Po­ly­glot­te Kin­der: Vier

Fa­mi­li­en mit meh­re­ren Spra­chen sind nichts Exo­ti­sches mehr. Wie gut Kin­der die Spra­chen ler­nen, hängt aber von vie­len Fak­to­ren ab: dem Kind, der Zeit und dem Ein­satz der El­tern.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BER­NA­DET­TE BAYRHAMMER

Für Ni­na Ma­ger und ih­ren Part­ner Lau­rent La­tap­py war im­mer klar, dass je­der mit den Kin­dern sei­ne Mut­ter­spra­che spricht: Sie ist Ober­ös­ter­rei­che­rin, er kommt aus Pa­ris. „Al­les an­de­re wä­re für uns un­na­tür­lich“, sagt die 35-Jäh­ri­ge. Wenn al­le zu­sam­men sind, ist Fran­zö­sisch die Fa­mi­li­en­spra­che, dann kommt es auch vor, dass Ma­ger ein­mal Fran­zö­sisch mit den Kin­dern spricht. Im Kin­der­gar­ten ha­ben die Söh­ne Ma­noa (5 J.) und Ti­li­an (3 J.) da­für bis­her nur Deutsch ge­spro­chen. Et­was, das sich jetzt än­dern wird: Denn vor we­ni­gen Wo­chen ist die Fa­mi­lie von Ber­lin nach Bar­ce­lo­na ge­zo­gen. Und dort kom­men Spa­nisch und Ka­ta­la­nisch da­zu.

„Wir ha­ben uns vor­her schon vie­le Ge­dan­ken ge­macht, ob wir den Bu­ben das wirk­lich zu­mu­ten kön­nen“, sagt Ma­ger. Die zwei Spra­chen ha­ben bis­her gut funk­tio­niert. Ma­noa spricht zwar bes­ser Deutsch als Fran­zö­sisch, er ant­wor­tet dem Va­ter aber doch so gut wie im­mer auf Fran­zö­sisch – au­ßer, er ist mü­de, dann muss die Ma­ma her. „Bei zwei wei­te­ren Spra­chen über­legt man aber, ob das nicht zu viel ist“, sagt Ma­ger. Nach zahl­rei­chen Re­cher­chen, bei de­nen sie auch auf po­si­ti­ve Er­fah­run­gen an­de­rer El­tern ge­sto­ßen sind, ha­ben sie sich doch da­für ent­schie­den, den Um­zug zu wa­gen.

In der glo­ba­li­sier­ten Welt – mit Mi­gra­ti­on, in­ter­na­tio­na­ler Mo­bi­li­tät, mit Lie­be über Län­der­gren­zen – sind Fa­mi­li­en, in de­nen mehr als ei­ne Spra­che ge­spro­chen wird, kei­ne Ra­ri­tät. In vie­len Welt­ge­gen­den sind meh­re­re Spra­chen oh­ne­hin Usus. Man­che ge­hen da­von aus, dass mehr Men­schen auf der Welt mehr­spra­chig sind als es ein­spra­chi­ge gibt. Auch im Bur­gen­land oder Kärnten sind zwei Spra­chen hier­zu­lan­de ver­an­kert. Und im­mer öf­ter be­geg- net man auch in Ös­ter­reich – wo in­zwi­schen je­de fünf­te Ehe in­ter­na­tio­nal ist, je­der vier­te Schü­ler zu Hau­se ei­ne an­de­re Spra­che spricht als Deutsch – Fa­mi­li­en, in de­nen mehr als zwei Spra­chen prak­ti­ziert wer­den. Auch Wi­der­stand. „Drei Spra­chen sind über­haupt kein Exo­ti­kum mehr“, sagt Zwe­tel­i­na Or­te­ga. Die 38-Jäh­ri­ge muss es wis­sen: Sie be­rät mit Lin­gu­a­mul­ti in Wi­en El­tern und Päd­ago­gen zu Fra­gen der Mehr­spra­chig­keit – und ist selbst drei­spra­chig auf­ge­wach­sen. Fa­mi­li­en­spra­che war Bul­ga­risch, die Spra­che des Va­ters und des Lan­des, in dem Or­te­ga die ers­ten Le­bens­jah­re ver­brach­te. Ih­re Mut­ter, die mit Spa­nisch und Bul­ga­risch auf­ge­wach­sen war, hat mit den Kin­dern auch Spa­nisch ge­spro­chen. Und Deutsch hat Or­te­ga als Neun­jäh­ri­ge in Ös­ter­reich in der Schu­le ge­lernt. „Ich bin mei­nen El­tern sehr dank­bar, dass sie durch­ge­hal­ten ha­ben“, sagt sie. „Das war nicht ein­fach, weil sie von mir auch Wi­der­stand ge­ern­tet ha­ben. Mei­ne Lie­be zu Spa­nisch hat sich erst in der Pu­ber­tät ent­wi­ckelt.“

