Im­mer der Stra­ße nach: Ei­ne Welt­rei­se mit Bob Dy­lan

Am Frei­tag war er in Salz­burg, heu­te spielt er in Brünn, am Mon­tag in Wi­en: Bob Dylans 1988 be­gon­ne­ne »Ne­ver En­ding Tour« geht wei­ter. Doch auch sei­ne Tex­te sind vol­ler Städ­te, Stra­ßen und Län­der, oft in den USA, manch­mal ganz an­ders­wo, teils re­al, teils

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON THO­MAS KRA­MAR

Tra­vel is the key“, das schrieb zwar Pat­ti Smith, ei­ne be­ken­nen­de Schü­le­rin Bob Dylans. Doch auch auf des­sen Werk passt der Satz bes­tens, schon im „Song to Woo­dy“(1961) er­klär­te er sei­nen Vor­bil­dern – den Män­nern wie Woo­dy Gu­thrie, „that co­me with the dust and are go­ne with the wind“– alt­klug: „I’ve be­en hit­tin’ so­me hard tra­vel­lin’ too.“Knap­pe 21 war er da­mals und flun­ker­te gern, auch über sei­ne Rei­sen. Die na­tur­ge­mäß in der Kle­in­stadt in Min­ne­so­ta be­gan­nen, in der er am 24. Mai 1941 als Ro­bert Zim­mer­man ge­bo­ren wor­den war, ein En­kel li­taui­scher und rus­si­scher Ju­den, die um 1905 nach Ame­ri­ka emi­griert wa­ren. „Du­luth’s an iron ore ship­ping town in Min­ne­so­ta, it was built on a ro­cky cliff that runs in­to La­ke Su­pe­ri­or. I was born the­re“, so be­ginnt „My Li­fe in a Sto­len Mo­ment“, ein Pro­sa­ge­dicht Dylans aus dem Jahr 1962, und das stimmt auch – im Ge­gen­satz zu et­li­chen an­de­ren Aus­sa­gen aus die­sem Ge­dicht, zum Bei­spiel, dass er „mit 10, 12, 13, 15, 151/ 17 und 18“von da­heim aus­ge­ris­sen sei. Noch ein­mal kommt Du­luth in „So­me­thing The­re Is About You“(1974) vor, wo Dy­lan über „rai­ny days on the Gre­at La­kes“singt. Ei­ne der wich­tigs­ten Nord-Süd-Ver­bin­dun­gen in den USA. Der High­way 61 führt von Wyo­ming, Min­ne­so­ta, nach New Or­leans; an der Kreu­zung zwischen ihm und der Rou­te 49 soll einst der Blues­mu­si­ker Ro­bert John­son sei­ne See­le dem Teu­fel ver­kauft ha­ben. Für den jun­gen Bob Dy­lan war er der Weg aus Du­luth in die wei­te Welt. „Hitch­hi­ked on 61 – 51 – 75 – 169 – 37 – 66 – 22“, schreibt er in „My Li­fe in a Sto­len Mo­ment“. In „High­way 61 Re­vi­si­ted“(1965) ist die­se Au­to­bahn ein dra­ma­ti­scher Ort: In der ers­ten Stro­phe be­fiehlt Gott dem Abra­ham – auch Bob Dylans Va­ter hieß so –, sei­nen Sohn dort zu op­fern; in der letz­ten Stro­phe wird dort der nächs­te Welt­krieg ar­ran­giert. „Ram­blin’ out­ta the wild west“sei er nach New York ge­kom­men, er­zähl­te Dy­lan 1961 in „Tal­king New York“: Die „New York Ti­mes“ha­be vom käl­tes­ten Win­ter seit 17 Jah­ren ge­schrie­ben – „I didn’t feel so cold then.