Gol­den Spi­ke, wo­hin?

Viel deu­tet dar­auf­hin, dass wir in ei­nem neu­en, von uns ge­mach­ten Zeit­al­ter leben, dem An­thro­po­zän. Aber wann es be­gann, ist un­klar und um­strit­ten.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Am 20. Au­gust 2011 wur­de in 1760 Me­tern See­hö­he am Ku­h­joch im Kar­wen­del et­was in die Wand ge­trie­ben, was im Na­men leicht über­treibt, ein Gol­den Spi­ke. Aus Gold sind sol­che Nä­gel nicht, son­dern aus Kup­fer, sie ha­ben aber ho­he sym­bo­li­sche Be­deu­tung, je­der steht für ein Erd­zeit­al­ter. Von die­sen Mar­kern gibt es der­zeit 65, über die hal­be Er­de ver­teilt, fast al­le sit­zen in al­ten Se­di­men­ten, der am Ku­h­joch tut es auch, er mar­kiert das Hett­an­gi­an, es kam vor 201,36 Mil­lio­nen Jah­ren und war der Auf­takt des Ju­ra, in dem das Leben sich vom Mas­senster­ben am En­de des Tri­as er­hol­te.

De­fi­niert sind die Über­gän­ge durch Pa­ra­me­ter der Phy­sik und Che­mie, be­zeugt wer­den sie meist von Bio­lo­gie, beim Hett­an­gi­an von ei­nem Am­mo­ni­ten, Psi­lo­ce­ras spelae ti­ro­li­cum. Kei­ne Fos­si­li­en hin­ge­gen gibt es rund um den Gol­den Spi­ke, der das bis­her letz­te Zeit­al­ter mar­kiert. Er wur­de in ei­nem Bohr­loch im grön­län­di­schen Eis plat­ziert, in 1492,45 Me­tern Tie­fe, dort hat­te sich u. a. an Sau­er­stof­f­iso­to­pen ge­zeigt, dass die letz­te Eis­zeit vor 11.784 Jah­ren zu En­de war, das Ho­lo­zän brach an, in ihm leben wir.

Oder nicht (mehr)? Seit ge­rau­mer Zeit baut nicht nur die Na­tur die Er­de um, ihr ist so mäch­ti­ge Kon­kur­renz er­wach­sen, dass es sie kaum mehr gibt, auch nicht dort, wo der Blick aus der Fer­ne und Mo­der­ne sie gern ima­gi­niert: „Tro­pi­sche Re­gen­wäl­der sind seit min­des­ten 45.000 Jah­ren von Men­schen ma­ni­pu­liert wor­den.“Zu dem Be­fund kommt die bis­her letz­te Bi­lanz, Patrick Ro­berts (Je­na) hat sie ge­zo­gen (Na­tu­re Plants 2017.93): Die ers­ten Spu­ren sind in Süd­ost­asi­en, aber der Um­bau kam frü­her oder spä­ter über­all, vor 2600 Jah­ren et­wa in Zen­tral­afri­ka, dort wi­chen Wäl­der Sa­van­nen. Lan­ge wur­de da­rüber ge­strit­ten, ob das Kli­ma da­hin­ter stand oder ob es die Ba­ntu wa­ren, die mit ih­ren Her­den – und ih­rer auch holz­fres­sen­den Me­tall­ur­gie – ein­ge­wan­dert wa­ren.

Auf die deu­te­te eben Yan­nick Gar­cin (Pots­dam), er hat ar­chäo­lo­gi­sche Zeug­nis­se und Kli­ma­mar­ker ab­ge­gli­chen, bei Letz­te­ren fand er kei­ner­lei Ve­rän­de­rung: „Die Men­schen grif­fen mas­siv in das Öko­sys­tem ein“(Pnas, 16. 3.). Da­mit ist der Streit wohl nicht be­en­det, aber er ist ein Nach­hut­ge­fecht, die prin­zi­pi­el­le Ent­schei­dung fiel im Vor­jahr: Ist und war Ama­zo­ni­en Ur­wald, oder war es, bis die Kon­quis­ta­do­ren ka­men, dicht be­sie­del­te Kul­tur­land­schaft? Da­rüber wur­den schier end­lo­se „Ama­zon Archaeo­lo­gi­cal Wars“ge­führt, dann zeig­te Ca­ro­li­ne Le­vis (Wa­ge­nin­gen), dass der Wald einst an vie­len Stel­len ge­ro­det und an an­de­ren so ver­än­dert wor­den war – durch das Pflan­zen von Pal­men et­wa –, dass man es heu­te noch sieht (Sci­ence 325, S. 925). In Zah­len ge­fasst wur­de das ge­ra­de durch Jo­nas Gre­go­rio de Sou­za (Exe­ter), der an ei­nem 1800 Ki­lo­me­ter lan­gen Strei­fen am Süd­rand Ama­zo­ni­ens Spu­ren von bis zu ei­ner Mil­li­on Men­schen ge­fun­den hat, die nach dem Ein­tref­fen der Spa­nier ver­schwan­den (Na­tu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons 17. 3.). Agri­kul­tur? In­dus­trie? Der Um­bau be­gann al­so früh, aber wann hat­te der Mensch sich die Er­de so un­ter­tan ge­macht, dass ihr wei­te­res Er­ge­hen in sei­ner Hand lag? Mit den ers­ten Ein­grif­fen in die Wäl­der? Oder mit de­nen in die Geo­lo­gie, sie ka­men vor 12.800 Jah­ren in Is­rael, als die Ero­si­on der Bö­den durch die Land­wirt­schaft be­schleu­nigt wur­de (Glo­bal and Pla­ne­ta­ry Chan­ge 152, S. 199)? Oder mit ers­ten Ein­grif­fen ins Kli­ma, durch groß­flä­chi­ge Ab­hol­zun­gen für die Agri­kul­tur vor 7000 Jah­ren, wie Kli­ma­to­lo­ge Wil­li­am Rud­di­man (Uni­ver­si­ty of Vir­gi­nia) ver­mu­te­te (Qua­tern­ary Sci­ence Re­views, 27, S. 1410)? Oder mit frü­her In­dus­trie, der Me­tall­ver­hüt­tung der Rö­mer et­wa, die von Micha­el Wag­reich (Uni Wi­en) und Erich Dra­ga­nits (Bo­ku Wi­en) ge­ra­de ins Spiel ge­bracht wur­de (The An­thro­po­ce­ne Re­view 8. 3.)?