Jetzt ist sie um­so mehr da: Or­te­ga ist mit ei­nem Spa­nier ver­hei­ra­tet. Und sie er­zieht ih­re zwei Kin­der wie­der­um in den drei Spra­chen, in de­nen sie auf­ge­wach­sen ist: Ihr Mann spricht Spa- nisch mit den Kin­dern – das ist auch die Spra­che, die die El­tern zu Hau­se un­ter­ein­an­der spre­chen –, mit den Kin­dern spricht sie vor­wie­gend Bul­ga­risch. Und Deutsch ler­nen und spre­chen die Kin­der im Kin­der­gar­ten – und na­tür­lich zu­neh­mend auch an­ders­wo. Kein Kud­del­mud­del. Kann das ge­lin­gen, oh­ne ein rie­si­ges Kud­del­mud­del an­zu­rich­ten? Ja, sagt Na­ta­scha Mül­ler, die an der Uni Wup­per­tal zu mehr­spra­chi­ger Er­zie­hung und ak­tu­ell zu tri­lin­gua­len Kin­dern forscht. Die Me­tho­den, die sich, oh­ne sys­te­ma­tisch be­forscht wor­den zu sein, bei zwei­spra­chi­gen Kin­dern be­währt ha­ben – „ei­ne Per­son, ei­ne Spra­che“be­zie­hungs­wei­se „ei­ne Um­ge­bung, ei­ne Spra­che“– sto­ßen bei drei Spra­chen frei­lich an ih­re Gren­zen. Bei den drei­spra­chi­gen Kin­dern, die Mül­ler be­forscht, wer­den bei­de Me­tho­den ver­mischt. Es gibt dann zwei Spra­chen zu Hau­se und ei­ne aus der Um­ge­bung. Das kann funk­tio­nie­ren.

Bei Zwe­tel­i­na Or­te­ga ist es ge­nau das – Ma­maspra­che, Pa­pa­spra­che und die Spra­che im Kin­der­gar­ten. „Aber das ist nichts, was kei­ne Aus­nah­me er­laubt“, sagt sie. „Es ist klar, dass man mit dem Kind in der ge­mein­sa­men Spra­che spricht, wenn Freun­de zu Be­such sind. Wenn man sich da zu sehr ver­steift, macht man sich selbst zu viel Druck.“Bei Ma­ger und La­tap­py wird es wohl auch in die Rich­tung ge­hen – wie ge­nau, und wo dann ne­ben Deutsch und Fran­zö­sisch Spa­nisch und Ka­ta­la­nisch ver­or­tet sind, wird sich mit der Zeit her­aus­kris­tal­li­sie­ren.

Bei Na­ta­lie B. (34) und ih­rem Mann Sa­mer ist es ein biss­chen kom­pli­zier­ter. Na­ta­lie ist zwei­spra­chig in den USA auf­ge­wach­sen, die El­tern kom­men aus Ni­ca­ra­gua und Ecua­dor, ihr Mann ist Jor­da­ni­er und die Fa­mi­lie lebt in Wi­en. Die Fa­mi­li­en­spra­che ist Eng­lisch – das ist auch die Spra­che, in der die Ehe­leu­te mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, denn die je­weils an­de­re Spra­che spre­chen bei­de nicht gut ge­nug. Trotz­dem be­müht Na­ta­lie sich, mit Ser­gio (4 J.) und So­fia (1 J.) ne­ben Eng­lisch auch Spa­nisch zu spre­chen – ihr Mann Ara­bisch. In­zwi­schen ha­ben sie mit den Kin­dern mit­ge­lernt und ver­ste­hen, was der an­de­re sagt, manch­mal wird über­setzt.

