und die Ein­fuhr von eu­ro­päi­schen Fleisch- und Milch­pro­duk­ten ver­bie­ten, sind heu­te nicht be­son­ders po­pu­lär un­ter der rus­si­schen Be­völ­ke­rung.

»Wie soll man mit um­ge­rech­net 250 Dol­lar im Mo­nat aus­kom­men?«

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