»Blo­win’ In The Wind«, so­wie­so

Ori­gi­nal­treue? Wo­zu denn? Auch in Salz­burg zeig­te sich Bob Dy­lan als klu­ger Bast­ler am ei­ge­nen Werk, oft in­nig und zum Schluss gif­tig.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON THO­MAS kRA­MAR

Kein gu­ter Abend für Ca­s­a­no­va in Salz­burg: Bob Dy­lan führ­te den al­ten Sün­der gleich zwei­mal hin­ter­ein­an­der der Be­stra­fung zu, die ihm in ei­ner Stro­phe von „De­so­la­ti­on Row“blüht. Ob das ei­ne tie­fe Be­deu­tung hat?

Na­tür­lich nicht. (Auch wenn wir Dy­la­nis­ten dar­auf ver­ses­sen sind, in Dylans Songs und de­ren In­ter­pre­ta­ti­on nach Be­deu­tung zu su­chen.) Der 76-jäh­ri­ge Meis­ter hat sich ein­fach ver­sun­gen. Das kann vor­kom­men bei ei­nem Lied aus dem Jahr 1965, das im Ori­gi­nal im­mer­hin zehn zwölf­zei­li­ge Stro­phen hat. Dy­lan liebt die­se ma­jes­tä­tisch-grau­si­ge Vi­si­on ei­ner Welt aus den Fu­gen of­fen­bar noch im­mer, sie hat schon lan­ge ei­nen Fix­platz in sei­nem Li­ve­pro­gramm, sei­ne Band spielt sie so ak­zen­tu­iert, dass sich so­gar in Salz­burg ei­ni­ge kurz zum rhyth­mi­schen Klat­schen mit­rei­ßen lie­ßen . . .

So viel zur Be­haup­tung, ein Kon­zert Bob Dylans sei heu­te nur et­was für schrul­li­ge Qu­er­köp­fe. Das sa­gen je­ne, die von Dy­lan nur „Kno­ckin’ On Hea­ven’s Door“und „Blo­win’ In The Wind“ken­nen und die­se auch nur er­ken­nen (wür­den), wenn sie in der Ori­gi­nal­me­lo­die vor­ge­tra­gen wer­den.

Was man frei­lich nicht er­war­ten kann. Spä­tes­tens seit Be­ginn sei­ner Ne­ver En­ding Tour (al­so seit 1988) feilt und ras­pelt Dy­lan sei­ne Songs flei­ßig um, Tem­po, Me­lo­di­en und Rhyth­mus so­wie­so, manch­mal so­gar die Wor­te. Da wird in „Tan­g­led Up In Blue“, die­ser so­wie­so höchst ver­wir­ren­den Er­zäh­lung von Lie­be, Tren­nung und Wie­der­se­hen, die drit­te zur ers­ten Per­son und um­ge­kehrt, egal, so­lan­ge das ly­ri­sche Ich am Schluss noch im­mer un­ter­wegs ist und sei­ne Auf­lö­sung be­kannt gibt: „We al­ways did feel the sa­me, we just saw it from a dif­fe­rent po­int.“

Und das tut es. Das tut Bob Dy­lan. Auch wenn er das trau­ri­ge „Try­ing To Get To Hea­ven“mit ge­ra­de­zu wie­ne­ri­scher Schick­sals­er­ge­ben­heit singt, als wür­de er sa­gen: Wenn es kei­ne fah­ren­den Spie­ler und/oder kei­nen Wein mehr gibt in die­ser Welt, dann geh’ ich halt heim . . . Wenn er „Lo­ve Sick“fast ver­söhn­lich bringt, da­für in „Ho­nest With Me“auf­braust und in „Sim­ple Twist Of Fa­te“in­nig mur­melt, wäh­rend sei­ne fan­tas­ti­sche Band ei­ne Abend­land­schaft in gold­brau­nen Far­ben malt. Er selbst ist zum ver­sier­ten Pia­nis­ten ge­wor­den, der sich selbst klug und läs­sig be­glei­tet und ak­zen­tu­iert, Zei­len her­vor­hebt, et­wa im tro­cken swin­gen­den „Du­ques­ne Whist­le“die jä­he Ma­ri­en­er­schei­nung: „Must be the mother of our lord!“ Drei­mal Si­na­tra. Die Zahl der Si­na­traSongs – die er ste­hend, oh­ne Kla­vier singt – hat er wei­se auf drei re­du­ziert. Dy­lan legt all sei­ne Aus­drucks­kraft in sie, als woll­te er sa­gen: So schlicht, so selbst­ver­ständ­lich, da­bei so be­rüh­rend kön­nen Songs sein! Sei­ne ei­ge­nen kann er kaum so un­schul­dig se­hen und sin­gen, von „Soon Af­ter Mid­ni­ght“(in dem auch Ma­ria vor­kommt!) viel­leicht ab­ge­se­hen, und von „Blo­win’ In The Wind“na­tür­lich, das der­zeit kel­ti­scher denn je klingt.

Dann noch „Bal­lad Of A Thin Man“: Dy­lan, den Hut längst vom Kopf, höhnt die Un­wis­sen­den, als sei die Welt noch, wie sie 1965 war, als er jung und gna­den­los war. Die­sel­be Fri­sur, die­sel­ben Wor­te, das­sel­be Gift. Kein Satz ans Pu­bli­kum, kei­ne Ver­beu­gung. Wei­ter auf der Stra­ße.

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