Er lieb­te und film­te klu­ge Nar­ren

Der aus Tsche­chi­en stam­men­de US-Re­gis­seur Mi­loˇs For­man, ein An­walt der Wi­der­stän­di­gen, der »Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest« und »Ama­de­us« dreh­te, ist 86-jäh­rig ge­stor­ben.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BAR­BA­RA PETSCH

Es gibt die­se Film­bil­der, die ei­nem ewig im Kopf blei­ben. Ei­nes da­von ist Jack Ni­chol­son in „Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest“. Ni­chol­son-Fans, die kei­nen Film mit dem Star aus­las­sen, arg­wöh­nen, dass der Star die­ses dre­cki­ge, tri­um­phie­ren­de und ir­re Zäh­neble­cken seit­her je­dem sei­ner Re­gis­seu­re un­ter­ge­ju­belt hat. Es ist ein­fach ein Klas­si­ker wie die­ser Film aus dem Jahr 1975, der vor dem Hin­ter­grund der Um­brü­che in der Psych­ia­trie ge­dreht wur­de.

Rand­le Patrick McMur­phy soll ei­ne Stra­fe we­gen Ver­füh­rung von Min­der­jäh­ri­gen ab­sit­zen, um es be­que­mer zu ha­ben, täuscht er ei­ne psy­chi­sche Er­kran­kung vor und bringt die Pa­ti­en­ten auf der Sta­ti­on, die dort un­ter ei­ner sa­dis­ti­schen Ober­schwes­ter lei­den, ge­hö­rig durch­ein­an­der. Ne­ben­bei wird hef­tig Kri­tik ge­übt am tra­di­tio­nel­len Um­gang mit Kran­ken, de­nen haupt­säch­lich Me­di­ka­men­te ver­ab­reicht wer­den. „Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest“mag auch als Ap­pell, sich selbst zu be­frei­en, ge­se­hen wer­den. For­man, 1932 im tsche­chi­schen Cˇa´slav ge­bo­ren, hat­te ei­ne schwe­re Kind­heit, bei­de El­tern star­ben im KZ, als Bub muss­te er ih­re Ver­haf­tung durch die Gesta­po mit an­se­hen. Ver­wand­te und Freun­de der Fa­mi­lie zo­gen ihn auf. Im In­ter­nat lern­te er sei­ne ers­ten Ki­no­göt­ter ken­nen: Char­lie Chap­lin, Bus­ter Kea­ton und John Ford. Ei­ne gu­te und die da­mals ty­pi­sche Mi­schung: zwei schrä­ge Hu­mo­ris­ten und ein Wes­tern­film-Pio­nier. Neue Wel­le. An­fang der Sech­zi­ger­jah­re bil­de­te sich die Neue Wel­le des tsche­chi­schen Ki­nos, ori­en­tiert am fran­zö­si­schen, auf Wahr­heit aus­ge­rich­te­ten und da­her auch so be­nann­ten Ci­ne­ma Ve­ri­te.´ Auch un­ter dem Ein­druck der Kriegs­er­eig­nis­se woll­te man weg von den künst­lich her­ge­stell­ten Lein­wand- Il­lu­sio­nen. Be­reits Form­ans ers­ter Spiel­film „Der schwar­ze Pe­ter“über ei­nen re­bel­li­schen Te­enager er­reg­te Auf­se­hen, al­ler­dings auch bei den kom­mu­nis­ti­schen Macht­ha­bern.

„Der Feu­er­wehr­ball“, in dem For­man deut­lich Kri­tik an der dum­men Funk­tio­närs­kas­te üb­te, wur­de 1969 in der Tsche­cho­slo­wa­kei ver­bo­ten. Als die So­wjets 1968 den Pra­ger Früh­ling nie­der­schlu­gen, war For­man ge­ra­de in Pa­ris. Sein tsche­chi­sches Stu­dio be­haup­te­te, er ha­be das Land un­er­laubt ver­las­sen. Der Ent­zug der Staats­bür­ger­schaft war in den kom­mu­nis­ti­schen Zei­ten ein pro­ba­tes Mit­tel, mit dem man ver­such­te, Leu­te klein­zu­krie­gen. Aus­bür­ge­rung. Nicht mit For­man. Er ver­ließ Eu­ro­pa. 1975 be­kam er die US­ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. Wi­der­stän­di­ge Hel­den wur­den fort­an sein Haupt­the­ma. Auch Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart war ein sol­cher. Die Ver­fil­mung des Stü­ckes „Ama­de­us“von Pe­ter Shaf­fer 1984 wur­de ein Klas­si­ker wie „Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest“. Der al­te An­to­nio Sa­lie­ri (F. Mur­ray Abra­ham, gran­di­os!), Lieb­kind in der ita­lie­nisch ge­präg­ten Ober­schicht des Habs­bur­ger­rei­ches, im Al­ter aber im Nar­ren­haus in­ter­niert, er­zählt die Ge­schich­te, sei­nes gro­ßen Ri­va­len, des „Nar­ren“Mo­zart. Der Film mit Tom Hul­ce in der Ti­tel­rol­le, ist ei­ner­seits ei­ne Illustration der ob­szö­nen Bäs­le-Brie­fe Mo­zarts, an­de­rer­seits be­leuch­tet er plas­tisch des­sen auf­rei­ben­den Kampf ge­gen die Hof­ka­ma­ril­la: Kai­ser Jo­seph II. kom­men­tiert Mo­zarts fan­tas­ti­sche Ka­prio­len am Kla­vier, die sei­ne Kon­kur­ren­ten alt aus­se­hen las­sen, iro­nisch: „Zu vie­le No­ten, Herr Mo­zart, zu vie­le No­ten!“

