Hel­den für ei­nen Tag

Cl­int East­wood ver­filmt in »The 15:17 to Pa­ris« ei­ne wah­re Ge­schich­te. Und be­setzt die Haupt­rol­len nicht mit Stars, son­dern mit den ech­ten »All Ame­ri­can He­roes«, die vor drei Jah­ren in Frank­reich ei­nen Ter­ror­an­schlag ver­hin­dert ha­ben.

Die Presse am Sonntag - - Menschen - VON GINI BREN­NER UND KURT ZECHNER

Am 21. Au­gust 2015 be­en­de­ten drei jun­ge US-Tou­ris­ten ei­nen Ter­ror­an­schlag auf ei­nen Hoch­ge­schwin­dig­keits­zug von Brüs­sel nach Pa­ris. Weil Cl­int East­wood für die Haupt­fi­gu­ren kei­ne pas­sen­den Schau­spie­ler fand, en­ga­gier­te er die ech­ten Prot­ago­nis­ten. Was Alek Scar­la­tos, Ant­ho­ny Sad­ler und Spen­cer Sto­ne an schau­spie­le­ri­scher Rou­ti­ne ver­mis­sen las­sen, ma­chen sie aber durch un­be­irr­ba­re Au­then­ti­zi­tät wett. Sie ha­ben wort­wört­lich ins An­ge­sicht des To­des ge­blickt. Was denkt man sich da? Spen­cer Sto­ne: Ich ha­be ge­se­hen, dass der At­ten­tä­ter ei­ne Schuss­waf­fe hat­te. Und dann sag­te Alek zu mir: „Greif ihn dir jetzt!“Ich kann ei­gent­lich nicht sa­gen, dass ich da sehr viel nach­ge­dacht ha­be. Ich wuss­te nur, dass das wahr­schein­lich un­se­re ein­zi­ge Ge­le­gen­heit sein wird, zu über­le­ben. Ant­ho­ny Sad­ler: Ich bin je­den Tag dank­bar da­für, am Leben zu sein. Und ich bin froh, dass wir die Ge­le­gen­heit hat­ten, un­se­re Ge­schich­te jetzt so de­tail­reich er­zäh­len zu kön­nen. Was möch­ten Sie denn, dass die Leu­te sich aus dem Film mit­neh­men? Sad­ler: Dass wir drei kei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­chen Men­schen sind. Das zeigt der Film sehr gut. Da­durch kön­nen sich die Men­schen mit uns iden­ti­fi­zie­ren, und viel­leicht schenkt es ih­nen das Selbst­ver­trau­en, dass sie auch Kri­sen­si­tua­tio­nen be­wäl­ti­gen kön­nen. Ich glaube fest, dass je­der Mensch zu au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ta­ten fä­hig ist. Sie ha­ben aber ei­ne mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung. Scar­la­tos: Ich glaube gar nicht, dass uns das so ge­hol­fen hat. Es ging ja al­les so schnell. Als al­les vor­bei war, wa­ren wir al­ler­dings sehr froh über un­ser Er­s­teHil­fe-Trai­ning. At­ten­tä­ter Ay­oub El Khaz­za­ni ist in Frank­reich in Haft. Ha­ben Sie ihn je ge­trof­fen? Sto­ne: Nein, nie. Ich den­ke auch nie an ihn, ehrlich ge­sagt. Vie­le Men­schen glau­ben, dass wir ihn si­cher has­sen, aber er exis­tiert nicht wirk­lich für uns. Ha­ben Sie ei­gent­lich kei­ne Angst davor, dass Sie durch den Film zum Ziel ei­ner neu­en Atta­cke wer­den könn­ten? Scar­la­tos: Es war uns im­mer klar, dass die Mög­lich­keit be­steht. Aber wir wa­ren so­wie­so von Haus aus al­le drei im­mer schon et­was pa­ra­no­id, viel hat sich al­so nicht ge­än­dert (lacht). Sto­ne: Lass sie nur kom­men, wir er­war-

