Wo­chen der Wahr­heit

Nur der Welt­rang­lis­ten­ers­te Ra­fa­el Na­dal hat in den kom­men­den zwei Mo­na­ten bis zu den French Open mehr Punk­te zu ver­tei­di­gen als Do­mi­nic Thiem. An­de­ren Spie­lern wie Juan Mart´ın del Po­tro bie­tet die Sand­platz­sai­son ei­ne gro­ße Chance.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON CHRIS­TOPH GASTINGER

Wenn heu­te, Sonn­tag, in Mon­te Car­lo die Sand­platz­sai­son of­fi­zi­ell er­öff­net wird, dann rei­ben sich Ten­nis­ro­man­ti­ker Hän­de und Au­gen. Nach Tur­nie­ren in Aus­tra­li­en, Süd­ame­ri­ka und den USA ma­chen die Stars der ATP Tour für ei­ni­ge Wo­chen in Eu­ro­pa Sta­ti­on, der Start­schuss zur Sand­platz­tour­nee fällt tra­di­tio­nell im Mon­te Car­lo Coun­try Club. Auf der 1928 er­rich­te­ten An­la­ge fin­den sich 21 Sand­plät­ze und, für Trai­nings­zwe­cke, auch zwei Hart­plät­ze. Der Pa­ri­ser Ar­chi­tekt Charles An­toi­ne Le­tros­ne dürf­te vom Kom­plex vor 90 Jah­ren ge­nau­so ge­schwärmt ha­ben wie es Spie­ler und Fans heu­te noch tun. Der Court Rai­nier III, nur ei­nen St­ein­wurf vom Li­gu­ri­schen Meer ent­fernt, gilt für vie­le als der schöns­te Cen­ter Court der Welt. Re­gent aus Mallor­ca. Ra­fa­el Na­dal nennt den Court Rai­nier III sein Wohn­zim­mer, wo­bei der Spa­nier an­ge­sichts sei­ner aus­ufern­den Er­fol­ge auf Sand meh­re­re sol­cher Wohn­zim­mer be­sitzt. Zehn Mal hat Na­dal im Fürs­ten­tum ge­won­nen, und auch heu­er führt der Ti­tel in Mon­te Car­lo ganz oh­ne Zwei­fel über die kraft­vol­len Schlä­ge des Links­hän­ders. Na­dal liebt die nun an­ste­hen­de Tur­nier­se­rie, gin­ge es nach dem 31-Jäh­ri­gen, könn­te das gan­ze Jahr auf ro­ter Asche ge­spielt wer­den. Na­dal sehnt sich nach Sie­gen, nun um­so mehr, weil sein Kör­per 2018 wie schon so oft streik­te. Bei den Aus­tra­li­an Open im Jän­ner ver­ließ er un­ter Trä­nen den Platz, ei­ne Ver­let­zung am rech­ten Hüft­beu­ger hat­te ihn folg­lich rund zehn Wo­chen pau­sie­ren las­sen. Erst ver­gan­ge­ne Wo­che kehr­te der 31-Jäh­ri­ge beim Da­vis­cup-Vier­tel­fi­na­le auf Sand ge­gen Deutsch­land zu­rück. Mü­he­lo­se Sie­ge ge­gen Alex­an­der Zverev und Phil­ipp Kohl­schrei­ber las­sen ver­mu­ten, dass er die tur­nier­freie Zeit sinn­voll ge­nutzt hat.

Doch auf Na­dal las­tet zwischen April und Ju­ni stets auch im­men­ser Druck. Kein an­de­rer Spie­ler hat im Vor­jahr mehr Punk­te (4680) wäh­rend der eu­ro­päi­schen Sand­platz­sai­son ge­holt als der Ibe­rer, bei nur fünf (!) Tur­nie­ren (Mon­te Car­lo, Bar­ce­lo­na, Ma­drid, Rom, Ro­land Gar­ros) hol­te Na­dal ins­ge­samt 53 Pro­zent sei­ner Ge­samt­punk­te (sie­he Gra­fik). Ver­an­schau­licht wird die Do­mi­nanz 2017 durch die Tat­sa­che, dass Na­dal nur ein ein­zi­ges Match ver­lo­ren hat: Ge­gen Do­mi­nic Thiem im Vier­tel­fi­na­le von Rom.

Ös­ter­reichs Aus­hän­ge­schild wird auf Asche seit Jah­ren hoch ge­han­delt und gilt als ers­ter An­wär­ter auf den Thron Na­dals, so­fern die­ser ihn in den nächs­ten Jah­ren über­haupt räu­men soll­te. Thiem hat im Früh­jahr 2017 zwar kein Tur­nier ge­won­nen, für den Schütz­ling von Gün­ter Bres­nik steht bis zu den French Open in Pa­ris ver­hält­nis­mä­ßig aber so­gar noch mehr auf dem Spiel. Der Welt­rang­lis­ten­sie­ben­te hat in den kom­men­den Wo­chen 56 Pro­zent sei­ner Punk­te zu ver­tei­di­gen.