Ge­hetzt von sei­nem Ge­ni­us, noch mehr vom über­mäch­ti­gen Va­ter Leo­pold, be­schließt der Kom­po­nist sein Leben früh. Man sieht ihn bleich, ent­geis­tert und ab­ge­zehrt die No­ten zu sei­nem „Re­qui­em“krit­zeln, das ein rei­cher Gön­ner be­stell­te. „Ama­de­us“räum­te mit man­chen Ste­reo­ty­pen auf, so ist Mo­zart hier ein durch­aus lie­ben­der Ehe­mann. Kri­ti­ker mein­ten zwar, ganz so sei es nicht ge­we­sen, aber der Film wur­de ein Welt­hit. Und ne­ben­bei gab er der Iko­ne Mo­zart neue Im­pul­se, wo­von bis heu­te der ös­ter­rei­chi­sche Frem­den­ver­kehr pro­fi­tiert.

In Form­ans Ab­sicht lag das nicht un­be­dingt. Über sei­nen Ar­bei­ten hän­gen die alp­traum­haf­ten Sze­na­ri­en sei­nes Lands­man­nes, des Schrift­stel­lers und Ak­ti­vis­ten Va­clav´ Ha­vel, der den Ein­zel­nen in kaf­ka­es­ken Sze­na­ri­en ver­strickt zeigt. Achim Ben­ning brach­te Ha­vels Stü­cke ins Burg­thea­ter. Der spä­te­re Prä­si­dent der Tsche­cho­slo­wa­kei war mit For­man zur Schu­le ge­gan­gen. „Val­mont“. Wei­te­re wich­ti­ge Fil­me Form­ans sind „Lar­ry Fl­int – Die nack­te Wahr­heit“(über den „Hust­ler“-Grün­der), „Der Mond­mann“(über den Ko­mi­ker An­dy Kauf­man) oder „Val­mont“nach den „Ge­fähr­li­chen Lieb­schaf­ten“von Cho­der­los de La­clos, die das de­ka­den­te, skru­pel­lo­se Trei­ben des Adels im vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich zei­gen. „Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest“und „Ama­de­us“ge­wan­nen den Os­car. In­ter­es­sant: Übers Thea­ter und sei­nen

For­man er­leb­te als Bub die Ver­haf­tung sei­ner El­tern, die bei­de im KZ star­ben. Fil­me von Vit­to­rio De Si­ca und Truf­faut be­geis­ter­ten For­man, auch Chap­lin und John Ford.

Bru­der, mit dem er back­stage Ope­ret­ten lausch­te, kam For­man zum Film. Weil er nicht zum Mi­li­tär woll­te, floh er auf die Film­schu­le, das ein­zi­ge Fach, in dem es Plät­ze gab, war bei den Dreh­buch­au­to­ren. Ei­ne sei­ner ers­ten Ar­bei­ten galt der „La­ter­na Ma­gi­ca“, die es in Tsche­chi­en zu be­son­de­rer Blü­te brach­te, hier mi­schen sich Film und Thea­ter zu ei­nem wahr­haft il­lu­mi­nier­ten Spek­ta­kel. De Si­ca und Truf­faut präg­ten For­man, hin­term Eisernen Vor­hang wirk­ten Ido­le dop­pelt so stark. Er hat­te auch ein si­che­res Ge­spür für gla­mou­rö­se Be­set­zun­gen, in ei­nem sei­ner letz­ten Fil­me, „Goyas Geis­ter“, spiel­ten Na­ta­lie Port­man und Ja­vier Bar­dem.

Mit 86 ist Mi­losˇ For­man, ein An­walt des In­di­vi­dua­lis­mus, nun nach kur­zer Krank­heit ge­stor­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.