Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA STEINER

Am Teich füt­tert ei­ne al­te Frau die Tau­ben mit Brot­kru­men. Sie trägt grell­ro­ten Lip­pen­stift und ein blitz­blau­es Kleid. So kann man den Früh­ling auch be­grü­ßen. Ein Spa­zier­gang.

Wie schön! Wie ro­sa­rot vor him­mel­blau und wol­ken­weiß, ein Kirsch­baum. Im Stadt­park. Ich glaube im­mer­hin, dass es ei­ner ist: Viel­leicht auch, weil ein Dut­zend Ja­pa­ner ihn be­la­gern, sie fo­to­gra­fie­ren ein­an­der vor den weit­aus­la­den­den Äs­ten und ma­chen da­bei fröh­li­che Ge­sich­ter – Kirsch­blü­te in Wi­en! Nein, sowas.

Ja, Kirsch­blü­te in Wi­en, um­tost von Ver­kehr, hier der Ring, da der He­u­markt, mit­ten­drin ein klei­nes Pa­ra­dies, des­sen Wie­sen die Men­schen für sich er­obert ha­ben mit der ih­nen in­ne­woh­nen­den Zä­hig­keit und ih­rer Sehn­sucht nach ein biss­chen Gras un­ter den Ze­hen. Jun­ge Leu­te lun­gern da zwischen Gän­se­blüm­chen und be­grü­ßen ein­an­der mit Küss­chen, rund um sie her­um lie­gen die Fahr­rä­der auf der Er­de. Ein paar Frau­en ha­ben aus Bug­gies ei­ne Wa­gen­burg ge­baut, so büch­sen die Kin­der nicht so schnell aus: Ein Mäd­chen mit Zöp­fen isst Ap­fel­schnit­ze aus ei­ner Tup­per­ware-Do­se. Ich grin­se es an. Es schaut weg. Ich ge­he wei­ter.

Am Teich füt­tert ei­ne al­te Frau die Tau­ben mit Brot­kru­men, die von den sat­ten Stadt­park-En­ten ver­schmäht wur­den. Sie muss über 80 sein, trägt grell­ro­ten Lip­pen­stift und ein blitz­blau­es Kleid, so kann man den Früh­ling auch be­grü­ßen. Oder so: Ein klei­ner Bub brüllt. Er will ins Was­ser. Ja, ge­nau, mit So­cken und Schu­hen. Der Va­ter ver­sucht ihn ab­zu­len­ken. Nimmt ihn auf die Schul­tern. Wirft ihn in die Luft. Aber al­les hilft nichts, der klei­ne Kör­per streckt sich durch vor Em­pö­rung. War­um der Va­ter nicht ein­fach wei­ter­geht? Weil es da noch die Schwes­ter gibt. Die schmeißt glück­lich St­ein­chen um St­ein­chen in den Teich. Soll sie denn be­straft wer­den für den Zorn des Klei­nen? Graf­fi­ti auf der Brü­cke. Kin­der­er­zie­hung. Was für ein Di­lem­ma. Und das hört nie auf! Man muss nur dran den­ken, wie die Graf­fi­ti auf die Pfei­ler der Brü­cke ge­kom­men sind, die we­ni­ge Me­ter wei­ter über den Wi­en­fluss führt. Ei­ne wag­hal­si­ge Klet­te­rei. Toll­dreist. Da gehts doch me­ter­weit berg­ab und der Fluss führt nicht ge­nug Was­ser, um den Auf­prall zu dämp­fen. Aber wie kann man ver­hin­dern, dass Te­enager sich für un­sterb­lich hal­ten? Will man das über­haupt? Wir müs­sen froh sein, dass wir nicht im­mer wis­sen, wel­chen Ge­fah­ren sie ge­ra­de ent­ron­nen sind. Und wol­len sie doch be­schüt­zen, ach.

Aber da ist der Stadt­park schon zu En­de. Am Aus­gang, gleich bei der Blu­men­uhr, spielt Jo­hann Strauß sei­ne gül­de­ne Gei­ge. Ganz un­be­ach­tet und un­ge­knippst spielt er sie, die Tou­ris­ten igno­rie­ren ihn – und auch die bei­den Ver­käu­fer der Mo­zart­und Strauß-Kon­zer­te in ih­ren gel­ben Rö­cken. „Wer­den noch kau­fen“, spricht ei­ner dem an­de­ren in ge­bro­che­nem Deutsch Mut zu. Ja, sie wer­den noch kau­fen. Ein an­der­mal.

Heu­te scheint näm­lich die Son­ne.

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