Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON MAR­TIN KUG­LER

Der Qu­eck­sil­ber­ge­halt in der Um­welt ist stark er­höht – ein Er­be un­se­rer Ge­schich­te, das wir noch lan­ge mit uns her­um­schlep­pen wer­den.

Qu­eck­sil­ber ist ein be­son­de­rer Stoff: Es ist das ein­zi­ge Me­tall (und ne­ben Brom das ein­zi­ge che­mi­sche Ele­ment), das bei Um­ge­bungs­be­din­gun­gen flüs­sig ist. Da­mit hängt auch sein Na­me zu­sam­men: Die ers­te Sil­be kommt vom alt­germa­ni­schen kwikw (keck), ver­wandt mit quick(-le­ben­dig). Qu­eck­sil­ber be­deu­tet al­so „be­weg­tes Sil­ber“. Der für ein Schwer­me­tall ein­zig­ar­ti­ge Ag­gre­gat­zu­stand ist gleich­zei­tig auch das gro­ße Pro­blem: Qu­eck­sil­ber ver­dampft leicht und ist beim Ein­at­men hoch­gif­tig. Glei­ches gilt in der Form als Me­thyl-Qu­eck­sil­ber, das von Bak­te­ri­en er­zeugt wird und Le­bens­mit­tel wie z. B. Fisch ver­gif­tet (Mi­n­a­ma­ta-Krank­heit).

Wie bei der gro­ßen Geo­lo­gen­ta­gung EGU die­se Wo­che in Wi­en be­kannt ge­ge­ben wur­de, ent­hält die At­mo­sphä­re heu­te 5,5-mal so viel Qu­eck­sil­ber, als dies na­tür­li­cher­wei­se durch die Gesteins­ver­wit­te­rung der Fall wä­re. Der größ­te Teil da­von lan­det in den Mee­ren, de­ren ober­flä­chen­na­he Schich­ten ei­nen um 230 Pro­zent er­höh­ten Qu­eck­sil­ber­ge­halt auf­wei­sen. Da­für gibt es zwei Grün­de: Qu­eck­sil­ber wird beim Ver­hei­zen von Koh­le (die Qu­eck­sil­ber­spu­ren ent­hält) frei. In der Mensch­heits­ge­schich­te noch be­deut­sa­mer ist, dass Qu­eck­sil­ber im gro­ßen Stil als Lö­sungs­mit­tel beim Gold- und Sil­be­r­ab­bau ein­ge­setzt wur­de – vor al­lem in Süd­ame­ri­ka von den spa­ni­schen Kon­quis­ta­do­ren. Da­für wur­den gro­ße Men­gen Qu­eck­sil­ber aus Mi­ne­ra­li­en wie et­wa Zin­no­ber ge­won­nen, nach Ge­brauch brei­te­te sich der Me­tall­dampf über die gan­ze Welt aus. Und das spü­ren wir bis heu­te: Zwei Drit­tel des An­stiegs der Qu­eck­sil­ber­men­ge im Meer ist auf Emis­sio­nen von vor mehr als 100 Jah­ren zu­rück­zu­füh­ren.

Heu­te gibt es mit dem Borax-Ver­fah­ren zwar ei­ne um­welt­freund­li­che­re Form der Gold­ge­win­nung, doch auch das al­te Amal­gam­ver­fah­ren ist man­cher­orts im­mer noch ge­bräuch­lich. Apro­pos Amal­gam: Die Qu­eck­sil­ber­men­gen, die durch Zahn­plom­ben frei wer­den, sind mit 0,2 Pro­zent der Ge­sam­te­mis­sio­nen ver­nach­läs­sig­bar.

Durch die auf UN-Ebe­ne be­schlos­se­ne Mi­n­a­ma­ta-Kon­ven­ti­on, die im Herbst 2017 in Kraft trat, sol­len nun die welt­wei­ten Qu­eck­sil­ber-Emis­sio­nen ge­senkt wer­den. Bis sich das auf die Um­welt­ver­schmut­zung aus­wirkt, wird aber noch viel Zeit ver­ge­hen, wie ei­ne an­de­re beim EGU-Kon­gress prä­sen­tier­te Stu­die zeigt: Ob­wohl Qu­eck­sil­ber in Skan­di­na­vi­en schon seit zehn Jah­ren ver­bo­ten ist, ist der Ge­halt in Fi­schen aus schwe­di­schen und nor­we­gi­schen Se­en bis­her nicht ge­sun­ken.

Die­ses gif­ti­ge Er­be un­se­rer Vor­fah­ren wer­den wir al­so noch län­ger mit uns her­um­schlep­pen. Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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