“Ei­ne sei­ner ers­ten Adres­sen war dort die 4th Street Num­mer 161, dar­an er­in­ner­te er sich spä­ter in „Po­si­tive­ly 4th Street“. Wo die­se un­heil­vol­le Stra­ße liegt, weiß kei­ner. „Ir­gend­wo in Me­xi­ko“, sag­te Dy­lan ein­mal ei­nem neu­gie­ri­gen Jour- na­lis­ten: „Jen­seits der Gren­ze. Ein Ort, der für sei­ne Co­ca-Co­la-Fa­b­rik be­kannt ist.“Im Song tre­ten auf: Kain und Abel, der Glöck­ner von Not­re Da­me, Ophe­lia, Ein­stein (ver­klei­det als Ro­bin Hood), Ez­ra Pound, T. S. Eli­ot. Es gibt in den USA et­li­che Or­te die­ses Na­mens, in „Stuck In­si­de of Mo­bi­le With The Mem­phis Blues Again“ist wohl Mo­bi­le in Ala­ba­ma ge­meint. Der eben­so sur­rea­le „Tombs­to­ne Blues“spielt eben­falls in ei­ner rea­len Stadt: Tombs­to­ne, Ari­zo­na, wo 1881 die Schie­ße­rei am O. K. Cor­ral statt­fand. Die­se Stra­ße aus dem Song „Sen˜or (Ta­les of Yan­kee Po­wer)“hat schon so man­cher Dy­la­no­lo­ge ge­sucht, wohl auch ob des mys­te­riö­sen Sat­zes, in dem sie vor­kommt: „Do you know whe­re we’re hea­din’? Lin­coln County Road or Ar­ma­ged­don?“Im­mer­hin: Bil­ly the Kid kämpf­te einst im Lin­coln County War in New Me­xi­co, und Dy­lan hat den Sound­track zum Film „Pat Gar­rett and Bil­ly the Kid“ge­schrie­ben. Jo­an Ba­ez mein­te, dass der ge­wal­ti­ge, über elf Mi­nu­ten dau­ern­de Song „Sa­dEy­ed La­dy Of The Low­lands“ihr ge­wid­met sei, weil sie oft ei­nen Song na­mens „Low­lands“sang. In Wahr­heit spiel­te Dy­lan mit der Klan­gähn­lich­keit von „low­lands“und Lown­des, dem Ge­burts­na­men sei­ner Frau Sa­ra. Dass er den Song für sie ge­schrie­ben ha­be – und zwar im Chel­sea Ho­tel in New York –, er­klär­te er ex­pli­zit 1976 im Song „Sa­ra“. Doch auch die­se Ges­te konn­te die Schei­dung nicht ver­hin­dern. „Sa­ra“hat er seit da­mals nicht mehr live ge­spielt, „Sad-Ey­ed La­dy“über­haupt nie. „My he­art’s in the high­lands“, mit die­sem Satz be­ginnt Bob Dylans längs­ter Song (über 16 Mi­nu­ten, auf „Ti­me out of Mind“): Ge­nau­so heißt ein Song des schot­ti­schen Dich­ters Ro­bert Burns (von dem auch „Auld Lang Sy­ne“stammt). Den Weg in die­ses Land müs­se er erst fin­den, singt Dy­lan, aber im Geis­te sei er schon dort. In die „Black Hills of Da­ko­ta“– ei­nen hei­li­gen Ort der La­ko­ta-In­dia­ner – flüch­tet Dy­lan in „Day of the Lo­cust“, das ziem­lich rea­lis­tisch den 9. Ju­li 1970 be­schreibt, den Tag, an dem er das Eh­ren­dok­to­rat der Uni­ver­si­ty of Prin­ce­ton er­hielt und da­bei ziem­lich schwitz­te. „The sun­ny sky is aqua blue, and all the cou­ples dan­cing cheek to cheek“– nein, „Mo­zam­bi­que“(auf „De­si­re“, 1975) ist kein wirk­lich tief­sin­ni­ger Song. Dy­lan ha­be dar­in die Un­ab­hän­gig­keit von Por­tu­gal fei­ern wol­len, die Mo­sam­bik 1975 er­kämpft hat­te, mein­ten da­mals man­che. Und ja, er singt im­mer­hin von „lovely