Oder be­gann al­les mit der Glo­ba­li­sie­rung, um 1610, als die Al­te und die Neue Welt so ver­floch­ten wa­ren, dass über­all die glei­chen Nutz­pflan­zen und -tie­re nähr­ten (Na­tu­re 519, S. 171)? Das schlug Mark Mas­lin vor, Geo­graf am Uni­ver­si­ty Col­le­ge Lon­don: Vie­le Wis­sen­schaf­ten wür­den den Gol­den Spi­ke gern mit ih­rem Na­men ver­bin­den, nur ei­ne Pro­fes­si­on sperr­te sich lan­ge, die der Geo­lo­gen. Und die bzw. ih­re Schicht­kund­ler sind zu­stän­dig für die Ord­nung der Zeit, ih­re In­ter­na­tio­nal Com­mis­si­on on Stra­ti­gra­phy (ICS) be­fin­det da­rüber. Und der reicht für ein neu­es Zeit­al­ter die ei­ne oder an- de­re re­gio­na­le Än­de­rung nicht, sie will rund um die Er­de das glei­che Si­gnal, am bes­ten so ei­nes, wie es der As­te­ro­id, der vor 65 Mil­lio­nen Jah­ren den Sau­ri­ern den Gar­aus mach­te, ver­brei­te­te: ei­ne Schicht aus Iri­di­um.

Ha­ben wir für die von uns ein­ge­läu­te­te Zeit Ver­gleich­ba­res zu bie­ten? Viel­leicht soll­te der Gol­den Spi­ke nach Los Ala­mos, wo am 16. Ju­li 1945 die ers­te Atom­bom­be ge­zün­det wur­de, die mit all den fol­gen­den ra­dio­ak­ti­ven Fall­out be­scher­te, der ist über­all, und er bleibt lang, ewig al­ler­dings nicht. Vie­le plä­die­ren trotz­dem da­für, auch At­mo­sphä­ren­che­mi­ker Paul Crut­zen tut es, der an­no 2000 den Be­griff An­thro­po­zän po­pu­lär mach­te und spä­ter des­sen zen­tra­le Pha­se im De­tail be­schrieb, die der „gro­ßen Be­schleu­ni­gung“(Phil. Trans. Roy. Soc. 369, S. 842): „Je­der In­di­ka­tor mensch­li­cher Ak­ti­vi­tät zeigt um 1950 ei­nen star­ken An­stieg. Die Be­völ­ke­rung wuchs in nur 50 Jah­ren von drei auf sechs Mil­li­ar­den, bei der Öko­no- mie war es noch dra­ma­ti­scher, es gab ei­nen An­stieg um das 15-Fa­che“. Al­le Kur­ven schos­sen hoch, die der Au­tos von 40 Mil­lio­nen auf 700, die der McDo­nalds-Fi­lia­len von Null auf 30.000.

Das ver­an­lass­te Spaß­vö­gel, Kro­nen­kor­ken als glo­ba­le Mar­ker vor­zu­schla­gen, oder Colaf­la­schen, Ernst­haf­te­re setz­ten et­wa auf Be­ton, Vor­schlä­ge ka­men von al­len Seiten. 2009 re­agier­te die ICS und lud Ver­tre­ter der an­de­ren Wis­sen­schaf­ten ein in die „Wor­king Group on ,An­thro­po­ce­ne‘“, WGA. Die zer­bricht seit­dem ih­re 25 Köp­fe – der von Crut­zen ist da­bei, der von Wag­reich auch –, die end­gül­ti­ge Emp­feh­lung soll 2019/2020 vor­lie­gen. All­zu zu­ver­sicht­lich war man im letz­ten Be­richt im Herbst des Vor­jahrs al­ler­dings nicht (An­thro­po­ce­ne 19, S. 55): „Es gibt kei­ne Ga­ran­tie, dass der Vor­schlag ak­zep­tiert wird. Aber wie im­mer die­ser Pro­zess en­det, es ist klar, dass die Men­schen ei­ne un­lösch­ba­re Mar­ke in den Pla­ne­ten ge­prägt ha­ben.“Ob die nun ir­gend­wo auch ver­gol­det wird oder nicht.

Post­skript: Mehr zum The­ma bie­tet ei­ne Po­di­ums­dis­kus­si­on am 17. 4. um 19 Uhr im Wie­ner Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­um, mit da­bei ist Wag­reich, er hält auch den Er­öff­nungs­vor­trag.

Be­gann es mit dem Um­bau der Wäl­der, dem der Geo­lo­gie oder dem des Kli­mas? Wird es durch Colaf­la­schen mar­kiert oder Be­ton oder den Fall­out der Atom­bom­ben?

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