Bei ei­nem au­ßer­ge­wöhn­lich schlech­ten Ab­schnei­den könn­te der Lich­ten­wör­ther aus den Top 20 der Welt­rang­lis­te fal­len. Über sein ak­tu­el­les Leis­tungs­ver­mö­gen herr­scht Rät­sel­ra­ten, Mon­te Car­lo soll Klar­heit brin­gen. Ei­ne in In­dian Wells er­lit­te­ne Knö­chel­ver­let­zung hat­te den 24-Jäh­ri­gen zu Ab­sa­gen in Mia­mi und für den Da­vis­cup ge­zwun­gen, seit zwei Wo­chen steht Thiem wie­der im Trai­ning.

Ge­toppt wird der pro­zen­tu­el­le An­teil der zu ver­tei­di­gen­den Sand­platz­punk­te nur durch No­vak Djo­ko­vic´ (64 Pro­zent) und Stan Wa­wrin­ka (91 Pro­zent), doch hin­ter de­ren Ver­fas­sung steht auch ein gro­ßes Fra­ge­zei­chen. Djo­ko­vic´ ir­ri­tier­te zu­letzt mit Nie­der­la­gen ge­gen Spie­ler, die ihn in der Ver­gan­gen­heit vor kei­ner­lei Pro­ble­me ge­stellt hät­ten. Die per­sön­li­che Tal­fahrt jährt sich bald zum zwei­ten Mal, seit dem French-Open-Sieg 2016 be­fin­det sich der ehe­ma­li­ge Welt­rang­lis­ten­ers­te und ak­tu­el­le 13. in ei­nem Di­lem­ma. Auf­grund von Dif­fe­ren­zen gab Djo­ko­vic´ vor zwei Wo­chen die Tren­nung von Trai­ner And­re Agas­si be­kannt, „viel zu oft“sei man un­ter­schied­li­cher An­sicht ge­we­sen, er­klär­te der US-Ame­ri­ka­ner.

Djo­ko­vics´ Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit auf dem Court soll nun von sei­nem frü­he­ren Lang­zeit­coach, Ma­ri­an Va­j­da, be­ho­ben wer­den. Es ist ein Hil­fe­schrei des spie­le­risch schon lan­ge nicht mehr wie­der­zu­er­ken­nen­den Ser­ben, der im­mer noch auf der Su­che nach sich selbst ist. Nach der Tren­nung von Bo­ris Be­cker En­de 2016 ent­ließ Djo­ko­vic´ ein

Der Druck auf Thiem ist groß: Er hat 56 Pro­zent sei­ner Ge­samt­punk­te zu ver­tei­di­gen. Ein ein­zi­ger Aus­rut­scher von Na­dal, und Ro­ger Fe­de­rer wird im Ur­laub die Num­mer 1.

hal­bes Jahr spä­ter sei­nen ge­sam­ten Trai­ner­stab in­klu­si­ve Va­j­da und dem ös­ter­rei­chi­schen Fit­ness­coach Geb­hard Gritsch. Die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Spa­nier Pe­pe Imaz, ei­ne Art Gu­ru, wur­de von vie­len Seiten kri­tisch be­äugt. Ver­läuft die Sand­platz­sai­son für Djo­ko­vic´ nicht nach Wunsch, droht so­gar ein Rück­fall au­ßer­halb der Top 60. Die gro­ße Chance. Doch längst nicht al­le Top-Spie­ler ste­hen bis zu den French Open un­ter Druck, es gibt auch an­de­re Ex­tre­me. Juan Mart´ın del Po­tro zum Bei­spiel, der nach Ro­ger Fe­de­rer zweiter­folg­reichs­te Spie­ler des Jah­res, hat ma­ge­re 310 Punk­te (sechs Pro­zent) zu ver­tei­di­gen. Ein wei­te­rer Vor­stoß des Ar­gen­ti­ni­ers in der Welt­rang­lis­te von Platz sechs auf drei ist durch­aus wahr­schein­lich. Ähn­lich ver­hält es sich beim Bul­ga­ren Gri­gor Di­mitrow (ATP 5), der auf ei­ne mi­se­ra­ble Sand­platz­sai­son 2017 (200 Punk­te, vier Pro­zent) zu­rück­blickt und prak­tisch nur da­zu­ge­win­nen kann. Eben­falls gu­te Aus­sich­ten bie­ten sich Da­vid Goff­in ( ATP 10/24 Pro­zent), Die­go Schwart­z­man (ATP 15/18 Pro­zent) oder Hye­on Chung (ATP 19/17 Pro­zent).

Der größ­te Pro­fi­teur könn­te al­ler­dings je­mand sein, der ge­ra­de ur­laubt: Ro­ger Fe­de­rer. Der Schwei­zer ver­zich­tet wie in der Vor­sai­son auf den kom­plet­ten Sand­platz-Swing, kehrt erst in Stutt­gart auf Ra­sen zu­rück auf die Tour. Bei ei­nem ein­zi­gen Aus­rut­scher Na­dals wür­de Fe­de­rer kampf­los die Spit­zen­po­si­ti­on in der Welt­rang­lis­te über­neh­men. Der Vor­sprung des Spa­ni­ers be­trägt nur 100 Punk­te.

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