„Ser­gi­os Lieb­lings­spra­che ist Eng­lisch“, sagt Na­ta­lie, das ist auch die, die er am bes­ten spricht. Nach zwei Jah­ren in ei­nem deutsch-eng­li­schen Kin­der­gar­ten be­sucht er in­zwi­schen ei­ne in­ter­na­tio­na­le Vor­schu­le, in der er auch Deutsch­un­ter­richt hat. Die bei­den an­de­ren Spra­chen ver­steht er – Ara­bisch spricht er ak­tiv et­wa beim Schla­fen­ge­hen mit Pa­pa, beim Spa­nisch­spre­chen ist er nicht ganz so en­thu­si­as­tisch – in Ni­ca­ra­gua, wo die Fa­mi­lie je­des Jahr ei­ni­ge Wo­chen ver­bringt, spricht er aber durch­aus. „Er hat in ver­schie­de­nen Si­tua­tio­nen Prä­fe­ren­zen für ver­schie­de­ne Spra­chen. Je­den­falls kann er in al­len vier Spra­chen kom­mu­ni­zie­ren – wenn auch auf un­ter­schied­li­chen Ni­veaus. Des­halb sind wir zu­ver­sicht­lich, dass es klap­pen kann.“Mit So­fia wol­len sich sie je­den­falls noch mehr be­mü­hen, ih­re je­wei­li­gen Spra­chen zu spre­chen. Vie­le Platz be­kommt ei­ne Spra­che. Ob es wirk­lich funk­tio­niert, dass ein Kind meh­re­re Spra­chen (gut) er­wirbt, hängt frei­lich von ei­ner gan­zen Rei­he von Fak­to­ren ab, sagt Si­mo­ne Pfen­nin­ger, Lin­gu­is­tin an der Uni Salz­burg: An­ge­fan­gen vom Kind über den Sprach­ge­brauch in der Fa­mi­lie, die Fra­ge, wie gut die El­tern spre­chen, wie vie­le Per­so­nen zur Ver­fü­gung ste­hen, wie oft wel­che Spra­chen ge­spro­chen wer­den und wie viel Platz sie im Ver­gleich zu an­de­ren ha­ben.

Und wie vie­le Spra­chen kön­nen es sein? „Ko­gni­tiv gibt es ei­gent­lich kei­ne Gren­ze – die Gren­zen wer­den durch die Um­stän­de ge­setzt“, ver­weist Pfen­nin­ger auf die obi­gen Fak­to­ren. Zu fas­sen ist das schwer. In der Li­te­ra­tur gibt es laut Mül­ler die An­nah­me, dass man min­des­tens 20 Pro­zent des täg­li­chen In­puts in ei­ner Spra­che ha­ben müs­se, um sie zu er­wer­ben. Pfen­nin­ger gibt zu be­den­ken, dass es letzt­lich auf die ab­so­lu­te Zeit für ei­ne Spra­che an­kom­me.

»Ich bin mei­nen El­tern sehr dank­bar, dass sie durch­ge­hal­ten ha­ben.« »Ko­gni­tiv gibt es ei­gent­lich kei­ne Gren­zen – die­se wer­den durch die Um­stän­de ge­setzt.«

Mül­ler: „Wir ver­mu­ten, dass die Men­ge re­le­vant ist, aber dass es noch wich­ti­ger ist, dass das Kind früh mit meh­re­ren Per­so­nen zu­sam­men­kommt, die die Nicht-Lan­des­spra­che spre­chen – nicht nur mit ei­ner ein­zi­gen Per­son.“

Bei der Um­ge­bungs­spra­che ist das der Fall. Da­her sieht Mül­ler – so­fern ein Kind gut in­te­griert wird, al­so et­wa viel Zeit im deutsch­spra­chi­gen Kin­der­gar­ten ver­bringt – je­den­falls bei der Um­ge­bungs­spra­che die oft ge­äu­ßer­te Ge­fahr nicht, dass ein mehr­spra­chi­ges Kind nur hal­be Spra­chen ler­ne. Bei den an­de­ren Spra­chen ist das heik­ler. Wie gut das klappt, hängt ne­ben der Men­ge des In­puts auch von der Qua­li­tät ab – al­so da­von, was El­tern und an­de­re Per-

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.