Ei­ne Le­bens­ge­schich­te im Lauf­schritt

Egal, ob Wi­en, Ha­van­na oder New York: Ruft ein Ma­ra­thon, ist Mar­tin Geics­nek flott un­ter­wegs. Er will an­de­re mo­ti­vie­ren, neue We­ge auf­zei­gen, er lebt seit 22 Jah­ren mit der Dia­gno­se Mul­ti­ple Sk­le­ro­se. Auf­ge­ben kommt für ihn nie in­fra­ge.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON MARKKU DATLER

Wi­en ist an­ders, doch ruft der jähr­li­che Ma­ra­thon, ist al­les schnell wie­der gleich. Dann lau­fen Dis­kus­sio­nen über die Dis­tanz von 42,195 Ki­lo­me­tern, den Stre­cken­ver­lauf am 22. April, die für Au­to­fah­rer stets un­vor­her­ge­se­he­nen, läs­tig-lei­di­gen Stra­ßen­sper­ren. Das Ziel vor dem Burg­thea­ter oder Fa­vo­ri­ten wie Welt­re­kord­hal­ter Den­nis Ki­me­to. Und trotz­dem, zwischen 42.000 Star­tern in al­len Be­wer­ben, den end­lo­sen Wei­ten der Haupt­al­lee, bleibt Wi­en an­ders. Denn es fin­den sich nicht nur Lauf-, son­dern stets auch be­we­gen­de Le­bens­ge­schich­ten. Wie die des 52-jäh­ri­gen ÖBB-Sys­tem­tech­ni­kers Mar­tin Geics­nek.

1996 wur­de er mit der Dia­gno­se Mul­ti­ple Sk­le­ro­se kon­fron­tiert. Zu­vor hat­te der Re­gio­nal­li­ga­fuß­bal­ler von Wr. Neu­stadt oft die Ko­or­di­na­ti­on ver­lo­ren. Ein­mal krib­bel­te sei­ne lin­ke Hand, ein­mal spür­te er sie gar nicht mehr. Wer an sei­nem 31. Ge­burts­tag von die­sen zwei Buch­sta­ben, MS, gna­den­los über­rollt wird, be­ginnt al­ler­dings län­ger nach­zu­den­ken. Über Leben, Sinn, Ver­lauf, Fa­mi­lie, Zu­kunft. Geics­nek sagt, die­ser Au­gen­blick sei ob sei­ner ge­sam­ten Trag­wei­te „für mich schreck­lich frus­trie­rend“ge­we­sen. Län­ger, här­ter, bes­ser. Mit dem Schick­sal zu ha­dern wä­re ei­ne nach­voll­zieh­ba­re Re­ak­ti­on ge­we­sen. Doch das lehnt der Fa­mi­li­en­mensch auch heu­te noch, „nach 22 Jah­ren mit MS und 25 Schü­ben“, ka­te­go­risch ab. Er leg­te sich auf ei­ne The­ra­pie (Co­pa­xo­ne) fest, klap­per­te mit sei­ner zwei­ten Frau die ent­le­gens­ten Ge­gen­den und

42.000 Star­ter

wer­den am 22. April beim VCM er­war­tet.

16. Start

Mar­tin Geics­nek ist seit 2000 da­bei. schöns­ten Städ­te die­ser Welt ab. Das Leben ging wei­ter. Und, um tun­lichst selbst in Be­we­gung zu blei­ben, be­gann er ent­ge­gen al­len Ein­wän­den des Neu­ro­lo­gen zu lau­fen. „Ma­ra­thon, das soll­te es sein“, schil­dert er mit leuch­ten­den Au­gen. Er woll­te es sich, Bes­ser­wis­sern, Freun­den, Fa­mi­lie, Kol­le­gen und die­sen zwei ver­flix­ten Buch­sta­ben zei­gen: Auf­ge­ben kommt nicht in­fra­ge. Zu­dem, da­von sei er über­zeugt, sei ex­tre­me Be­las­tung der Ge­sund­heit dien­lich, weil man so ge­gen die Au­to­im­mun­er­kran­kung eben auch an­kämp­fe. „Es mag ein­fäl­tig klin­gen, ja“, be­teu­ert er. Sei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Theo­rie wur­de jetzt durch ei­ne Schwei­zer Stu­die zu­min­dest erst­mals ge­stützt.

Seit­dem er läuft, füh­le er sich aber bes­ser. Al­so ist Geics­nek seit dem Jahr 2000 Stamm­gast in der Ma­ra­thon­sze­ne. Ob Wi­en, New York, Ha­van­na, Ber­lin oder Kili­man­dscha­ro, er ist ge­lau­fen. Ob Ul­tra­ma­ra­thon in Da­vos (100 Ki­lo­me­ter) oder sie­ben Mal Iron Man in Klagenfurt, „weil es Geist und Kör­per wis­sen woll­ten“: Er meis­ter­te wirk­lich je­de Dis­tanz. In­ten­si­ver, viel schö­ner. Dass sport­li­che An­stren­gung auf Dau­er den Schmerz dämp­fe, wie­der­holt er da­bei im­mer wie­der. In­ter­val­le lau­fen, ho­her Puls – da­von spricht er. Auch von Klei­nig­kei­ten, die ihm die Welt be­deu­ten, „wie der ge­mein­sa­me Lauf über die Zi­el­li­nie, Hand in Hand mit mei­ner Hel­ga“. Be­grif­fe wie Qu­al oder Angst ver­mei­det er, si­cher­lich hat er es schon viel zu oft ge­spürt. Geics­nek le­be seit 22 Jah­ren „viel in­ten­si­ver“, sagt er. Er ver­spürt die­se Freu­de („Ich ha­be Glück, dass ich nicht im Roll­stuhl sit­ze“) tief in sei­nem In­ners­ten. Er hilft an­de­ren, kann Tipps ge­ben, hält Vor­trä­ge. Und, er emp­fin­det „Be­wun­de­rung für je­den, der es bei ei­nem Ren­nen ins Ziel schafft – auch wenn es sechs St­un­den dau­ert. Das ist ein­fach su­per.“

Als Best­zeit nennt er voll Stolz 3:22 St­un­den. Dass er die­se Zeit we­der heu­te beim Test für das erst vor vier Wo­chen ope­rier­te Knie im Rah­men des Lin­zMa­ra­thons noch am 22. April in Wi­en er­rei­chen wird, fügt er trotz­dem hin­zu. Zu alt, lang­sa­mer, wohl auch et­was be­son­ne­ner. Dass er sich noch ein­mal drei Fin­ger bei der Ziel­kur­ve in Wi­en bricht, scheint al­so aus­ge­schlos­sen.

Linz sei heu­te je­den­falls sein 78. Ma­ra­thon, und sein Ziel sei es, in zwei Jah­ren den 100. Ma­ra­thon in Wi­en, „wo al­les für mich an­ge­fan­gen hat“, zu lau­fen. Das müs­se sich aus­ge­hen, sagt er mit et­was lei­se­rer Stim­me. MS kön­ne auch er nicht da­von­lau­fen. Das weiß er, vor al­lem dann, wenn er neue MRT-Auf­nah­men stu­diert. Mar­tin Geics­nek läuft trotz­dem un­auf­halt­sam wei­ter. Auf­ge­ben kommt für ihn ein­fach nicht in­fra­ge.

APA

Der Fo­to-Klas­si­ker: Mit dem Start des Wi­en-Ma­ra­thons setzt sich ei­ne Men­schen­schlan­ge in Be­we­gung.

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