Am 21. Au­gust 2015

pack­te Ay­oub El Khaz­za­ni im Zug von Ams­ter­dam nach Pa­ris plötz­lich meh­re­re Waf­fen aus. Fünf Pas­sa­gie­re, dar­un­ter Cl­int East­woods Haupt­dar­stel­ler Alek Scar­la­tos, Ant­ho­ny Sad­ler, Spen­cer Sto­ne, über­wäl­tig­ten ihn, be­vor es To­te gab. Aber vier Men­schen wur­den ver­letzt, dar­un­ter Sto­ne. Die Män­ner wur­den drei Ta­ge spä­ter für ih­re Ret­tungs­ak­ti­on mit dem Or­den der Eh­ren­le­gi­on aus­ge­zeich­net. ten sie mit of­fe­nen Ar­men – äh, ich soll­te das viel­leicht nicht sa­gen. Sad­ler: Wir sind uns be­wusst, dass ei­ne Mög­lich­keit be­steht, dass da drau­ßen ir­gend­je­mand ist, der sich auf un­se­re Kos­ten ei­nen Na­men ma­chen oder qua­si Ra­che neh­men will. Das kön­nen wir auch nicht ver­hin­dern. Wir las­sen uns un­ser täg­li­ches Leben aber nicht durch die­se Angst be­ein­träch­ti­gen. Die Welt hat sich in den letz­ten Jah­ren durch den Ter­ror – und die Angst davor – aber den­noch stark ver­än­dert. Sad­ler: Ja, heu­te fin­den neu­ar­ti­ge Krie­ge oh­ne tra­di­tio­nel­le Schlacht­fel­der statt. Je­der kann sich je­der­zeit ei­nem An­griff aus­ge­setzt se­hen. Sto­ne: Man muss im­mer und über­all dar­auf ein­ge­stellt sein, dass man je­der­zeit zum Erst­hel­fer wird und sich um ei­ne Si­tua­ti­on küm­mern muss, be­vor noch die Po­li­zei ein­trifft. Das ist trau­rig, aber nun mal un­se­re Rea­lität. Was dach­ten Sie, als Cl­int East­wood Sie frag­te, ob Sie sich im Film spie­len wol­len? Scar­la­tos: Er hat uns nach Los An­ge­les ein­flie­gen las­sen, und wir ha­ben an­ge- nom­men, wir soll­ten die Schau­spie­ler tref­fen, die uns spie­len wür­den. Als uns dann klar wur­de, was er wirk­lich will, war das schon ziem­lich ir­re für uns. Hat­ten Sie über­haupt kei­ne Be­den­ken, sich selbst zu spie­len? Scar­la­tos: Doch, schon. Aber dann dach­ten wir: „Wenn Cl­int East­wood uns das zu­traut, dann trau­en wir es uns auch selbst zu.“ Wol­len Sie drei ei­gent­lich mit der Schau­spie­le­rei wei­ter­ma­chen? Sto­ne: Jetzt, wo uns Cl­int East­wood per­sön­lich in die Film­welt ein­ge­führt hat, kön­nen wir die­se Ge­le­gen­heit doch nicht un­ge­nutzt ver­strei­chen las­sen. Sie wa­ren 2015 als Tou­ris­ten in Eu­ro­pa un­ter­wegs. Ab­ge­se­hen vom 21. Au­gust, was war für Sie als jun­ge US-Ame­ri­ka­ner hier das Un­ge­wöhn­lichs­te? Sto­ne: Das Es­sen. Was man in Eu­ro­pa isst, ist ein­fach – an­ders. Nicht so fett, nicht so schwer – so viel bes­ser! Sad­ler: Das sagt er jetzt. Wis­sen Sie, wie schwie­rig es war, ihn von McDo­nald’s zu ent­wöh­nen?

Reuters

(v. li. n. re.) mit Cl­int East­wood Sto­ne and Ant­ho­ny Sad­ler Alek Skar­la­tos, Spen­cer

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