peop­le li­ving free“. . . Nach sei­ner fun­da­men­ta­lis­tisch-christ­li­chen Pha­se (ab 1979) be­sann Bob Dy­lan sich 1983 sei­ner jü­di­schen Wur­zeln: Auf der Rück­sei­te des Co­vers von „In­fi­dels“sieht man ihn auf dem Öl­berg in Jerusalem, in Is­rael war er da­mals an­läss­lich der Bar-Miz­wa sei­nes äl­tes­ten Soh­nes Jes­se. Im Song „Neigh­borhood Bul­ly“tritt er kaum ver­schlüs­selt für den Staat Is­rael ein, teils mit bö­sem Sar­kas­mus: „Well, he’s sur­roun­ded by pa­ci­fis­ts who all want pe­ace.“ Im Song „Mis­sis­sip­pi“(2001) ist vom Bun­des­staat die Re­de – wo der Er­zäh­ler, dies­mal auf ei­ner ver­geb­li­chen Rei­se, „a day too long“war –; doch der Fluss fließt in vie­len Songs. Oft über die Ufer: „High Wa­ter (For Char­ley Pat­ton)“er­in­nert an das his­to­ri­sche Hoch­was­ser des Jah­res 1927. Ei­ne kal­te Nacht auf der Spa­ni­schen Trep­pe, Lö­wen im Ko­los­se­um, ein Da­te mit Bot­ti­cel­lis Nich­te: Im Künst­ler­song „When I Paint My Mas­ter­pie­ce“(1971) malt Dy­lan ein fan­tas­ti­sches Rom. Aus dem er schließ­lich nach Brüs­sel auf­bricht, al­ler­dings nach ei­ner Zwi­schen­zei­le in der Neu­en Welt: „Sai­lin’ round the world in a dir­ty gon­do­la, oh, to be back in the land of Co­ca-Co­la“!“Die „Ear­ly Ro­man Kings“auf dem Al­bum „Tem­pest“sind üb­ri­gens eher kei­ne an­ti­ken Re­ges, son­dern ei­ne New Yor­ker Gangs­ter­band aus den Six­ties. Bob Dy­lan be­sang Wi­en nie ex­pli­zit – im Ge­gen­satz zu Leo­nard Co­hen (in „Ta­ke This Waltz“) –, aber auf dem Co­ver von „Tem­pest“(2012) sieht man groß ein Mo­tiv aus Wi­en: die Fluss­göt­tin Mol­dau vom Spring­brun­nen vor dem Par­la­ment. Dy­lan hat es nicht selbst auf­ge­nom­men, aber es ist gut mög­lich, dass er den Brun­nen bei ei­nem sei­ner Streifzüge ent­deckt hat. Auch durch Li­ver­pool ist Dy­lan ge­wan­dert – und er hat dort ein­mal an ei­ner ge­führ­ten Tour durch die eins­ti­gen Wohn­häu­ser John Len­nons und Paul McCart­neys teil­ge­nom­men. Viel­leicht hat ihn das zum Song „Roll On, John“an­ge­regt, ei­ner schlich­ten Hom­mage an den so früh ver­stor­be­nen Beat­le. Ein „fre­vel­haf­tes Wie­gen­lied in d-Moll“nann­te Dy­lan selbst sei­nen Song „Ga­tes of Eden“. In dem das Pa­ra­dies nur ne­ga­tiv de­fi­niert wird: Von dort kommt kein Ge­räusch, dort gibt es kei­ne Kö­ni­ge, kei­ne Sün­den, und dort ist es egal, was wirk­lich ist und was nicht. Die letz­ten Zei­len sind pa­ra­dox: „At ti­mes I think the­re are no words but the­se to tell what’s true. And the­re are no truths outs­ide the Ga­tes of Eden.“

Da­heim, vor sei­nem Haus in Wood­stock, 1968: Bob Dy­lan mit sei­nem äl­tes­ten Sohn Jes­se – der heu­te

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