Dok­tor Freud lässt grü­ßen

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Nach­bar­schafts­schnüf­fe­lei­en so­wie Es, Ich und Über-Ich ver­eint der is­rae­lische Au­tor Esh­kol Ne­vo in »Über uns« – freund­lich und ganz oh­ne Kü­chen­psy­cho­lo­gie. Kön­nen Sie sich noch dar­an er­in­nern, was Sie in der Schu­le über Sig­mund Freud ge­lernt ha­ben? Die Traum­deu­tung viel­leicht? Den Ödi­pus­kom­plex? Oder auch das Struk­tur­mo­dell der Psy­che mit Es, Ich und Über-Ich? Es zahlt sich aus, ver­schüt­te­tes (Halb-) Wis­sen wie­der her­vor­zu­kra­men – für das jüngs­te Buch des is­rae­lischen Schrift­stel­lers Esh­kol Ne­vo. Die­ser greift näm­lich auf Freud’sche Er­kennt­nis­se zu, um ei­nem Nach­bar­schafts­ro­man Leben ein­zu­hau­chen.

Ne­vo dürf­te ein Fai­b­le für den To­pos ha­ben: Schon in sei­nem Erst­ling, „Vier Häu­ser und ei­ne Sehn­sucht“, be­schrieb er die Be­zie­hun­gen von Nach­barn zu­ein­an­der. Jetzt, in „Über uns“, lässt er sich von Sig­mund Freud bei die­ser Auf­ga­be hel­fen – und ana­ly­siert die Be­woh­ner der drei Eta­gen ei­nes Wohn­hau­ses in Tel Aviv ar­chi­tek­to­nisch­psy­cho­lo­gisch. Un­ten wohnt der sex­be­ses­se­ne Fa­mi­li­en­va­ter, die Nach­ba­rin da­rüber ha­dert mit ei­nem in­kri­mi­nie­ren­den Brief, und die Frau ganz oben hat Schuld­ge­füh­le ih­rem to­ten Mann ge­gen­über. Es – Ich – Über-Ich eben.

Ei­ne un­ter­halt­sa­me Er­zähl­struk­tur (pro Stock­werk gibt es ein Ka­pi­tel), so­fern ei­nen die sehr wort­wört­li­che Freud-Aus­le­gung nicht auf die Pal­me bringt. Ne­vo gibt je­dem sei­ner drei Er­zäh­ler ei­ne ei­ge­ne Spra­che und ein an­de­res Tem­po und ur­teilt nicht über sie, was das Buch zu ei­ner reiz­vol­len Cha­rak­ter­stu­die wer­den lässt. In­halt­lich bleibt „Über uns“eher auf der leich­ten Seite, kommt aber gleich­zei­tig ganz oh­ne Kü­chen­psy­cho­lo­gie aus. Esh­kol Ne­vo: „Über uns“, ü. von Mar­kus Lem­ke, DTV, 320 S., 22,70 €

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